Frankreich sagt dem Minitel Adieu

Ralf E. Krüger

Von Ralf E. Krüger

Fr, 29. Juni 2012

Computer & Medien

Der Internet-Vorläufer war im Nachbarland sehr populär – auch wegen seiner erotischen Aspekte.

Ulla war legendär. 3615 Ulla hat einst die Drähte zum Glühen gebracht. Es war der Name des wohl bekanntesten aller Videotext-Dienste, der in Frankreich das sogenannte Minitel in Rekordzeit populär gemacht hat. "Minitel rose" – nannte Monsieur das erotisch angehauchte Angebot, auf dem nette Damen unmissverständlich ihre Dienste anboten. Auch dank solcher Angebote erlebte das Minitel – ein Kleincomputer für Videotext, der an die Telefonbuchse angeschlossen wurde, – im Frankreich der 1980 und 1990er Jahre einen triumphalen Siegeszug. 1982 brachte der damals noch staatliche Telekom-Konzern France Télécom diese Geräte erstmals flächendeckend auf den Markt.

Doch obwohl die technischen Dinosaurier des Vor-Internet- Zeitalters noch immer rund 1800 Dienste anbieten, ist nach rund drei Jahrzehnten am 30. Juni definitiv Schluss mit der einst lukrativen Minitel-Ära. Das Vorhalten eines Parallelnetzes sowie der Ersatzteile für die Oldtimer des Computer-Zeitalters rechnet sich nicht mehr. Dabei wurde ihre Zahl zum Jahresbeginn noch auf gut 800 000 funktionsfähige Geräte geschätzt – 2002 waren es neun Millionen Terminals.

Die kleine Kiste aus der Online-Frühzeit galt mit ihrem Angebot einst als geradezu revolutionär. Anders als in Deutschland, wo BTX nie richtig durchstartete, gab es den Mini-Bildschirm mit herausklappbarer Tastatur gratis – in Rekordzeit stand er in fast jedem Haushalt. Doch der Betreiber Orange hat bereits 2011 das Ende der quadratischen Kisten angekündigt und den letzten Nutzern in diesem März die Abschaltung angekündigt. Die bereits nostalgisch verklärten Kisten gelten im Zeitalter von Smartphones und Tablets als überholt und nicht mehr zeitgemäß. Sie sind zudem nicht unumstritten. Viele Kritiker machen sie dafür verantwortlich, dass die meisten Franzosen erst spät das Internet entdeckt haben.

Andere behaupten dagegen das genaue Gegenteil. Das nie exportierte Minitel habe seine Nutzer erst auf das weltweite Netz vorbereitet, meinen etwa die Historiker Valérie Schafer und Benjamin Thierry. Denn erstmals konnten die Nutzer direkt Reisen buchen, Aktien kaufen, Überweisungen vornehmen oder direkt mit Fremden schriftlich kommunizieren: die Urform des Chats.

Was mit den verbliebenen Geräten passiert? Den Minitels steht eine zweite Karriere als Auto-Stoßstangen oder Mantelhalter bevor. Eine bei Toulouse gelegene Firma hat sich darauf spezialisiert, die Geräte mit gezielten Hammerschlägen zu zertrümmern, um dann die Kunststoff-Teile einer neuen Verwendung zuzuführen.