"Blut muss fließen"

Freiburger Filmemacher findet keinen Sender für Neonazi-Doku

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Fr, 25. Januar 2013

Computer & Medien

Der Frust eines Fans der öffentlich-rechtlichen Medien : Der Freiburger Filmemacher Peter Ohlendorf hat noch keinen Fernsehsender für den Film "Blut muss fließen".

Zwei ausverkaufte Kinosäle an einem Abend – und der nächste freie Termin für eine weitere Vorführung, den Peter Ohlendorf dem Kommunalen Kino anbieten kann, ist erst am Sonntag, 10. März: Sein Film "Blut muss fließen" über verdeckte Recherchen bei Neonazi-Konzerten ist bundesweit der Renner. In Kinos. Ein Fernsehsender fand sich bisher nicht. Das ist für Peter Ohlendorf Anlass, eine Debatte über den Auftrag öffentlich-rechtlicher Sender und Medienkultur zu starten. Der 1952 geborene Freiburger Dokumentarfilmer sieht da große Mängel.

Nach seinem Abi hat Peter Ohlendorf, der in München geboren wurde, erstmal Archäologie studiert. Bis er irgendwann merkte: "Ich gehöre eigentlich doch ins Hier und Jetzt." Es folgten erste Versuche beim damaligen Südwestfunk, der ihn von Bayern nach Freiburg lockte, und die Münchner Journalistenschule.

Manchmal kam die Frage nach dem roten Faden, der Verbindung zwischen Archäologie und Journalismus. Dabei war der Bezug für Peter Ohlendorf immer klar: "Bei beidem geht man in die Tiefe, schaut unter die Oberfläche, erklärt Entwicklungen." Zumindest im Ideal. Die heutigen Medien, findet Peter Ohlendorf, machen meist das Gegenteil. Der Wandel sei schleichend gekommen, mit einer deutlichen Beschleunigung vor etwa zehn Jahren. Seitdem registriert Peter Ohlendorf, der seit Jahrzehnten bewusst freiberuflich und "als glühender Verfechter der öffentlich-rechtlichen Sender" Filme macht, Probleme mit Redaktionen: Überall der Trend zu "Beliebigkeit und Quote", auch und gerade bei denen, die dank ihrer öffentlichen Finanzierung ihre journalistische Funktion als "vierte Gewalt" einer Demokratie besonders ernst nehmen müssten.

Bestätigt sieht sich Peter Ohlendorf in dieser Kritik seit einem Jahr beim Umgang mit seinem Film "Blut muss fließen". Da, sagt er, passe überhaupt nichts zusammen: "Die Leute wollen den Film sehen, aber die Sender ducken sich weg."

Reaktion auf die Ablehnung: Selbstbewusstsein und Alternativmodelle

Bisher sahen rund 25 000 Menschen den Film , in Leipzig und Dresden warteten Hunderte in der Kälte auf Zusatzvorstellungen um Mitternacht. Im Kommunalen Kino diskutieren Peter Ohlendorf und ein Vertreter der Antifa, die den Film nach Freiburg holte, unermüdlich mit dem Publikum, die Mehrzahl ist jung.

Der Film zeigt Undercover-Recherchen des unter dem Pseudonym "Thomas Kuban" auftretenden Journalisten bei Neonazi-Konzerten. Als Peter Ohlendorf sich zur Zusammenarbeit mit "Thomas Kuban" entschloss, war er davon sofort überzeugt: "Die Undercover-Aufnahmen sind ja einmalig, die hat sonst niemand!" Als der Film es vergangenes Jahr aufs "Berlinale"-Festival schaffte, schien seine Zukunft gesichert. Bis dahin hatten sich 200 000 Euro Schulden angehäuft, weil die Vorfinanzierung fehlte. Ganz zu schweigen von einer Bezahlung für die Filmemacher. Jetzt liegt der Schuldenstand bei 140 000 Euro, Peter Ohlendorf verkauft "Aktionstage" mit Vorführungen und reist unentwegt durchs Land.

Verhandlungen mit "Arte" seien gescheitert, sagt Peter Ohlendorf. Die offizielle Begründung, dass er Kürzungen nicht zugestimmt habe, sei falsch, es sei "ein Totalverriss" gewesen. Es laufen Gespräche mit dem NDR, auf keinen Fall will sich Peter Ohlendorf auf einen unattraktiven nächtlichen Sendeplatz drängen lassen. Er setzt den öffentlich-rechtlichen Sendern nicht nur Selbstbewusstsein, sondern auch Gegenkonzepte entgegen: Sein Zusammenschluss "Filmfaktum", der den Vertrieb von "Blut muss fließen" organisiert und mit Spenden unterstützt, ist ein Alternativmodell.

Vielleicht braucht Peter Ohlendorf das auch für den nächsten Film: "Die keiner will" erzählt von Menschen am Rande, die in Häuser ziehen, die beinahe abgerissen wurden – vier Jahre begleitete er das Projekt "Domiziel" in Titisee-Neustadt.

Weitere Informationen unter http://www.filmfaktum.de