Kein Klopapier mehr ohne eine App

Jürgen Reuß

Von Jürgen Reuß

Do, 25. Oktober 2018

Computer & Medien

Perspektiven, Risiken und Nebenwirkungen Künstlicher Intelligenz: "My Digital Revolution" von United World College und Carl-Schurz-Haus in Freiburg.

Dank der Fortschritte im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) werden 2025 95 Prozent aller Kundenkontakte von KI bestritten, ist Thomas Langkabel, National Technology Officer bei Microsoft Deutschland, sich sicher. Anlässlich der dritten Bestandsaufnahme "My Digital Revolution", für die United World College und Carl-Schurz-Haus in Freiburg diesmal die Bedeutung von KI ins Zentrum gerückt hatten, wies Langkabel in seinem Einführungsreferat daraufhin, dass KI keine Zukunftsmusik sei, sondern in Kürze in 75 Prozent aller Computeranwendungen drinstecken wird. Und das ist aus seiner Sicht auch gut so. Denn KIs sehen besser – nicht nur sichtbares Licht, sondern auch Gamma- und kosmische Strahlen –, könnten im Gegensatz zu uns das Gras wachsen hören und fühlen die Temperatur aufs Nanograd genau.

Für Langkamp ist das eine erfreuliche Entwicklung, denn KIs wollen uns nicht ersetzen, sondern unterstützen. Er verdeutlichte das an einem Foto aus einem Sicherheitszentrum der Olympischen Spiele in Brasilien. Da sitzen zig Menschen vor noch mehr Monitoren und achten auf potenzielle Gefahren. Völlig unsinnig. Intelligenter wäre, alle Kamera- daten in Echtzeit von einer KI auswerten zu lassen. Die ist nicht im entscheidenden Augenblick unkonzentriert, sondern schlägt Alarm. Setzt man die ein, werden dann zwar doch Menschen ersetzt, aber dafür steigt die Sicherheit. Die zukünftig vermutlich drängende Frage, was mit den freigesetzten Menschen passiert und ob tatsächlich alle mit Sinnvollerem beschäftigt werden können, wurde von Langkabel nur insofern thematisiert, dass ein paar davon gebraucht würden, um zu entscheiden, wie der Alarm zu bewerten und was zu tun ist.

An dem Punkt war Langkabel ganz einer Meinung mit Wolfram Burgard, dem Freiburger Robotiker und Spezialisten für autonome intelligente Systeme. Maschinen mögen über KI verfügen, aber nicht über ein künstliches Bewusstsein. Gerade weil Burgard mit seiner Forschung nah an der Schnittstelle von technischen Implantaten und menschlichen Körpern ist, sieht er so etwas wie eine eigenständige alltagstaugliche Entscheidungsfähigkeit in weiter Ferne. Auch wenn er zugibt, dass er sein Smartphone womöglich schneller vermissen würde als seine Frau, benutzt er die darauf installierte KI kaum für mehr, als die Weihnachtsbeleuchtung anzuschalten.

Kann KI uns auch näherkommen, vielleicht so nah wie der Held im Film "She" seiner KI Samantha? Können wir Daten fühlen? Mit der Frage eröffnete Moderatorin Léa Steinacker die Podiumsdiskussion. Könnte man sich einen Avatar wählen, um die Digitale Revolution mit Bravour zu bestehen, wäre Steinacker keine schlechte Wahl. Als Chief Innovation Officer der Wirtschaftswoche gehört sie zu den Top 40 der weltweiten Digitaltrendsetterinnen, hat einen angemessen globalisierten Lebenslauf, der nicht nur digitale, sondern auch wirtschaftliche und soziale Kompetenz nachweist, und beherrscht die Bühne mit beachtlichem Showtalent. Auch die an der Diskussion beteiligten UWC-Studierenden strahlten diese globalisierte Selbstverständlichkeit aus, mit der sie sich mit der Moderatorin über ihre Erfahrungen im KI-Leuchtturmland China austauschen. Dort bekommt man nicht mal mehr Klopapier ohne die Universalapp WeChat.

Am Beispiel China schärft sich vielleicht auch die KI-Frage: Assistiert sie dabei, uns zu weltoffenen, sozialen Wesen zu optimieren oder übt sie mit uns ein, uns ihrer bewusstseinslosen Intelligenz zu assimilieren?