Essay

Journalismus in den Zeiten von "alternativen Fakten"

Gabriele Schoder

Von Gabriele Schoder

Mi, 01. Februar 2017 um 10:10 Uhr

Computer & Medien

Schluss mit lustig? In den Nachrichten schon. So unsexy das klingen mag: Nüchternheit und Klarheit sind angesichts der gegenwärtigen Erregungskultur nötiger denn je.

Ist das Ironie, wenn der Moderator des ZDF-"Heute-Journal" sagt, der neue amerikanische Präsident bringe in den ersten Arbeitstagen "mehr in Bewegung als alle Vorgänger?" Nein, Donald Trump ist ja tatsächlich mit so einem Tempo durchgestartet, dass man allein vom Fahrtwind eine Erkältung bekommen konnte. Ist es ein launiger Scherz, wenn er den von Kellyanne Conway, der persönlichen Beraterin des Regierungschefs, kühn erfundenen Begriff "alternative Fakten" als ein "schönes neudeutsches Wort für Hirngespinste" bezeichnet? Ist es Satire, wenn er Trump bescheinigt: "Er hält Wort"? Nein, ist es nicht. Obwohl...

Der ausgewiesene Amerika-Kenner Claus Kleber hat seiner tiefen Skepsis gegenüber Trump so oft Ausdruck verliehen, dass man seine hier zitierten Sätze durchaus auch als uneigentliches Sprechen verstehen kann. Sollten wir hinter dem Gesagten das eigentlich Gemeinte hören, dass sich Trump nämlich anschicke, das demokratische Amerika im Handstreich umzukrempeln und allen Ernstes umzusetzen, was viele nur für wahnwitziges Wahlkampfgedöns hielten?

Kann sein, muss aber nicht. Damit Ironie als solche erkannt wird, müssen Sprecher und Zuhörer, Sender und Empfänger auf der gleichen Wellenlänge sein. Das funktioniert in den homogenen Gemeinschaften von Kabarett- oder Satireabenden bestens, in einer Nachrichtensendung nicht. Denn längst ist nicht nur in den USA das Publikum gespalten, und viele Fernsehzuschauer dürften Klebers Worte (die hier nur Beispiele für den derzeit vielfach zu beobachtenden Medienauftritt sind) als Respektsbezeugung, ja Bewunderung verstanden haben: Der Trump reißt doch was, endlich einer, der seinen Wahlversprechen treu bleibt!

Manche aber sehen sie auch als Versuch, zumindest eine intellektuelle Souveränität zu behaupten angesichts der journalistischen Ohnmacht gegenüber der neuen Macht im Weißen Haus: Distanzierung durch leisen Spott und zarte Ironie. Das aber hat nicht nur den Beigeschmack von Eitelkeit, ja Arroganz, sondern wirkt auch so zahn- wie hilflos.

Was also wäre der angemessene Nachrichtenton in der politischen Großwetterlage, die ja auch die Journalisten selbst betrifft, wenn sie von der neuen Rechten in Europa wie den USA als Schwindler, Gegner, Feinde diffamiert werden, die Regierung Trump sich gar im Krieg mit ihnen wähnt? Der hitzige Empörungston sicher nicht. Denn so fragwürdig es ist, die offensichtliche Manipulation von Tatsachen cool und lässig als kreativen Umgang mit der Wahrheit zu bespötteln und damit zu verharmlosen, so falsch wäre der verbissene Verbalkampf mit Häme und Übertreibung, mit apokalyptischen Szenarien, Verteufelung und Schaum vorm Mund. Denn das würde nur denen in die Hände spielen, die gegen einen seriösen Journalismus als Lügenpresse hetzen. Nein, so unsexy das klingen mag: Nötiger denn je sind Nüchternheit und Klarheit.

Journalisten in papierenen und elektronischen Medien tun gut daran, angesichts der gegenwärtigen Erregungskultur am beinahe 2000 Jahre alten Ethos des sine ira et studio festzuhalten, wenn ihre Arbeit mehr sein soll als Stichwortgeber für unterhaltsame Talkshows: Der Chronist, so schrieb Tacitus, solle ohne Zorn und Liebedienerei berichten, unvoreingenommen, leidenschaftslos, keinem Herrscher verpflichtet und keiner Partei. Klar hört sich in Zeiten, die Emotion gerne mal mit Information verwechseln, sowas schnell nach Beliebigkeit und Desinteresse an.

Das Gegenteil ist der Fall. Ohne akribische Recherche kann kein Journalist die Fakten präsentieren – und ohne Engagement und Unbeirrbarkeit kann er sie nicht verteidigen gegen die "alternativen Fakten", die flugs aus dem Hut gezaubert werden. Schluss mit lustig also? In den Nachrichten schon. Solange es nicht wirklich was zu lachen gibt.