Gedächtnisausstellung

Curt Liebich suchte im Kinzigtal nach dem Paradies

Antje Lechleiter

Von Antje Lechleiter

Mi, 05. Dezember 2018 um 19:25 Uhr

Kunst

Ein Künstler seiner Zeit, der im Kinzigtal die heile Welt und das Paradies suchte: Die Gedächtnisausstellung zum 150. Geburtstag von Curt Liebich in Gutach.

Im hohen Norden Ahrenshoop und Worpswede, tief im Süden Murnau, Grötzingen und Gutach – an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert schossen die Künstlerkolonien wie Pilze aus dem Boden. Die deutsche Kunstlandschaft befand sich im Umbruch, und eine ganze Reihe von Malern zog die Sehnsucht nach einem einfachen, naturnahen Leben fern der Großstädte in die Provinz. Das hatte Spätfolgen, denn die auf ihren Bildern gezeigten Menschen, Dörfer und Landschaften prägten die Vorstellung, die man – teils bis heute – von den Regionen hat.

Der extremste Fall einer Markenbildung findet sich im Kinzigtal. Denn obgleich der originale Bollenhut nur zu den drei Gemeinden Gutach, Kirnbach und Reichenbach gehört, wird er als Symbol der gesamten Schwarzwaldregion vermarktet. Dazu beigetragen hat der Maler Wilhelm Hasemann (1850–1913). Er kam 1880 auf der Suche nach einem Motiv für die Illustration eines Dorfromans nach Gutach – und blieb. Hasemann schwärmte seinen Malerfreunden von der Schönheit der Landschaft, den prächtigen Höfen, den freundlichen Menschen und ihrer Tracht vor und lockte sie aus Berlin, Weimar, München und Karlsruhe ins Kinzigtal. Zwischen 1880 und 1913 fanden sage und schreibe 178 Künstler den Weg an einen Ort, an dem es Natur in Hülle und Fülle gab. Einer der – wie Hasemann – bis zu seinem Tode in Gutach blieb, war Curt Liebich (1868–1937). Zum 150. Geburtstag dieses Künstlers widmet sich das Museum Hasemann-Liebich in einer umfangreichen Sonderausstellung dessen postromantischer Suche nach dem verlorenen Paradies. Bilder wie "Im Schutz des Höchsten (am Sägerbühl in Gutach)", 1893 und "An der Halde (in Gutach)" zeigen, dass der in Wesel am Niederrhein Geborene im Schwarzwald ein Stück "heile Welt" erblickte.

Resignation im Spätwerk

Mit der Lebenswelt des ausgehenden 19. Jahrhunderts hat dies nichts zu tun, doch Liebich war offensichtlich vom Brauchtum und der Aura eines Ortes fasziniert, der bis zum Bau der Schwarzwaldbahn 1873 praktisch von der Außenwelt abgeschlossen war. Wie nicht anders zu erwarten, fand in dieser Umgebung keine Annäherung an die Avantgardekunst des 20. Jahrhunderts statt. Doch daran war Liebich auch nicht interessiert. Er blieb ein Romantiker, der sich in seiner Freilichtmalerei partiell auf impressionistische Gestaltungsmerkmale bezog. Das Aufkommen des Expressionismus, Kubismus oder gar der abstrakten Kunst hat in seinem Werk keinen Niederschlag gefunden. Dafür trug die starke Verbreitung seiner Postkartenmotive, Werbekalender und Reklameplakate dazu bei, den Bollenhut und das Schwarzwälder Halbwalmdach weit über die Grenzen Badens hinaus bekannt zu machen.

Risse bekam Curt Liebichs Bild einer heilen Schwarzwaldwelt im Ersten Weltkrieg. Er entwarf 1923 für Gutach und für mehrere andere Gemeinden Kriegerdenkmäler, welche mit der tiefen Trauer der Dorfbewohner das Leid visualisieren, das der Krieg über die Menschen gebracht hat. Sein pazifistischer Ansatz stieß im Nationalsozialismus auf größte Ablehnung. So spricht aus seinem Spätwerk eine gewisse Resignation. Das Motiv des in der Heimat geborgenen, in sich ruhenden Menschen ist verschwunden. Was bleibt, ist allein die Schönheit der Landschaft.

Zum 150. Geburtstag. Curt Liebich Gedächtnisausstellung, Museum Hasemann-Liebich, Kirchstr. 4, Gutach. Bis 30. Januar, Mi, So 14–17 Uhr. Freitag, 7. Dezember, 19 Uhr Präsentation des neuen Katalogs "Curt Liebich, ein Künstler seiner Zeit".

http://www.kunstmuseum-hasemann-liebich.de