Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

18. Oktober 2008

"Das darf nicht sein"

BZ-INTERVIEW mit dem Schopfheimer Rechtsanwalt Claus Huber.

  1. Claus Huber Foto: Heiner Fabry

SCHOPFHEIM. Claus Huber, Fachanwalt für Familienrecht, vertritt die Schopfheimer Familie, deren zehnjährige Tochter nicht ausreisen darf. Im Gespräch mit Heiner Fabry macht Claus Huber deutlich, dass es bei diesem Fall um weit mehr geht als um eine Reise.

BZ: Herr Huber, warum kämpfen Sie gegen die Anordnung des Gerichts? Es geht doch um das Wohl eines Mädchens.

Claus Huber: Lassen Sie mich eines klar stellen, um jedes Missverständnis zu vermeiden. Ich lehne die widerwärtige Genitalverstümmelung von Frauen und Mädchen selbstverständlich ab. Natürlich muss alles getan werden, um vor derartigen Eingriffen zu schützen, wenn diese Gefahr droht. Im vorliegenden Fall kann aber von dieser Gefahr gar nicht die Rede sein. Sowohl die Familie in Deutschland wie deren Familien in Äthiopien lehnen die Beschneidung grundsätzlich ab. Das Jugendamt hat in einem ersten Gutachten keine Gefahr gesehen, und auch die Botschaft in Addis Abeba, der die Familie der Großeltern bekannt ist, kann eine Gefährdung nicht erkennen.

Werbung


BZ: In Äthiopien wird die Beschneidung aber noch praktiziert und nach Angabe der Hamburger Task Force ist Äthiopien ein Hochrisikoland.

Huber: Es ist richtig, dass die Beschneidung in Äthiopien vorkommt. Frau Ines Laufer von der Task Force gibt die Verbreitung mit etwa 90 Prozent an. Woher sie diese Zahl nimmt, weiß ich nicht. Die deutsche Botschaft in Addis Abeba hat bestätigt, dass die Verbreitung der Beschneidung in Äthiopien in ländlichen, bildungsfernen Gebieten noch bei etwa 60 Prozent liegt, Tendenz fallend. In den Städten und den gebildeten Bevölkerungsgruppen ist diese Praxis kaum noch ein Thema. Auch in Äthiopien steht die Beschneidung unter Strafe.

BZ: Das Gericht hat die Argumentation der 90-prozentigen Gefährdung übernommen und im Zweifelsfall für das Wohl des Mädchens entschieden. Ist das nicht nachvollziehbar?

Huber: Abgesehen davon, dass die 90 Prozent eine fragwürdige Zahl sind, ist die Argumentation entscheidend. Aus dieser Zahl wird von der Task Force abgeleitet, dass 90 Prozent der Menschen, die aus Äthiopien stammen, eine solche Praxis befürworten oder dulden. Damit wird eine ganze Bevölkerungsgruppe unter Generalverdacht gestellt. Der Diskriminierung einer ganzen Volksgruppe würde Vorschub geleistet. Diese Gruppe geht sogar soweit, dass sie alle Mädchen, die aus solchen "Risikofamilien" stammen, in einer Kartei zusammenfassen und durch die deutschen Behörden überwachen lassen will. Lassen wir den Gerichtsentscheid unwidersprochen, leisten wir einer Diskriminierung dieser Menschen aktiv Vorschub. Das darf nicht sein.

Autor: bry