Das Dreamteam des Designs

Michael Baas

Von Michael Baas

Sa, 30. September 2017

Ausstellungen

Das Weiler Vitra Design Museum beleuchtet in vier Teilen das Universum von Charles und Ray Eames.

Das gab’s noch nie. Das Vitra Design Museum bespielt alle vier Bühnen – den großen Gehry-Bau, die kleine Gallery, das Schaudepot und Zaha Hadids Feuerwehrhaus – parallel mit einem Thema: dem Design von Charles und Ray Eames. Doch was heißt Design? Das amerikanische Ehepaar ist Wegbereiter eines erweiterten Designbegriffs. Klassisches Produktdesign, für welches das Duo dank seiner Möbel bekannt ist, ist nur eine Facette des Œuvres. Charles (1907–1978) und Ray (1912–1988) befassten sich auch intensiv mit Kommunikations-, Ausstellungs- und Interaktionsdesign, betrachteten die Welt ganzheitlich, dachten das Spielerische ebenso mit wie das Soziale. "Möglichst vielen Menschen das Beste zum günstigsten Preis" lautete eine ihrer Devisen. Die "Eames Celebration", wie das Museum das Projekt überschreibt, stellt dieses holistische Designuniversum im Weiler Vitra Campus umfassend vor.

Herzstück der vierteiligen "Feier" ist eine Retrospektive zu diesen Leitfiguren modernen Designs, deren Ideen Stil und Lebensgefühl der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts exemplarisch verkörpern. Der im Hauptbau präsentierte Überblick basiert auf einer vom Barbican Center in London konzipierten Schau. Er ist chronologisch aufgebaut und beginnt mit den ersten Begegnungen des Architekten und der Malerin 1940 in der Cranbrook Academy of Art in Michigan. In diese Phase fallen auch die frühen Experimente mit Sperrholz und das Bemühen, einteilige Sitzschalen zu formen samt den als Nebenprodukt anfallenden Beinschienen für verletzte Soldaten der US-Army, die immerhin Geld brachten und stapelweise auf einem Podest im ersten Raum liegen.

Dazu gehören auch die in den späten 40er Jahren forcierten Möbelkreationen wie der Lounge Chair, die Aluminium-Group-Möbel oder die Drahtgittermöbel der "Wire Series" – Meilensteine des Möbeldesigns, die teils noch heute produziert werden, in ihrem Systemgedanken der Do-it-yourself-Welt den Weg ebneten und einen Schwerpunkt im zweiten Saal bilden. Dazu gehören aber auch Experimente mit neuen Materialien wie Kunststoff und die Beschäftigung mit Architektur. Ein Beispiel sind die Case House Studys, einem vor dem Hintergrund der nach 1945 in den USA grassierenden Wohnungsnot aufgelegten Programm, um günstig Wohnraum zu schaffen. Die Eames’ planten auch ihr Haus in Kalifornien in diesem Modus und kreierten trotz standardisierter Bauteile mit Licht- und Schattenspiel, mit von Mondrian inspirierten Glaspaneelen oder der Raumgestaltung eine individuelle Anmutung. Das Ergebnis sei Architektur als Ausdruck "einer Lebensweise", befanden die britischen Architekten Alison und Peter Smithon.

Ende der 50er Jahre widmete sich das Paar zunehmend der Konzeption von Ausstellungen, produzierte Filme und Installationen. Diese Periode beleuchtet ein dritter, der Kommunikation gewidmeter Teil. Er bietet unter anderem Objekte zu der 1959 in Moskau gezeigten Nationalausstellung "Glimpses of the USA", zu dem mit Eero Saarinen für den Computerpionier IBM entworfenen Pavillon für die Weltausstellung 1964, der als Nachbau zu sehen ist, oder zu der 1971 konzipierten Ausstellung "A Computer Perspective", die Auswirkungen des Digitalen früh thematisierte. Eames "hat uns mit den Werkzeugen unserer Generation bekannt gemacht", urteilte denn auch der 2014 gestorbene britische Minister Tony Benn laut der Begleittexte zur Ausstellung.

Eine weitere Station beleuchtet das Zugewandte, die in der Sammelleidenschaft gespiegelte Lebensfreude, die auch kulturgeschichtlich Disparates in Interieurs und Arrangements verband. Was manche als Wiedergeburt des viktorianischen Krimskrams bezeichnen, halten andere als "funktionelle Dekoration" für einen der originellsten Beiträge zum Design des 20. Jahrhunderts, da er der Moderne ein menschliches Antlitz verleiht.

Das Gesamtbild offenbart ein Designteam, das Privates und Berufliches verschmolz, das einen Designbegriff kreierte, der am konkreten Bedürfnis ansetzte und Distanz zur Selbstdarstellung wahrte, "Design als Handlungweise verstand", wie die Kuratorin Jolanthe Kugler schreibt. "Neuerung sollte es nur geben, wenn es gar nicht anders geht", lautete eine weitere Maxime von Charles Eames. Sie unterstreicht diesen Ansatz, der Widersprüche scheinbar einfach verknüpfte, der Minimalismus und Vielfalt, Tradition und Innovation, Standardisierung und Individualisierung, Hoch- und Massenkultur oft unkonventionell versöhnte.

Die Ausstellungen in den "Satelliten" reichern dieses Bild weiter an: Das Schaudepot bietet Einblicke in die Werkstatt, beleuchtet das Tüfteln, das sich nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum vorantastete und doch die Leidenschaft für die handwerkliche Form und das einfache Leben bewahrte. Ein Beispiel ist die Heißpressmaschine "Kazam" zur Verformung von Sperrholz, die Anfang der 40er Jahre in der Eames-Wohnung in Los Angeles stand.

Eine andere Komponente ist die gleichsam kindliche Neugier und Freude an angeblich Nutzlosem. "Take your pleasure serious", nimm dein Vergnügen ernst, war entsprechend eine andere Leitlinie der Eames. Ein Aspekt, den nicht zuletzt die "Play Parade" in der Gallery mit Kreiseln, Masken, Drachen oder Kartenhäusern vergegenwärtigt – übrigens ein speziell für Kinder konzipierter Baustein der Feier. Im Feuerwehrhaus schließlich ist eine Auswahl der 100 Kurzfilme und Multimediainstallationen zu sehen, die von 1941 bis 1981 entstanden, und als Vorläufer heutiger Videospiele oder Musikvideos gelten. 60 Arbeiten sind – thematisch sortiert – zu sehen und addieren sich zu gut acht Stunden Laufzeit. Es braucht also Zeit, dieses Weiler Eames-Universum zu durchmessen.

Vitra Design Museum. Weil am Rhein, Charles-Eames-Str. Bis 25. Februar 2018, täglich 10–18 Uhr.