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14. Februar 2017

Georg-Scholz-Haus Waldkirch

Das Heim- und Fluchtorchester verbindet Kulturen

Das Freiburger Heim- und Fluchtorchester rockte das Georg-Scholz-Haus / Integration, die Spaß macht.

  1. Das Heim- und Fluchtorchester beim Konzert im Georg-Scholz-Haus. In der Bildmitte Bandleader Ro Kuijpers. Foto: Helmut Rothermel

WALDKIRCH. Inzwischen weiß man es auch in Waldkirch: Ein Livekonzert des Heim- und Fluchtorchesters, dazu noch vor der eigenen Haustür, sollte man sich keinesfalls entgehen lassen. Die jungen Musiker aus aller Herren Länder und ihr Bandleader Ro Kuijpers bringen mit ihrer explosiven Mischung aus orientalischen Klängen, Balkanbeats, afrikanischem Gesang, heißen Percussion-Rhythmen und abendländischem Streichersound jeden Saal zum Kochen.

Der aus den Niederlanden stammende Musiker und Komponist Kuijpers hat das Orchester 2012 im Rahmen einer Produktion des Freiburger Theaters mit dem Titel "Nächste Ausfahrt Heimat" gegründet. In dem Stück begegnen sich junge Menschen mit Koffern am Bahnhof, die einen fahren gerade in Urlaub, die anderen kommen als Flüchtlinge in Deutschland an. Zwei Welten, wie sie unterschiedlicher gar nicht sein könnten, treffen aufeinander. Wie diese Welten zusammenfinden, zeigt die Musik des Ensembles mit seinen Mitgliedern von Bamberg bis zum Irak. Beteiligt sind Freiburger Studenten aller möglichen Fachrichtungen und junge Flüchtlinge, orientalische Skalen treffen auf das westliche Dur-Moll-System.Während die Studenten sich in ihrem Spiel mehr oder weniger an die vorgegebenen Noten halten, sagt Kuijpers, können die Flüchtlinge oft gar keine Noten lesen, hätten dafür ein großes Gespür für spontane Improvisation. Gerade das mache das Besondere dieser Musik aus: Menschen verschiedenster Herkunft und Kulturen zaubern zusammen Klangteppiche von ungeheurer Intensität, mal eher gemessen, mal swingend, aber immer voller Spannung, die das Publikum im Georg-Scholz-Haus in Atem hält.

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Dazu kommen Soli, die den Musikern Gelegenheit geben, ihren in der jeweiligen Kultur verankerten Gefühlen freien Ausdruck zu geben. Dabei finden auch ansonsten sich feindselig gegenüber stehende Gruppen zueinander, wenn beispielsweise jesidische und christliche Kurden gemeinsam mit Muslimen ein musikalisches Feuerwerk abbrennen. Kaum zu glauben, dass die Musiker bei der Qualität des Dargebotenen nur einmal in der Woche gemeinsam proben. Inzwischen haben sie auch eine CD herausgebracht.

Die Gruppe besteht aus einem harten Kern von rund sechs bis sieben Leuten. Bei den Konzerten stehen dann bis zu 20 Mann auf der Bühne, wobei die Besetzung oft wechselt. In Waldkirch war das Orchester in eher kleiner Besetzung zu hören, mit drei Geigen, Cello, Akkordeon, zwei Flöten, Klarinette, Horn, Keyboard, Drums und der orientalischen Oud. Alle gespielten Stücke sind Eigenkompositionen, die meisten von Ro Kuijpers, manche von den Orchestermitgliedern. Die Gruppe, sagt der Bandleader, habe er aus musikalischen, nicht aus politischen Gründen ins Leben gerufen. Politik entstehe daraus allenfalls im Kleinen. Dieses "Kleine" ist jedenfalls ein großer Schritt zur vielbeschworenen Integration, der dabei noch jede Menge Spaß macht.

Autor: Helmut Rothermel