Das jüdische Leben in Diersburg

Lisa Geppert

Von Lisa Geppert

Mo, 03. September 2018

Hohberg

Bei einer Führung hat Bernd Rottenecker rund 30 Teilnehmern interessante Einblicke in die Geschichte gegeben.

HOHBERG-DIERSBURG. Am ersten Septemberwochenende findet seit 1999 der Europäische Tag der jüdischen Kultur statt. In diesem Rahmen bot Bernd Rottenecker vom Historischen Verein Hohberg einen Rundgang durch das jüdische Diersburg an, der von zahlreichen Interessierten angenommen wurde.

In Diersburg entstand seit 1738 eine jüdische Gemeinschaft. Denn Angehörige der jüdischen Religion waren laut damaligem Gesetz und Recht den Katholiken und Protestanten nicht gleichgestellt. Sie durften nur wohnen, wo sie vom Kaiser oder König das Recht bekamen. Dieses Recht wurde mit einer jährlichen Steuerabgabe bezahlt. In Diersburg waren die von Roeder als Reichsritter ansässig. Die Adelsfamilie erhielt die Erlaubnis, über die Ansiedlung von jüdischen Familien zu entscheiden. Und dies in einer Zeit, in der durch den 30-jährigen Krieg die Bevölkerung stark von Krankheit und Krieg gezeichnet und beinahe ausgestorben war. Nur noch 15 Menschen lebten in Diersburg. Die Ritter von Roeder erließen daher der jüdischen Gemeinde das Recht, sich niederzulassen. 1791 wurde die "Strittmatt" gekauft. Dort entstanden zahlreiche Wohnhäuser jüdischer Familien und 1826 eine Synagoge. Auch eine Mikwe, ein jüdisches Ritualbad, wurde in Diersburg gebaut.

Daneben bestanden die katholischen und protestantischen Gemeinden weiter. Was keine Seltenheit war. Von den zwei Brüdern, die sich die Herrschaft in Diersburg teilten, war der eine Protestant, der andere Katholik. Jede der drei Religionen hatte ihre eigenen Einrichtungen. Auch bei den Wirtsstuben gab es die katholische Wirtsstube, das evangelische Wirtshaus und die jüdische Wirtschaft. Das "Badischer Hof" genannte Haus steht noch heute in der Talstraße.

Beim Rundgang erklärte Bernd Rottenecker den rund 30 Teilnehmern viele Einzelheiten der Geschichte und zeigte Stellen, an denen heute noch Spuren des jüdischen Lebens zu sehen sind. In der "Strittmatt", wo früher die jüdische Schule war, an der Stelle der ehemaligen Mikwe und vor dem Rathaus sind Zeugen einer Zeit sichtbar, in der Judentum und Christentum gleichberechtigt zum Ort gehörten.

Eine Stele aus Stein vor dem Rathaus wurde von den Konfirmanden des Jahrgangs 2015 aufgestellt und zeigt jüdische, katholische und evangelische Symbole. Sie ist eine Nachbildung der 1843 im Rathaus eingebauten Abbildung der drei Religionen. Eine Gedenktafel erinnert an das 200-jährige friedliche Zusammenleben. Auf ihr wird der vielen jüdischen Menschen gedacht, die in der Zeit des Nationalsozialismus ermordet wurden. Die Aufarbeitung der schrecklichen Geschehnisse bis 1945 begann erst in den 90er-Jahren. Heute befasst sich eine Arbeitsgruppe des Historischen Vereins mit der jüdischen Geschichte in Baden.

Buchtipp: "Diersburg – Die Geschichte einer jüdischen Landgemeinde 1730-1940"; 235 Seiten; 15 Euro; ISBN: 3-933231-80-9