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07. September 2011

Alte Territorialgrenzen wirkten lange nach

Bei einer Grenzwanderung des Denzlinger Heimatvereins wurden alte Grenzsteine aufgespürt / Religion und Landnutzung waren einst Streitpunkte.

  1. Dieter Ohmberger referierte an den Heuweiler Gedenktafeln vor 120 geschichtsinteressierten Wandereren. Foto: Milan Neugebauer

DENZLINGEN. Vor kurzem veranstaltete der Heimat- und Geschichtsverein Denzlingen zusammen mit dem Schwarzwaldverein bei schönstem Sommerwetter eine ortshistorische Grenzwanderung. Los ging es um 14 Uhr am Wanderparkplatz Einbollen. Knapp 120 Leute waren interessiert und sorgten auch bei den Veranstaltern, die nicht mit so großem Andrang gerechnet hatten, für Überraschung. "Aber das zeigt ja, dass Wandern und Geschichte gut zusammen passen", meinte Dieter Ohmberger vom Denzlinger Heimat- und Geschichtsverein.

Die Wanderung führte entlang der Grenze zwischen dem katholischen Vorderösterreich und der evangelischen Markgrafschaft Baden, vorbei an den noch erhaltenen Grenzsteinen. Eine fast lückenlose Folge von über 40 Grenzsteinen steht noch. Die heutige Grenze Denzlingens entspricht zum Teil bis auf geringfügige Korrekturen der ehemaligen Grenze.

Auf dem Weg vom Parkplatz zum ersten Grenzstein wurde am Grillplatz Halt gemacht. Hier zeigte sich, dass kaum jemand die Ortswappen am Brunnen, der zum Abschluss der Flurbereinigung 1985 aufgestellt wurde, kannte. Dieter Ohmberger klärte auf, dass es sich um die Wappen der Nachbarorte Buchholz, Glottertal, Gundelfingen und Heuweiler handle, die neben dem großen Wappen von Denzlingen am Brunnen zu sehen sind.

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Ein paar Meter weiter ging es dann über die 1792 markierte Grenze nach Vorderösterreich und somit auf katholischen Boden. Hier wurde nun bis zum Flammhof im Glottertal gewandert, wo Zeit für eine kleine Stärkung war. Während die Geschichtsinteressierten auf Bänken saßen, wurde eine kleine Szene zu den Problemen der damaligen Zeit aufgeführt. Die vorderösterreichischen Föhrentäler beklagten sich, dass ihnen zu Unrecht der Flissert bei der neuen Grenzziehung genommen wurde. Ihren Ärger legten sie schnell auf die andersgläubigen Markgräfler um. Dementsprechend wenig willkommen wäre die Denzlinger Wandergruppe zur damaligen Zeit gewesen. Das Recht befand sich jedoch auf Seite der Markgrafschaft Baden.

Nach der kurzen Aufführung ging es dann an den anstrengenderen Teil der Wanderung. Steile Wege führten durch den Wald auf den Flissert. Immer wieder konnten Grenzsteine entdeckt werden, die sofort eine Traube von Wanderern um sich hatten. Auch die Kinder waren begeistert, als sie selbst die Grenzsteine suchen durften – vielleicht auch wegen einer Cola als Belohnung für jede gefundene Markierung. Die Erwachsenen beschäftigten sich an den Grenzsteinen vielmehr damit, auf welcher Seite sie sich denn nun befanden – Markgrafschaft Baden oder Vorderösterreich. Hin und wieder wurde die Wanderung von einem Klingeln und dem Wort "Bekanntmachung" unterbrochen – das Signal, dass einer der Führer Dieter Ohmberger, Dirk Glembin oder Dieter Geuenich über etwas Spannendes am Wegesrand informierte.

Vom Wanderweg boten sich mehrere Male traumhafte Aussichten über das Glottertal und Heuweiler. Auf dem Weg nach unten wurde an der Gedenktafel in Heuweiler Halt gemacht. Dort erzählte Dieter Ohmberger von dem Problem der Konfessionen. Die katholischen Denzlinger fühlten sich lange Zeit in Heuweiler beheimatet, denn als Andersgläubige hatten sie es in der eigenen evangelischen Gemeinde schwer. Ihre Kinder mussten zum katholischen Unterricht vorerst nach Heuweiler und auch zur Trauung oder Aussegnung mussten Katholiken nach Heuweiler. Die Religionsgrenze bestand bis zum Zweiten Weltkrieg und prägte das Leben der Menschen.

Nach ein paar Minuten Wandern ging es auf eine Wiese, auf der dann eine zweite Szene gespielt wurde. Anlass für Konflikte bot hier eine "Gemarkungsnase", mit der sich Denzlinger Gebiet nach Heuweiler erstreckte. "Diese Kuriosität im Grenzverlauf zwischen Heuweiler und Denzlingen war immer ein Stachel im Fleisch der Heuweilermer", erzählt Ohmberger. Mit der Grenzziehung, die bis in die Zeiten von Bürgermeister Wolfram Dennig bestand, waren die Heuweilermer nicht einverstanden. Obwohl die Obrigkeiten beider Parteien sich in einem Tauschgeschäft bestimmte Gebiete neu aufteilten, akzeptierte die Bevölkerung von Heuweiler die Grenze nicht und Grenzsteine wurden häufig wieder raus gerissen. An der Grenze standen sich beide Parteien oft gegenüber, es fehlte meist nur ein kleiner Funke, dass die Situation eskalierte.

Die Idee zur Wanderung entstand bereits vor einem Jahr. Wanderern sowie den Führern und Schauspielern machte der Nachmittag sichtlich Spaß. Ob es eine solche Wanderung wieder geben wird, ist noch offen, das Interesse scheint allerdings da zu sein. Die Strecke der Wanderung ist dadurch festgelegt, dass die Grenzsteine 50 bis 104 nahezu lückenlos erhalten sind und somit nacheinander abgegangen werden können. Im Sommer sind jedoch insbesondere im Wald einige Steine nur schwer zu finden, weil sie stark zugewachsen sind. Sie treten erst im Winter wieder ans Tageslicht.

Autor: Milan Neugebauer