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06. April 2013

Interview

Reinhold Messner: „ ... aufgewachsen wie halbe Wilde“

BZ-INTERVIEW: Reinhold Messner, der bekannte Bergsteiger und Abenteurer, spricht kommenden Donnerstag in Denzlingen.

  1. Reinhold Messner Foto: Tony Federico

  2. Beliebtes Postkartenmotiv: der Rosengarten in Südtirol im Sonnenuntergang. Südtirol ist die Heimat von Reinhold Messner. Foto: Martin Cyris

DENZLINGEN. Er kletterte auf die höchsten Berge, er durchquerte die Antarktis, er schreibt Bücher über Felsen, Eis und Schweiß: Reinhold Messner. Der Südtiroler spricht am Donnerstag, 11. April, in Denzlingen über die Eroberung von Nord- und Südpol. Patrik Müller sprach mit ihm – über Abenteuer, Gefahren und die Vorteile von wenig befahrenen Straßen.

BZ: Herr Messner, Kinder spielen heute seltener draußen als früher, können sich aber mit einem Mausklick ein Panoramafoto vom Gipfel des Everest angucken oder ein Foto vom Südpol. Welche Generation kennt mehr von der Welt?
Messner: Jeder wächst in seiner Zeit auf. Ich würde mein Kind heute nicht auf der Straße spielen lassen, das könnte ich nicht verantworten. Früher war das anders. Unsere Straße war nicht geteert, nur geschottert, einmal am Tag kam ein Bus vorbei, im Winter sind wir da mit 30 Sachen runtergerodelt. Wäre ich an eine Hauswand gefahren, hätte ich mir den Kopf eingeschlagen und wäre gestorben. Wir sind aufgewachsen wie halbe Wilde – und ich bin dankbar dafür.

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BZ: Welche Generation hat es besser?
Messner: Man darf da nicht mit den Worten besser oder schlechter argumentieren. Die Welt ist eine andere. Ich habe jedenfalls in jungen Jahren lernen dürfen, Verantwortung für mich selbst zu übernehmen. Später habe ich mich immer weiter nach vorne getastet, auf die Berge, in den Gefahrenraum. Dabei habe ich von meiner Kindheit extrem profitiert. Es waren nie die Kraft oder die Geschicklichkeit, die ich anderen Bergsteigern gegenüber voraus hatte – es war der Instinkt gegenüber der Natur, die Demut den großen Bergen gegenüber.
BZ: Wie unterscheidet sich die heutige Generation Bergsteiger von Ihrer?
Messner: Heutige Alpinisten sind perfekt vorbereitet, sie trainieren das ganze Jahr in der Halle. Die meisten Erstbegehungen werden heute gebastelt. Man analysiert die Route und bereitet sich zwei Jahre lang vor, lernt jeden Griff auswendig – und klettert das Projekt am Ende auch so. Das ist sicher eine gekonnt sportliche Tat, aber kein Abenteuer, wie es meine Generation erleben durfte. Wir sind neugierig ins Unbekannte gegangen – und hätten jedes Mal umkommen können.
BZ: Ist es heute schwerer, Abenteuer zu erleben?
Messner: Ja und nein. An berühmten Plätzen stolpern Sie ununterbrochen über andere Menschen, Fixseile und Leitern. Den Mount Everest steigen parallel 400 Leute hinauf, die Route wird präpariert wie ein Klettersteig, es gibt Fixseilketten und Leitern bis zum Gipfel. Das ist in Ordnung, mich stört das nicht – aber wenn man ein Abenteuer erleben will, muss man dorthin gehen, wo andere Leute nicht sind. Das geht auch vor der eigenen Haustür, in den Alpen.
BZ: Und wie?
Messner: Im vergangenen Jahr bin ich mit meinem Sohn eine klassische, früher häufig begangene Dolomitenroute geklettert. Es war keine extrem schwierige Tour, in jungen Jahren hätte ich das locker vom Hocker erledigt. Jetzt war ich froh, dass mein Sohn vorausgeklettert ist. Wir waren die Ersten, die in diesem Jahr dort unterwegs waren, wahrscheinlich auch die Einzigen – es war ein echtes Abenteuer.

Der Vortrag "Pole 90N/90S" findet am 11. April um 20 Uhr im Kultur- und Bürgerhaus in Denzlingen statt. Karten bei allen Reservix-Vorverkaufsstellen wie der BZ, unter Tel.  0761/496 8888 oder http://www.karoevents.de

ZUR PERSON: REINHOLD MESSNER

Der Südtiroler, der 1944 in Brixen geboren wurde, ist eine Legende: Er kletterte ohne Sauerstoff auf den Mount Everest, er stand als erster Mensch auf allen 14 Achttausendern – und bestieg den Nanga Parbat im Alleingang. Heute schreibt er Bücher und hält Vorträge.  

Autor: pam

Autor: pam