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02. September 2015 13:04 Uhr

Denzlingen

Führung zum Abschluss der archäologischen Grabungen zur Severinsruine

Weit mehr als 100 geschichtlich Interessierte waren am Montag zur Ruine der Severinskapelle auf dem Mauracher Berg in Denzlingen gekommen, um sich über die neuesten Forschungsergebnisse zu informieren.

  1. Grabungsleiter Benjamin Hamm erläuterte die Ergebnisse der Grabungen, im Vordergrund ist das freigelegte „Severinsgrab“ zu sehen. Foto: Helmut Rothermel

  2. Unter den Fundamenten der Sakristei wurden Gräber entdeckt. Foto: Helmut Rothermel

DENZLINGEN. Zum Abschluss der diesjährigen Grabungen führte der Freiburger Archäologe Benjamin Hamm die Besucher in mehreren Gruppen über das Gelände. Vor der Ruine beantworteten der Historiker Dieter Geuenich und Archäologiestudenten die Fragen der Besucher.

Insbesondere die Freilegung eines Grabes in der Kirchenmitte zog die Teilnehmer in Bann. Dort lag vermutlich der Tote, der von den Gläubigen als Heiliger Severin verehrt wurde und die Kirche zu einem bedeutenden Wallfahrtsort machte.

Seit 2011 finden Lehrgrabungen für Archäologiestudenten der Universität Freiburg auf dem Mauracher Berg statt. Noch vor fünf Jahren, berichtete Dieter Geuenich, habe man "archäologisch gar nichts" über die Ruine gewusst. Jetzt sei es möglich, schriftliche Quellen und Grabungsfunde zusammenzuführen und die Erkenntnisse der Geschichtswissenschaft und der Archäologie zu einem genaueren Bild zu ergänzen.

Die vor Beginn der diesjährigen Grabung bestehenden Erkenntnisse lassen sich etwa folgendermaßen zusammenfassen: Bereits im frühen Mittelalter wurde das Areal von Menschen genutzt, allerdings nicht zu kirchlichen, sondern zu profanen Zwecken. Unter der Ostwand des späteren Kirchenschiffs wurden Reste eines Grubenhauses gefunden, also eines halb über und halb unter der Erde befindlichen Gebäudes, das als Lager oder handwerkliche Arbeitsstätte genutzt wurde. In der Regel ist ein Grubenhaus Teil einer größeren Bebauung. Mit anderen Worten: Hier stand vermutlich ein in Holzbauweise errichteter Hof. Hinweise auf Steinbauten aus dieser Zeit gibt es nicht, Keramikfunde erlauben eine Datierung zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert.

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Gemauertes Grab ohne Knochenfunde

Die sakrale Nutzung des Geländes begann spätestens im 12. Jahrhundert, wie Kirchenfundamente, Grabfunde und schriftliche Quellen belegen. Zu unterscheiden ist eine ältere Kirche vor 1497 und eine jüngere seit diesem Datum. Der östliche Teil der älteren Kirche befand sich an einem Abhang, der vermutlich infolge von Überschwemmungen wegrutschte. Die neuere Kirche wurde weiter nach Westen auf sicheren Grund versetzt und im Osten eine Stützmauer errichtet.

Die Kirche war bis 1466 Pfarrkirche des Glottertals und wurde dann vom Konstanzer Domkapitel an das St. Margarethenstift Waldkirch verkauft. Sie war ein bedeutendes Wallfahrtsziel, waren die Gläubigen doch überzeugt, dass hier die Gebeine des Heiligen Severin liegen. In der Kirche befand sich eine um 1410 entstandene Reliefplatte des Heiligen, die heute in St. Jakobus in Denzlingen steht.

Die Reformation läutete das Ende der Wallfahrtskirche ein. 1575 wurden Messen und Wallfahrten abgeschafft, die Kirche in private Hände verkauft. In der Folgezeit verfiel sie. Doch wurde die Ruine weiterhin als "geweihter Grund" begriffen, wie Grabfunde belegen, die dem 17. beziehungsweise 18. Jahrhundert zugeordnet werden können. Eine schriftliche Quelle von 1754 berichte, so Geuenich, dass Gläubige beider Konfessionen weiterhin heimlich zum Grab Severins wallfahrteten. Auf der Reliefplatte von 1410 ist die Jahreszahl 1771 zusammen mit einem (geheilten) Bein eingeritzt.

"Wie die Maulwürfe" habe man sich, berichtete Benjamin Hamm, in den vergangenen Jahren von Westen nach Osten vorgearbeitet. Die diesjährige Ausgrabung habe gleich mit einer faustdicken Überraschung begonnen: In der Mitte der Kirche, an zentraler Stelle, habe man ein gemauertes Grabgeviert ohne Knochenfunde freigelegt. Offenbar lag dort eine wichtige Persönlichkeit, die umgebettet wurde. Jetzt wird vermutet, dass die Reliefplatte von 1410 auf diesem Grab lag und hier der vermeintliche Leichnam Severins verehrt wurde. Neben dem Grab wurde ein zweites Grubenhaus entdeckt, ein weiterer Beleg für die profane Nutzung im Frühmittelalter.

Im Chorbereich können jetzt deutlich vier Bauabschnitte unterschieden werden. Der ältere Chor besaß einen Rundbogen als Abschluss, der neuere einen Rechteckabschluss. Die östliche Stützmauer war etwa 1,80 Meter breit, was eine Turmaufbau darüber vorstellbar mache. Freigelegt wurde eine weitere Mauer im Osten, die noch nicht in den Bauzusammenhang eingeordnet werden kann. Zur Klärung, so Hamm, könne er sich eine weitere Grabung 2016 vorstellen. In der Stützmauer wurden zwei Gräber entdeckt, wobei die Bestattung in Nord-Süd Richtung stattfand. Dies sei ein weiterer Beleg für die Nutzung als Grabstätte nach Aufgabe der Kirche. Denn im Mittelalter wurden die Toten mit Blickrichtung nach Osten, hin zum "göttlichen Licht" bestattet – ein Brauch, der sich seit der Reformation langsam verlor. In der Apsis selbst wurden weitere Gräber freigelegt. Der Bestattungsort direkt beim Altar weise auf herausgehobene Personen hin. Auch unter den Fundamenten der Sakristei wurden Gräber entdeckt. Daraus kann geschlossen werden, dass dieser Gebäudeteil in einer späteren Bauphase entstand.

In den nächsten Tagen werden die Gräber und Gruben wieder zugeschüttet und die archäologischen Forschungen für dieses Jahr beendet. Angedacht ist, sagte Geuenich, eine oberirdische Kennzeichnung der Forschungsergebnisse. Vorstellbar sei, dass mit dem Smartphone Bilder und Videos der Flächen in freigelegtem Zustand abgerufen werden könnten.

Autor: Helmut Rothermel