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19. September 2017

Für Menschlichkeit

Zum Gedenken an die NS-Opfer Anna Bassinger und Jakob Bühler kommen auch Familienmitglieder.

  1. Hans Peter Wolfsperger Foto: Hirt

DENZLINGEN. Der Themenpfad "Denzlinger Spurensuche" erinnert jetzt auch an zwei Opfer des Nationalsozialismus. Die interaktiven Tafeln für Anna Bassinger und Jakob Bühler wurden kürzlich der Öffentlichkeit am Gasthaus Hirschen vorgestellt. Hier wohnte Bassinger. Bühlers Tafel steht an der Hauptstraße 53. Wer mit seinem Smartphone davor steht, kann Infos, Fotos und Videos über die Opferabrufen.

Bürgermeister Markus Hollemann hob hervor, dass mit den Tafeln "die ganze Welt erinnert werden kann". Die Informationen gebe es auch in den Sprachen der Denzlinger Partnergemeinden. Dieter Geuenich, vom Initiativkreis "Denzlingen in der NS-Zeit", berichtete über die Reaktionen zum Projekt. Es gebe Stimmen, die sagen, man solle das Thema ruhen lassen. "Es geht nicht darum, das Netz zu beschmutzen", sagte Geuenich. Es zeige sich aber auch, dass es noch weitere Schicksale in Denzlingen aus dieser Zeit gebe. Hartmut Nübling schilderte die Erinnerungen seiner Mutter. Sie habe erlebt, wie nach Kriegsende polnische Kriegsgefangene ihren Großvater Matthias Sillmann im Verwalterhaus des Mauracher Hofes erschossen haben. Die Tat sei nie aufgeklärt worden.

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Zum Initiativkreis gehören auch Dietrich Elchlepp und Dieter Ohmberger. Ersterer äußerte seine Hoffnung, dass Denzlinger Schüler die Erinnerungskultur im Ort weiterführen würden. Ohmberger stellte das Leben der beiden Opfer dar. An ihnen werde deutlich, wie Nazis mit Menschen umgegangen seien, die nicht systemkonform gewesen seien. Bassinger war Anhängerin der Zeugen Jehovas. Bühler galt als "asoziales Element", weil er mit seinem kleinen landwirtschaftlichen Betrieb seine Produkte ohne Genehmigung verkauft haben soll. "Hat die Denzlinger Bevölkerung Anteil an ihrem Schicksal genommen?", fragte Ohmberger. Aus seiner Sicht sei das nicht der Fall gewesen.

Der evangelische Pfarrer Hans-Günter Hartwig wandte sich in mit einem Gebet an die Zuhörer. "Lange wurde über dieses Unrecht geschwiegen", so Hartwig. Das gelte auch für seine Kirche. Anna Bassinger wurde evangelisch getauft.

Bei der Gedenkveranstaltung waren auch Familienangehörige der Getöteten anwesend. Hans Peter Wolfsperger, der Ehemann einer Enkelin von Anna Bassinger, sprach zum Publikum: Urteil, Entlassungschein aus dem Gefängnis – das sage aber nichts über den Leidensweg. Vor allem, dass Bassinger in der Sterbeurkunde als glaubenslos bezeichnet wurde, habe die Angehörigen besonders geschmerzt. Das Schicksal sei eine Mahnung für die Glaubensfreiheit.

Wolfsperger lobte das Engagement der Denzlinger: "Ein Appell für Menschlichkeit und Toleranz."

Autor: Jonas Hirt