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19. September 2015 09:59 Uhr

Denzlingen

Was passiert mit Internet-Einträgen nach dem Tod?

Die Mehrheit der Deutschen tummelt sich im Internet. Sie kommentieren, bloggen oder hinterlassen andere Spuren – doch was passiert nach dem Tod des Urhebers mit den Geisterprofilen?

  1. Was mit dem digitalen Nachlass passiert, ist vielen Menschen gleichgültig. Warum eigentlich? Foto: Stefan_Kiefer

Laut aktueller Studien nutzen alleine in Deutschland rund 71,7 Millionen Menschen ab 14 Jahren das Netz und stellen damit einen Anteil von rund 89 Prozent, gemessen an der Gesamtbevölkerung. Bundesweit starben laut statistischem Bundesamt im vergangenen Jahr rund 830 000 Menschen. Angesichts dieser Zahlen ist kaum vorstellbar, wie viele digitale Spuren verstorbene Menschen hinterlassen.

Wer pflegt die Facebook-Einträge von Toten?

Doch wer kümmert sich eigentlich um die "Geisterprofile" in Onlineshops, Onlinespielen, Internetauktionen, Profilen in Sozialen Netzwerken? Wer verwaltet E-Mails oder Providerverträge, wer pflegt Facebook-Einträge von Toten? Wer bearbeitet Dateien auf dem Laptop und in der Cloud eines Verstorbenen? Und wie trauert man online richtig? – All das gehört zum so genannten "digitalen Erbe", dem Spezialgebiet von Diplom-Theologin Birgit Aurelia Janetzky, Inhaberin von Semno Consulting aus Denzlingen. Die 52-Jährige berät Firmen und Privatpersonen und unterstützt sie, Internetspuren Verstorbener zu bearbeiten oder zu beseitigen. Zudem hält sie bundesweit Vorträge und wird immer wieder als Expertin hinzugezogen. "Man kann schon sagen, dass ich dieses Feld in Deutschland mitgeprägt habe", so die gebürtige Hessin. Birgit Janetzky ist eigentlich Theologin, Bildungsreferentin und Trauerredenschreiberin und eher aus Versehen nun auch Internetexpertin.

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Den digitalen Nachlass zu verwalten ist schwierig

"Bei dem Versuch vor vielen Jahren, Einträge über mich im Internet zu löschen, bin ich auf das Thema digitaler Nachlass gestoßen. Das war nämlich alles andere als einfach", erklärt sie ihren Weg zur Digitalen-Nachlass-Beraterin. Ihr gehe es um zwei Schwerpunkte: zum einen um den "digitalen Nachlass" und aufgrund ihres Hauptberufes als Theologin vor allem um die Trauer im Internet. So sattelte sie einen Abschluss als "Social Media Manager" drauf und tat sich für sehr technische Bereiche mit der Firma Columba aus Berlin zusammen, die sich als "informationstechnische Brücke zwischen professionellem Bestattungsgewerbe, kundenfreundlichen Unternehmen und persönlichen Anliegen Hinterbliebener" versteht.

Das Netz entwickelt sich zunehmend zu einem Ort der Gedenkens

Menschen nutzen das Internet für öffentliche Kondolenz und Trauer, das Netz stellt zunehmend einen Ort der Erinnerung dar, analog zum Gedenkkreuz am Straßenrand etwa. Auch im Netz lasse sich dieser Gedenkort gestalten und biete gute Möglichkeiten, seine Trauer zu verarbeiten, in Trauerforen Gleichgesinnte zu finden – anonym oder persönlich, Tag und Nacht. "Gefahren gibt es auch hier, etwa, wenn Gedenkseiten nicht administriert oder rechtliche Vorgaben nicht eingehalten werden", so Janetzky, die ausdrücklich warnt: "Man muss sich als Trauernder darüber im Klaren sein: Was einmal im Netz steht, ist außerhalb des eigenen Zugriffs. Also gut prüfen, bevor die Entertaste gedrückt wird!"

Die Deutschen machen sich wenig Sorgen, um ihren digitalen Nachlass

"Der digitale Nachlass ist ein Zukunftsmarkt: Die geburtenreichen, internetaktiven Sterbejahrgänge beginnen ja gerade erst: die heute 50- bis 60-Jährigen." In zehn Jahren boome der Markt, noch sei das Problembewusstsein nicht ausgeprägt. "In Deutschland scheint es kein besonderes Vorsorgebewusstsein zu geben", so Janetzky, dies betreffe nicht nur den digitalen Nachlass, sondern auch Dinge wie Testament oder Patientenverfügung. Oft stelle die erste Hürde in der Abwicklung des digitalen Nachlasses das Umgehen des Anmelde-Logins auf dem Rechner eines Verstorbenen dar, um an dessen Kontakte und Adresse zu kommen und beispielsweise Familie und Freunde zur Beerdigung einzuladen, erklärt Janetzky. Die Frage nach digitalen Themen komme meist zeitversetzt, je plötzlicher und überraschender der Tod eines Angehörigen, desto länger die zeitliche Lücke bis zur Regelung des digitalen Nachlasses. Bisher gebe es im Großraum Freiburg nur einen Bestatter, der sich dieser Themen annehme und etwa ein "Onlineschutzpaket" anbiete, das beispielsweise Datenbankabgleiche, Ermittlung von Nutzerkonten und Profilen, die automatische Übertragung oder Kündigung der ermittelten Verträge oder Schutz vor unnötigen Kosten oder Sichern von Guthaben beinhalte. Internetnutzern rät Janetzky dazu, sich frühzeitig mit diesen Vorsorgethemen auseinanderzusetzen. Und dies beginne bei einem geeigneten Passwortmanagement.

Die Expertin empfiehlt einen Online-Tresor

Eine gute Investition sei das Nutzen eines Online-Tresors, der regelmäßig extern gesichert werden sollte und in dem sämtliche Passwörter, Kennwörter, Pin-Nummern Platz haben, außerdem Dokumente wie Testamente oder Patientenverfügungen. Es gehe Janetzky nicht darum, paranoid vorsorglich zu sein, aber ein größeres verantwortungsvolles Handeln zu Lebzeiten sei schon wünschenswert, um später die Angehörigen zu entlasten.

Weitere Informationen gibt es unter http://semno.de/

Autor: Anja Ihme