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19. Dezember 2016

Wochenendkurs

Wie Mädchen in Denzlingen lernen, sich selbst zu verteidigen und zu behaupten

Keine Chance für die Angst: Mädchen zwischen acht und zwölf Jahren lernen beim Selbstverteidigungskurs, wie sie sich verhalten können, wenn eine Situation unangenehm oder gefährlich ist.

  1. Tritte und Schläge gehören auch zum Programm. Foto: Patricia Trostel

  2. Die Nachwuchskämpferinnen zeigen, was sie gelernt haben. Foto: Trostel

DENZLINGEN. Stell dir vor, du wirst im Sportunterricht so angefasst, dass es dir unangenehm ist. Was könntest du tun? Du siehst, wie jemand Anderes belästigt wird. Wie würdest du dich verhalten? Auf diese und viele weitere Fragen bekommen Mädchen zwischen acht und zwölf Jahren beim Selbstverteidigungskurs eine Antwort. Seit mehr als zehn Jahren veranstaltet die Denzlinger Jugendpflege nun schon den Wochenendkurs in der Grundschule Brückleacker.

"Wen-Do" nennt sich die Selbstverteidigungs- und Selbstbehauptungstechnik, die die zwölf Teilnehmerinnen lernen. Sie beinhaltet ausgewählte Tritte, Schläge und Befreiungsgriffe, die ohne großen Kraftaufwand angewendet werden können. Auch mentales Training und Angstbewältigung gehören zum Programm.

Im Kurs für die jüngeren Mädchen erfolgt dies allerdings altersgerecht und spielerisch. Es wird unablässig geplappert und gekichert. Manche Mädchen sind ein bisschen schüchtern, andere bereits sehr selbstbewusst und durchsetzungsfähig. Zierlich oder kräftig, sportlich oder eher unbeweglich – all das spiele beim Wen-Do keine Rolle, erklärt Trainerin Oruscha Rinn. Die Selbstverteidigungstechnik basiere auf dem Prinzip des sogenannten "Empowerments": Jedes Mädchen solle seine individuelle Stärke finden und diese ausbauen.

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Die Trainingsmethoden von Oruscha Rinn sind genauso unterschiedlich wie ihre Teilnehmerinnen: Sportliche Übungen wechseln sich ab mit ruhigeren Gesprächsrunden. In der Gruppe besprechen die Mädchen zum Beispiel, wie sie sich in gefährlichen oder unangenehmen Situationen verhalten können. Eigene Lösungen finden – das ist auch eine der zentralen Kompetenzen, die Oruscha Rinn vermitteln möchte.

Die 58-Jährige hat Erfahrung mit Kindern und geht sensibel mit Themen wie Angst und Belästigung um. Für den Freiburger Verein Tritta arbeitet sie bereits mehr als 30 Jahre als Wen-Do-Trainerin. Seit sie als junge Frau einmal selbst an einem Kurs teilgenommen habe, sei sie von dessen Konzept begeistert gewesen.

"Wen-Do ist kein Kampfsport", betont Oruscha Rinn. "Es geht vor allem darum, Grenzen zu setzen – auch ohne Gewalt." Mit lautem Rufen lernen die Mädchen deswegen, diese Grenzen schon frühzeitig zu setzen. Außerdem spielen die Mädchen Theater, boxen gegen Schlafsäcke und zerschlagen Holzbretter in zwei Teile. Anschließend bemalen sie diese und sammeln Unterschriften von allen Kursteilnehmerinnen als Erinnerung.

Selbstbewusster und sicherer

Wem das mehr nach Spiel und Spaß als nach effektivem Training klingt, hat weit gefehlt: Alle Methoden haben einen pädagogischen Hintergrund. In Mannschaftsspielen beispielsweise üben die Kinder, ihre Atmung zu kontrollieren. "Wenn wir in Panik verfallen, holen wir oft nicht mehr richtig Luft", erklärt Oruscha Rinn. "Dann sind wir blockiert und können uns nicht mehr wehren." Das ist die wichtigste Botschaft des Wen-Do: Die Angst soll nicht lähmen, sondern wach machen.

Stolz zeigen die Kinder, was sie gelernt haben: etwa den "Felsenstand", eine besonders stabile Körperhaltung, oder gezielte Tritte gegen ein Stoffkissen. Einige Mädchen tun sich noch schwerer als andere, mit voller Kraft zuzutreten. Oruscha Rinn lässt ihnen Zeit und ermutigt auch die Schüchternsten. "Die Kinder sollen verstehen, dass sie sich wehren dürfen", findet Oruscha Rinn. "Sie sollen außerdem wissen, dass es viele Erwachsene gibt, die sie unterstützen."

Alle ihre gelernten "Geheimtricks" wollen die kleinen Nachwuchskämpferinnen allerdings nicht verraten. Schließlich soll ein potentieller Gegner nicht wissen, womit er es zu tun bekommt. "Ich fühle mich selbstbewusster und sicherer", sagt ein Mädchen nach dem Training und ihre Freundinnen nicken zustimmend. "Wir wissen jetzt, wie wir uns helfen können, wenn wir bedroht werden."

Eins ist klar: Die Mädchen wollen der Angst keine Chance geben.

Tritta

Der Freiburger Verein Tritta setzt sich für feministische Mädchenarbeit ein. Für Mädchen und junge Frauen zwischen sechs und 21 Jahren bietet er Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungstraining an, aber auch Bildungs- und Freizeitprogramm. Viele der Projekte finden in Kooperation mit Schulen und Jugendeinrichtungen statt. Bei Tritta findet der nächste Wen-Do-Kurs vom 3. bis 5. Februar 2017 statt. Nach Denzlingen kommt der Kurs wieder nächsten Herbst.  

Autor: bz

Autor: Patricia Trostel