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30. April 2012

Zivilcourage gehört zum Schulleitbild

Am Denzlinger Erasmus-Gymnasium wird von Zehntklässlern eingeübt, wie Bedrohte bei Gefahren Hilfe bekommen können.

  1. Stopp, nicht weiter! Sich gegen Aggression adäquat zur Wehr zu setzen lernen neben anderen Verhaltensweisen die Zehntklässler des Erasmus-Gymnasiums in einem Zivilcourageseminar Foto: Markus Zimmermann, Markus Zimmermann

DENZLINGEN. "Stopp, komm mir nicht näher". Mit erhobenen Armen, großflächig aufgestellten Handflächen, beziehen die Zehntklässler des Erasmus-Gymnasiums gegenüber ihren angreifenden Klassenkameraden eindeutige Position. Nur eine von zahlreichen Übungen im Rahmen eines Seminars zur Zivilcourage, "die so oft eingefordert, doch nirgends gelehrt und gelernt wird", erklärt Vertrauenslehrer Stefan Jenzer. An der Schule ist ein Seminar für Zivilcourage fester Bestandteil des Unterrichts der Jahrgangsstufe 10.

"Aggression gehört zu unserer Erfahrungswelt", erklärt Andreas W. (Name geändert). Insbesondere, wenn die Schüler nach Freiburg gehen, würden sie damit immer wieder konfrontiert. Erst jüngst habe ein Freund von ihm in einer Diskothek unvermittelt eine Kopfnuss bekommen, berichtet der 16-Jährige. "An der Schule habe ich aggressives Verhalten noch nicht erlebt, in der Stadt ist es relativ normal", ergänzt Francesca Schäfer. Dabei wollten sich die meisten nur aufspielen, doch sicher könne man nie sein, ob aus der Kleinigkeit plötzlich eine echte Gefahr wird. "Es ist schwer einzuschätzen, wie weit der andere geht", so Ole Eggers.

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Eine Situation gut einschätzen zu können und adäquat zu reagieren, haben sie von Coach Mark Bottke gelernt. "Als Opfer geht es darum, gerade kein Opfer zu sein", erklärt die 15-Jährige. Grenzen setzen, stopp sagen, ohne dabei angreifend zu wirken und immer einen guten Abstand zu halten, wurde geübt. Dabei komme es gar nicht so sehr auf Worte an, so Hendrik. 80 Prozent Wirkkraft stecke in Gestik und Mimik. "Täter suchen Opfer, keine Gegner", hat sich Ole gemerkt. Die halbe Miete sei schon, selbstsicher und selbstbewusst zu erscheinen. Dazu gehöre auch, sich nie auf ein Du einzulassen, sondern beim Sie zu bleiben.

Das hat neben der Wirkung auf das Gegenüber zugleich auch den Effekt, dass Umstehenden unzweifelhaft deutlich ist, "die beiden Handelnden haben nichts miteinander zu tun". Grundvoraussetzung für ein Einschreiten, für Zivilcourage sei, dass eine Situation richtig erkannt wird und jemand Hilfe braucht. "Wer hilft braucht auch Mithelfer", hat der Coach deutlich gemacht, denn Zivilcourage sollte bedachtsein. "Schreit Feuer, nicht Hilfe", hat Francesca gelernt, weil Feuer immer für jeden bedrohlich ist und dieser Ruf ganz anders wahrgenommen werde. Ole wird klar, dass es nicht hilft, pauschal an Mitstreiter zu appellieren. "Direkte Ansprache, konkrete Aufforderungen– die zeigen Wirkung", weiß er nun. Auf andere zugehen und Aufgaben verteilen, so wird Zivilcourage gut organisiert.

Wir verstehen vieles nun viel besser, betonen die Seminarteilnehmer, dass es wichtig war, theoretische Hintergründe erklärt zu bekommen und nun Situationen viel besser lesen zu können. Vertieft hat sich das Wissen, indem diese Situationen durchgespielt, die richtigen, bewussten Reaktionen eingeübt wurden.

"Die Kombination von Theorie und Praxis macht das Seminar sehr anschaulich", würdigt auch Klassenlehrerin Mareike Metz die Arbeit des Trainers. Sie ist davon überzeugt, dass das Seminar eine wichtige Lebensschulung ist, zumal sie festgestellt hat, dass "die Hemmschwellen gesunken sind, wofür sicher auch der Alkoholkonsum verantwortlich ist".

Unsere Schüler leben hier in Denzlingen vielleicht noch in einem eher geschützteren Rahmen, doch sie gehen eben auch nach Freiburg", betont Stefan Jenzer die Notwendigkeit des Seminars, das in Kooperation mit dem Verein "Sicheres Freiburg" angeboten wird. In den entsprechenden Situationen gut vorbereitet zu sein und zu wissen, wie man sich adäquat verhält, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen, hält er für ganz entscheidend. Falsch verstandenes Heldentum könne vieles schlimmer machen. Außerdem "muss jeder immer noch selbst entscheiden, ob und wie er hilft", so Hendrik. Dass Zivilcourage am Erasmus-Gymnasium Thema ist, leite sich allein schon aus dem Leitbild ab, "zu dem neben Bildung und Weltoffenheit die Mitmenschlichkeit gehört", betont Jenzer.

Autor: Markus Zimmermann