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12. September 2017 00:00 Uhr

Prozess im Mordfall Maria L.

Hussein K. vor Gericht: Ein taktisches Geständnis?

Im Prozess um den gewaltsamen Tod der Freiburger Studentin Maria L. hat der Angeklagte geredet – und doch nicht alles gesagt. Ist er ein kleines Häuflein Elend? Oder ein begabter Schauspieler?

  1. Geständnis in Fesseln: Hussein K. vor Gericht Foto: dpa

Manchmal ist es ein Dementi, das stutzig macht. Dieser Tag beginnt mit einem solchen Dementi. "Es ist mir wichtig darauf hinzuweisen", sagt Sebastian Glathe, der Pflichtverteidiger von Hussein K., "dass die Erklärung von ihm selber formuliert worden ist." Auch sei sie, obwohl sie seinem Mandanten auf Dari, seiner Muttersprache, schriftlich vorliegt, "in keiner Form anwaltlich vorgeprüft". Man muss das so stehen lassen. Und doch lässt auch dieser zweite Verhandlungstag des Sexualmordprozesses rätseln, wer dieser junge Mann auf der Anklagebank eigentlich ist.

Ist er jenes lebensmüde Häufchen Elend, das er zu sein vorgibt, das "tägliche Qualen leidet", wie es in seiner Einlassung heißt, und seit seiner Untat "in der Hölle lebt"? Oder ist er ein schauspielerisch begabter, intelligenter Mensch, der – pflichtgemäß beraten vom Anwalt – ziemlich genau weiß, was er hier sagen darf und was nicht, um seine aussichtslose Lage nicht noch zu verschlimmern?

Immerhin, Hussein K., der angeblich erst 19-Jährige, wahrscheinlich aber längst Erwachsene, tut an diesem Montag das, was alle von ihm erwarten – und was unausweichlich ist angesichts der drückenden Last der Beweise, die die Ermittler gegen ihn zusammengetragen haben. Erst bittet er die Familie seines Opfers, der 19-jährigen Studentin Maria L. wortreich um Verzeihung – dann legt er ein umfassendes Geständnis ab. Anwalt Glathe wird später sagen, das sei kein taktisches Geständnis gewesen, sondern eine den Angeklagten selbst belastende, "rückhaltlose Aussage".

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Erleichterung im Auditorium

Die Zuhörer, die mit seiner Aussage schon in der Vorwoche gerechnet hatten und sich am Montag erneut in großer Zahl im Saal IV des Landgerichts eingefunden haben, sie reagieren erleichtert – einerseits. Endlich ist es heraus, und die Tat darf im Wesentlichen als aufgeklärt gelten. Andererseits werden die Schilderung der Todesumstände von Maria L., die Einzelheiten, die die Vorsitzende Richterin Kathrin Schenk mit beharrlichem Nachfragen dem Angeklagten entlockt, zu einer Strapaze für das gesamte Auditorium.

Wie Hussein K. und Freunde sich einen ganzen Samstag lang systematisch zudröhnten – mit Wodka und Cannabis, erst im Stühlinger Park, dann im Seepark; wie er später aus einer Bar geworfen wurde, in eine Disko nicht hineinkam; warum er, nachdem er ein Fahrrad geklaut hatte, auf dem Heimweg ("es ging mir schlecht, ich wollte erbrechen") allein an der Dreisam herumhing; wie schließlich die Medizinstudentin, per Rad auf dem Rückweg von einer Institutsparty, ihm in die Falle ging – und was er dann mit ihr machte, das ließ dem Publikum den Atem stocken.

Das Geständnis wirft Fragen aus

Maria L. wurde sein Zufallsopfer. Er stieß sie vom Fahrrad. Als sie schrie, hielt er ihr den Mund zu und, "als meine Hände müde wurden", nahm er den Schal, würgte sie und zog die Bewusstlose Richtung Fluss. Glaubt man dem Geständnis, dann war Hussein K. da schon sicher, sie getötet zu haben. Genau hier aber, in diesem äußerst makabren Detail, könnte es auch um Prozesstaktik gehen. Denn erst an der Leblosen verging sich der Täter. Erst da will er gesehen haben, dass die "ein schönes Mädchen" war. Erst da wollte er "Sex mit ihr machen". Missbrauch einer Toten, ist das juristisch eine Vergewaltigung, wie die Anklage sie ihm vorwirft? Nach Feststellung der Gerichtsmediziner starb Maria L. erst durch Ertrinken in der Dreisam – nachdem der Täter sie dort zurückließ und die Flucht ergriff.

Es ist ein Geständnis, das neue Fragen aufwirft. Zeugen der Ermittler sagten, er habe am selben Abend schon andere Frauen belästigt (Bericht unten), in der Bar und der Straßenbahn. "Ich kann mich nicht erinnern", so seine Standardauskunft, wenn das Gericht ihn danach fragt. Und Hussein K. sagt, er habe geblutet, auch von dem Dornbusch, in den er mit seinem Opfer fiel – und in dem später eines seiner damals auffällig blondierten Haare gefunden worden war. Zudem sagt er, Maria L. habe sich gewehrt und die Hände in sein Gesicht gekrallt. Warum, fragt sich das Publikum, hat man diesem Täter anderntags nichts angemerkt? Hat man sich überhaupt für ihn interessiert in seiner Pflegefamilie, hat sie und haben die Betreuer an der Schule genau hingeschaut? Und wie alt ist er nun wirklich?

Dieser Prozess ist erst am Anfang der Beweisaufnahme, und zur Aufklärung der verstörenden Tat gehören nicht nur das Geständnis, auch viele der Zeugenbefragungen in den kommenden Wochen.

Autor: Stefan Hupka