Para-Weltcup

Gelähmter Ex-Mountainbiker aus Kirchzarten kämpft sich auf Rang 37

Johannes Bachmann

Von Johannes Bachmann

Mo, 22. Januar 2018 um 22:00 Uhr

Behindertensport

Es war eine Premiere für das einstige Mountainbike-Ass Benjamin Rudiger. Beim Para-Welcup am Notschrei kämpfte sich der Kirchzartener auf Rang 37.

Das Ergebnis? "Absolut zweitrangig", sagt Benjamin Rudiger (33) und klopft sich nach einem zehn Kilometer langen Kampf in einer verwehten Spur im dichten Schneetreiben auf dem Notschrei das Weiß von der Schulter. Umringt von Freunden ist der Ex-Mountainbiker, seit einem MTB-Unfall vor drei Jahren ist er gelähmt. Die Umarmungen sind herzlich und gelten einem Mann, für den Aufgeben in diesem Leben keine Option ist. Die Behinderung ist Benjamin Rudiger eine Last, den Spaß am Sport kann sie ihm nicht nehmen.

Einfach reingestürzt ins Abenteuer hat sich der Kirchzartener am Samstag in seinen ersten Wettkampf seit dreieinhalb Jahren: Im Herbst 2014 hatten er und sein Mountainbike-Kumpel Fabian Strecker beim Furtwanger Schwarzwald-Bike-Marathon als rasantes Zweierteam perfekt harmoniert. Auf dem Notschrei ist Rudiger ganz allein auf sich gestellt, als Hobbyfahrer unter Sport-Profis aus aller Welt. Eine Wildcard hat er erhalten für den vom SC Oberried organisierten Weltcup der behinderten Langläufer und Biathleten aus 30 Nationen. Als Lernender versteht sich Rudiger, "mit Riesenrespekt" geht er auf die zehn Kilometer lange Strecke.

Rudiger meistert die Abfahrten sturzfrei

"Nur nicht stürzen" heißt die Devise. Vorneweg fahren im Langlaufschlitten die Favoriten, Rudiger reiht sich im Feld der Verfolger und dann der Abgehängten ein. Die Loipe ist tief, die Spur stumpf und als der Schneefall morgens um kurz nach zehn stetig zunimmt und der Wind das Weiß über die Strecke treibt, verschwinden die zwei Fahrgleise. Eine Spur, die Rudiger dringend bräuchte, um Kurs halten zu können. Die vermaledeiten Abfahrten meistert der ehemalige Skilehrer mit Mut und dank gut funktionierendem Popometer sturzfrei.

Rund 15-mal ist er in den vergangenen Wochen in seinem Schlitten den Weltcup-Kurs auf dem Notschrei abgefahren. Viel Erfahrung ist das nicht, "technisch hab’ ich noch Defizite", weiß Rudiger. Ein Mangel, den er mit Herzblut wettmacht. "Benny", wie ihn seine Freunde nennen, ist das, was Kenner eine "Rennsemmel" nennen.

Rudiger kann sich eine Zukunft in diesem Sport vorstellen

"Wenn du eine Startnummer vor der Brust hast, dann gibst du alles, was du hast", sagt Rudiger. Wuchtig wirken seine Armzüge, doch der Kirchzartener sieht sich kritisch. "Ich hatte keinen Wumms in den Armen und keine Fahrtechnik", erzählt er nach den zehn kraftraubenden Kilometer des anspruchsvollen Weltcup-Rennens, das er auf Rang 37 beendet hat. Dass er "eine kleine Ewigkeit hinter den Cracks" ins Ziel gleitet, nimmt er gelassen. "Das war eine tolle Erfahrung", trotz aller Schinderei habe ihm das erste Rennen seiner Karriere im Langlaufschlitten großen Spaß gemacht. "Ich bin total dankbar", sagt Rudiger. Ein Dank, der vor allem den vielen freiwilligen Helfern des SC Oberried gilt. Die Organisation des Behindertenweltcups sei "unglaublich professionell". Gezweifelt hatte er vor dem Rennstart. Jetzt weiß er: "Ich kann mir eine Zukunft in diesem Sport gut vorstellen."

Aus dem Langlaufschlitten-Hobbysportler könnte, wenn es nach Uli Wiedmann, dem Leiter des Olympiastützpunkts Freiburg geht, ein Schwarzwälder Hoffnungsträger werden. Bei Weltcups und Weltmeisterschaften. Und vielleicht in vier Jahren bei den Paralympics. Rudiger will noch nicht so weit vorausdenken. Nach dem Rennen im Schneesturm auf dem Notschrei wisse er, dass er sehr viel Geduld brauche und eine Menge Arbeit vor sich habe. Ob er es irgendwann schaffen kann, in der Weltspitze konkurrenzfähig zu sein? "Schwer zu sagen", sagt er. "Aber ich glaube, ich will’s versuchen."