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20. September 2012

Asylbewerber

Protestmarsch nach Berlin

Asylbewerber wandern aus Bayern in die Bundeshauptstadt

  1. Der Flüchtlingsprotestmarsch Foto: Guyton

Am Morgen um halb zehn schnappt sich Mohammed Kalali das Megafon. Laut und auf Persisch ruft der schmale Mann zum Aufbruch. "Guten Morgen, bitte alle bereit machen, in fünfzehn Minuten gehen wir los." Drei-, viermal wiederholt der 32-Jährige das, und in kurzer Zeit kommen die Leute aus der einstigen "Puppenwerkstatt", einem großen roten Backsteinhaus. Einer nach dem anderen, die Rucksäcke in den Händen, die Wanderschuhe geschnürt. In dem multikulturellen Treff durften sie heute Nacht schlafen.

Aufbruch – das ist für diese Menschen immer noch ein neues Gefühl, auch am Tag acht ihres Marschs Richtung der Hauptstadt Berlin. Aufbruch statt Langeweile und dem Gefühl des Eingesperrtseins, Aufbruch statt erzwungenen Nichtstuns im Lager. "Ich kann jetzt plötzlich besser atmen", sagt der Iraner Keyvan Shafiee, und trinkt noch einen Schluck Instantkaffee aus dem Plastikbecher. Hier in Waltershausen, in der thüringischen Provinz nahe Gotha, haben sie übernachtet. Weiter geht es über Wahlwinkel nach Cobstädt, wo sie am Nachmittag sein wollen – 370 Einwohner hat das Dorf, bis zur Landeshauptstadt Erfurt ist es dann nicht mehr sehr weit.

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Die Asylbewerber laufen. Zu Fuß quer durch halb Deutschland, in 25 Etappen von Würzburg nach Berlin, das sind 568 Straßenkilometer. "Refugee Protest March" nennen sie das – Protestmarsch der Flüchtlinge. "Ich habe mich wie ein Gefangener gefühlt", erzählt Keyvan über die Zeit in der Sammelunterkunft in Nürnberg. "Man hält es dort nicht aus, es ist zu laut, zu eng." In Gorgan im Nordiran hatte der 24-jährige Bauingenieur studiert, bevor er nach Deutschland floh. "Hier kann ich nicht an die Uni, kann nicht einmal einen Sprachkurs besuchen." Seit elf Monaten wartet der Mann auf seinen Asylbescheid. Im Iran wurden er und weitere Studenten nach den Protesten gegen den Präsidenten Ahmadinedschad vor zwei Jahren verfolgt. "Die Polizei hat viele abgeholt, sie sind seitdem verschwunden."

An einem Tag sind es 15 Flüchtlinge, die bei der Deutschlandwanderung dabei sind, am anderen 20. Deutsche Unterstützer begleiten den Tross mit Autos, fahren voraus, kümmern sich um Essen und Übernachtung, informieren auf der Webseite über den aktuellen Stand. Um was es den Flüchtlingen geht, das skandieren diese auf der Strecke immer wieder lautstark. "Kein Mensch ist illegal – Bleiberecht überall" – oder: "Eins, zwei, drei, vier – alle Menschen bleiben hier." Es ist ein Marsch, der die Grenzen überschreitet – von Kreisen, von Ländern. Und einer, bei dem laufend deutsches Recht gebrochen wird, absichtlich machen die Flüchtlinge das. Denn Asylbewerber haben Residenzpflicht: Sie dürfen nicht ohne Genehmigung den Landkreis verlassen, dem sie zugeteilt wurden.

Hassan Siami hat seine Wanderschuhe über Nacht auf der Heizung getrocknet. Die Nächte zuvor hatten sie in Zelten geschlafen. "Es war kühl, es war feucht, teilweise hat es geregnet", sagt der 30 Jahre alte Kurde aus Nordirak. Früher hat er im Textilhandel gearbeitet – "finanziell stand ich gut da, ich will hier in Deutschland nicht auf Kosten des Staates leben".

Die in Heimen abgeschotteten Flüchtlinge treffen die Wirklichkeit. Eine neue Erfahrung: Es gibt in Deutschland Menschen, denen sie nicht egal sind. Etwa den Bürgermeister des Örtchens Henneberg, der ihnen zum Campieren eine Wiese neben dem Sportplatz zur Verfügung stellt. Bei der Abreise bekommen sie noch ein gemeindeamtliches Empfehlungsschreiben: Sie haben sich gut benommen, man könne diese Menschen bedenkenlos unterstützen. Oder jenen älteren Mann in Münnerstadt, der die erste Etage seines Hauses zur Verfügung stellt und nur sagt: "Ihr könnt hier machen, was ihr wollt."

Doch es gibt auch andere Deutsche. Die NPD etwa hat die voraussichtliche Route der Flüchtlinge an ihre Ortsverbände weitergeleitet. "Asyl ist kein Selbstbedienungsladen", hetzen die Rechtsradikalen. Und mit unterschwelligem Gewaltaufruf werden die Neonazis an der Basis zu "vielfältigen Aktionen" und zu "kreativem Protest" gegen den Flüchtlingszug aufgefordert.
Sie wollen nicht mit
leeren Händen zurück
Am Nachmittag in Waltershausen entschließen sich die Marschierer, das Asylheim zu besuchen, einen Plattenbau im Gewerbegebiet. Ein Wachmann holt die Polizei, sie rückt mit sieben Wagen an. Doch schnell machen die Protestierer auch hier die Erfahrung, die sie schon auf dem ganzen Marsch erlebt haben und so nicht kannten: die Polizei als Freund und Helfer. Der Diensthabende vereinbart mit der Gruppe, dass sie eine halbe Stunde bleiben kann. "Dann ist ja alles gut", sagt er. Nur keine Eskalation mit diesem heiklen Tross.

An der ehemaligen Grenze zwischen Bundesrepublik und DDR zücken die Flüchtlinge ihre vorläufigen Ausweispapiere und zerreißen sie. Die Dokumente, die sie in ihren Landkreisen festhalten, wollen sie nicht mehr. "Wir sind nicht falsch, sind keine Betrüger", sagt der Kurde Hassan Siami. "Wir machen jetzt diese Grenze für uns kaputt." Weiter ziehen sie dann durch den Thüringer Wald. "Das erinnert mich so sehr an die Wälder am Kaspischen Meer", sagt Keyvan.

Warum duldet die Politik das? Seit einem halben Jahr protestieren die Asylbewerber – in Zelten, mit Hungerstreik und zugenähten Lippen. Und nun mit dem Marsch. Es gibt keine offiziellen Stellungnahmen. Bayern dürfte es recht sein, dass die Leute erst einmal weg sind. Auch die anderen Landkreise und Länder halten es mit der Devise: Reisende soll man nicht aufhalten. Schließlich wollen sie nach Berlin, ins Zentrum ihrer Probleme.

Am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, möchten sie in der Hauptstadt ankommen. Ihre Forderungen verkünden und Quartier aufschlagen. Und dann? "Ich gehe", sagt Hassan Siami entschlossen, "nicht mit leeren Händen zurück."

Autor: Patrick Guyton