Transkription

Böhmermann vs. Erdogan: Wortlaut und Kontext des gelöschten Gedichts

Dorothee Soboll

Von Dorothee Soboll

Di, 12. April 2016 um 18:17 Uhr

Deutschland

Das Schmähgedicht des ZDF-Moderators Jan Böhmermann ist in aller Munde – obwohl der Kontext mindestens genauso wichtig ist. Was haben Böhmermann und sein Sidekick Ralf Kabelka gesagt?

Die Badische Zeitung hat den genauen Wortlaut der entscheidenden, gelöschten fünf Minuten rund um das Schmähgedicht aus der Sendung "Neo Magazin Royale" vom 31. März 2016 transkribiert.

Jan Böhmermann: Willkommen in Deutschlands Quatschsendung Nummer eins! Wir sind’s. Wir haben mit Satire nichts am Hut.

Sidekick Ralf Kabelka: Genau!

Böhmermann: Was die Kollegen in Hamburg bei "Extra 3" da gemacht haben, diese dicken Bretter, die können wir hier, sind wir nicht imstande zu bohren.

Kabelka: Schaffen wir nicht!

Böhmermann: Und ich sage: Hut ab! Große Nummer!

Kabelka: Das ist eine ganz andere Liga. Auch die "heute-show", wie gut die ist!

Böhmermann: Die "heute-show", die finde ich richtig gut. Wenn ich in der Vergangenheit gerüchteweise gehört habe, dass wir hier scharf auf den Sendeplatz sind von der "heute-show", oder auf irgendwas, das Oli Welke gehört: Das würde ich niemals sagen, das stimmt nicht, auf gar keinen Fall. Oli! (Kusshand) Liebe Grüße! Riesenfan! Schau ich jede Woche, um mich inspirieren zu lassen. Und Satire, Extra3, hat in dieser Woche fast den Dritten Weltkrieg ausgelöst. Dafür erst mal einen großen Applaus. Super, ja, mit ’ner super Nummer. Offensichtlich schaut man in der Türkei jede noch so kleine Satire- oder Quatschsendung, wahrscheinlich auch diese. Liebe Türken, wenn Sie das jetzt sehen, vielleicht müssen wir Ihnen kurz mal etwas erklären. Was die Kollegen von Extra3 gemacht haben, also inhaltlich, humorvoll mit dem umgegangen sind, was sie da quasi politisch unten tun, Herr Erdogan, das ist in Deutschland, in Europa gedeckt von der Kunstfreiheit, von der Pressefreiheit von der Meiungsfreiheit

Kabelka: Artikel 5.

Böhmermann: Was?

Kabelka: Artikel 5, Grundgesetz.

Böhmermann: Artikel 5 unseres Grundgesetzes, unserer tollen Verfassung. Das darf man hier. Da können Sie nicht einfach sagen: Die Bundesregierung soll die Satire zurückziehen. Oder: Das muss gelöscht werden aus dem Internet. In Deutschland ist so was erlaubt, und ich finde es ganz toll, wie in dieser Woche die Zivilgesellschaft aufgestanden ist. Von Beatrix von Storch, die noch vor zwei Wochen mich erschießen lassen wollte wegen dieses komischen Songs, den wir hier gemacht haben - und jetzt ist sie auf einmal ganz vorne dabei, wenn es um Pressefreiheit und Kunstfreiheit geht. Alle Leute waren auf einmal auf einer Linie: Das muss zugelassen werden, je suis Extra3. Herr Erdogan, es gibt Fälle, wo man auch in Deutschland, in Mitteleuropa, Sachen macht, die nicht erlaubt sind. Es gibt Kunstfreiheit, das eine ist Satire und Kunst und Spaß, das ist erlaubt – und auf der anderen Seite, wie heißt es?

Kabelka: Schmähkritik heißt das.

Böhmermann: Schmähkritik, das ist ein juristischer Ausdruck. Was ist Schmähkritik?

Kabelka: Wenn Du Leute diffamierst, wenn Du einfach nur so unten herum argumentierst, wenn Du sie beschimpfst und wirklich nur bei privaten Sachen, die die ausmachen, herabsetzt.

Böhmermann: Herabwürdigen, das ist Schmähkritik. Und das ist in Deutschland auch nicht erlaubt. Haben Sie das verstanden, Herr Erdogan?

Kabelka: Das kann bestraft werden.

Böhmermann: Das kann bestraft werden?

Kabelka: Das kann bestraft werden.

Böhmermann: Und dann können auch Sachen gelöscht werden, aber erst hinterher, nicht vorher.

Kabelka: Ja, erst hinterher.

Böhmermann: Ist vielleicht ein bisschen kompliziert, vielleicht erklären wir es an einem praktischen Beispiel ganz kurz.

Kabelka: Ja, dann mach doch mal.

Böhmermann: Ich hab ein Gedicht, das heißt "Schmähkritik". Können wir vielleicht dazu so eine türkisch angehauchte Version von nem Nena-Song haben? (Die gewünschte Musik erklingt) Und die türkische Flagge im Hintergrund bei mir? (Der Hintergrund ändert sich) Sehr gut. Und das, was jetzt kommt, das darf man nicht machen.

Kabelka: Darf man nicht machen.

Böhmermann: Wenn das öffentlich aufgeführt wird, das wäre in Deutschland verboten und da könnte man dann… Okay, das Gedicht heißt "Schmähkritik".

Sackdoof, feige und verklemmt,
ist Erdogan, der Präsident.
Sein Gelöt stinkt schlimm nach Döner,
selbst ein Schweinefurz riecht schöner.
Er ist der Mann, der Mädchen schlägt
und dabei Gummimasken trägt.
Am liebsten mag er Ziegen ficken
und Minderheiten unterdrücken,

Das wäre jetzt quasi ne Sache, die…

Kabelka: Nee.

Böhmermann:

Kurden treten, Christen hauen
und dabei Kinderpornos schauen.
Und selbst abends heißt’s statt schlafen,
Fellatio mit hundert Schafen.
Ja, Erdogan ist voll und ganz,
ein Präsident mit kleinem Schwanz.

Wie gesagt, das ist ne Sache…

Kabelka: Das darf man nicht machen.

Böhmermann: Das darf man nicht machen.

Kabelka: Nicht Präsident sagen.

Jeden Türken hört man flöten,
die dumme Sau hat Schrumpelklöten.
Von Ankara bis Istanbul
weiß jeder, dieser Mann ist schwul,
pervers, verlaust und zoophil -
Recep Fritzl Priklopil.
Sein Kopf so leer wie seine Eier,
der Star auf jeder Gangbang-Feier.
Bis der Schwanz beim Pinkeln brennt,
das ist Recep Erdogan, der türkische Präsident.

Und das dürfte man jetzt in Deutschland (Applaus, Böhmermann fuchtelt mit den Händen)

Kabelka: Unter aller Kajüte! Nicht klatschen!

Böhmermann: Das ist jetzt ne Geschichte, was könnte da jetzt passieren?

Kabelka: Unter Umständen nimmt man es aus der Mediathek. Das kann jetzt rausgeschnitten werden.

Böhmermann: Wenn jetzt die Türkei oder der Präsident was dagegen hat, müsste er sich in Deutschland erst mal nen Anwalt suchen. Ich kann Ihnen sehr empfehlen unseren Scherzanwalt Dr. Christian Witz in Berlin.

Kabelka: Ja, er berät ja auch den Berliner Bürgermeister.

Böhmermann: Der berät auch den Berliner Bürgermeister? Unser Scherzanwalt Dr. Christian Witz?

Kabelka: Der macht einfach alles: Atze, Pocher und den Berliner Bürgermeister.

Böhmermann: Unser Scherzanwalt Dr. Christian Witz? Dann nehmen Sie sich nen Anwalt, sagen Sie erst mal, Sie haben da was im Fernsehen gesehen, was Ihnen nicht gefällt, Schmähkritik, und dann geht man erst mal vor ein Amtsgericht, ne? Einstweilige Verfügung, Unterlassungserklärung. Dann wird vielleicht die Sendung oder der Sender, der das gemacht hat, sagen: Nö, das sehen wir anders. Dann geht man die Instanzen hoch und irgendwann, nach drei, vier Jahren - wichtig ist, Sie müssen dafür sorgen, dass es nicht im Internet landet.

Kabelka: Ja.

Böhmermann: Wichtig ist: Sie müssen dafür sorgen, dass es nicht im Internet landet.

Kabelka: Aber das macht doch keiner.

Böhmermann: Das macht keiner, kann ich mir auch nicht vorstellen (Gelächter im Publikum).

Kabelka: Man hat’s ja in der Mediathek normalerweise.

Böhmermann: Warum soll man es dann ins Netz stellen? Ist es jetzt klar?

Kabelka: Ich glaub schon.

Böhmermann: Ich finde es ganz wichtig.

Mehr zum Thema: