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09. November 2010

Castor-Transport: Satter Protest, hungrige Polizei

Die Castordemonstranten zeigen sich bestens organisiert, während die Polizei auch mit der Essensversorgung kämpft.

  1. In Dannenberg werden die Castoren vom Güterwaggon auf Lastwagen umgeladen. Foto: dpa

  2. Die Zufahrtsstraße zum Endlager Gorleben wird von Demonstranten blockiert. Foto: dpa

Vor dem Zwischenlager in Gorleben ist es nicht eben gemütlich an diesem Montag. Nieselregen fällt aus dem grauen Himmel. Trotzdem haben sich Tausende von Atomkraftgegnern auf der Zufahrtsstraße niedergelassen, um den Castoren den Weg zu versperren. Manche wie die 31-jährige Wiebke aus Hamburg campieren schon seit 30 Stunden auf der Straße. Hungern muss aber niemand. Es gibt "Anti-Castor-Pizza" und vegetarische Linsensuppe. Darum kümmern sich mehrere Kochteams der alternativen "Volxküche", die Demonstranten schon bei anderen Großkundgebungen versorgt haben.

Der Widerstand im Wendland gegen den derzeitigen Castortransport vom französischen La Hague ins Bergwerk Gorleben basiert auf einem ausgeklügelten Zusammenspiel unterschiedlicher Gruppen. Dies hat sich schon in der Nacht zuvor bei der großen Gleisblockade gezeigt. Die Versorgung mit Heißgetränken und warmen Speisen klappte hervorragend. Unterstützer bildeten lange Ketten und reichten Proviant, Strohsäcke und warme Decken durch die umliegenden Fichtenwälder bis hin zur besetzten Castor-Transportstrecke durch. Darum fehlte es in den Stunden der Räumung im Morgengrauen nicht an heißem Kaffee und belegten Broten. Und über den Nachschub muss sich die "Volxküche" keine Sorgen machen: Sympathisierende Bauern, Bäcker und Bioläden beliefern die mobilen Kochteams kostenlos mit Mehl, Milch und Kartoffeln.

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Die Bauern, in der Bäuerlichen Notgemeinschaft zusammengeschlossen, unterstützen die Demonstration auch auf andere Weise: Sie treiben einfach 2000 Schafe und Ziegen auf die Straße, um die verhassten Castoren zu stoppen. Meist aber arbeiten sie mit ihren Treckern. Mit dem schweren Gerät blockieren sie nicht nur die Castor-Transportstrecke, sie versperren auch der Polizei den Weg, um zu verhindern, dass eine Blockade geräumt wird.

"Das Zusammenspiel war großartig", sagt Hauke Nissen von der Gruppe "Widersetzen", der die Nacht auf den Schienen und den frühen Morgen in der Gefangenensammelstelle der Polizei verbracht hat. Auch sonst griff bei der Organisation ein Rädchen ins andere. Das Radio Freies Wendland (Motto: "Reinhörn, aufstehn, losgehn") übernahm die Mobilisierung und bot aktuelle Informationen über Schleichwege, der Pressedienst von "Widersetzen" hielt die angeschlossenen Journalisten mit Handybotschaften ("Pressevertreter sollten jetzt sofort kommen") auf dem Laufenden, Fernsehteams der Atomkraftgegner wie graswurzel.tv waren unterwegs, um Polizeieinsätze zu filmen. Denn die Schlacht um Gorleben ist vor allem ein Kampf um Bilder.

Dabei spielt auch Dan.TV eine Rolle. Die kleine Dannenberger Fernsehproduktionsfirma nutzt ihre Ortskenntnisse und versorgt ZDF und Sat 1 mit exklusiven Bildern. Hinter Dan.TV steht Mirko Tügel, der Medienerfahrungen als Pressesprecher der Freiwilligen Feuerwehr Elbtalaue gesammelt hat. Tügel bekennt sich, Sympathisant des Widerstands zu sein: "Das bleibt ja nicht aus, wenn man hier lebt." Verbündete haben die Atomkraftgegner traditionell in der Kirche. Die Pastoren des Kirchenkreises begleiten die Demonstranten als Seelsorger in Wechselschichten, manche Gotteshäuser dienen als Quartier. In der Kirche von Hitzacker zum Beispiel nächtigten in den vergangenen Tagen rund 120 Castor-Gegner unter Altar und auf der Empore auf Matratzen und Iso-Matten.

Im Zentrum aber steht die Bürgerinitiative Umweltschutz. Sie koordiniert Aktionen und leistet Pressearbeit – in diesem Jahr erstmals mit Hilfe eines Pressebusses, der den Journalisten an den jeweiligen Brennpunkten ermöglicht, ihre Berichte direkt in die Redaktion zu senden. Daneben haben sich neue Widerstandsgruppen etabliert. So ist "x-tausendmal-quer" für Straßenblockaden und "Widersetzen" für Schienenblockaden zuständig. Die neue Gruppe "Contratom" vereint junge Leute, die sich durch Kletterkünste auszeichnen. Erstmals dabei ist die Initiative "Castor schottern", die am Wochenende versuchte, möglichst viele Steine aus dem Gleisbett der Castor-Bahnstrecke zu entfernen, damit aber nur symbolische Erfolge feierte.

Auf Ablehnung dagegen stoßen Aktivitäten der Autonomen, die der Protestbewegung mit ihren Attacken auf Polizisten wieder Negativschlagzeilen bescherten. "Wir lehnen Gewalt gegen Polizisten strikt ab", sagt die BI-Vorsitzende Kerstin Rudek. "Wir haben aber auch die Erfahrung gemacht, dass hier verdeckte Ermittler eingeschleust werden, die unsere Bewegung diskreditieren sollen." Mit Blick auf die Gewaltexzesse der vergangenen Tage allerdings sieht die BI-Vorsitzende die Schuld nicht nur bei den Vermummten. "Die Polizei hat so rücksichtslos geknüppelt und Reizgas versprüht, dass sich das Klima dadurch erst richtig aufgeheizt hat."

"Ihr habt wenigstens

Rettungsdecken und

eine Thermoskanne."

Polizist zu Demonstranten
Blick zurück auf die Nacht zum Montag: Hungrig, übermüdet und kalt – der Wendlandprotest bringt die Polizei an ihre Grenzen. Irgendwann ist es deshalb genug. Auch wenn es eine Sitzblockade ist. Die Uhr zeigt halb vier Uhr morgens, die Kälte kriecht vom nassen Boden das Bein hinauf. Der Nachschub an Tee ist längst versiegt, Suppe gab es auch schon seit Stunden nicht mehr. Zumindest nicht für Polizisten. "Ihr habt es gut", sagt der frierende Polizist zu einer Gruppe Demonstranten, "ihr habt wenigstens Rettungsdecken und eine Thermoskanne."

Ein seltsames Bild: Während die Demonstranten ihre "Volxküchen" in die abgelegensten Waldabschnitte an der Castor-Strecke schaffen, hat die Polizei Mühe, ihre Beamten mit dem Nötigsten zu versorgen. "Die Einsatzkräfte beschweren sich über endlos lange Dauereinsätze, mehr als 24 Stunden am Stück, oft ohne Verpflegung", berichtet Dietmar Schilff von der Polizeigewerkschaft GdP.

Weil die Zufahrtsstraßen von Demonstranten blockiert waren, mussten Hubschrauber eingesetzt werden, um den Nachschub an Essen und Polizisten zu bewerkstelligen. Manche schlechte Versorgung beruht aber auf nicht funktionierender interner Kommunikation. Die Versorgungstruppen der Polizei, klagt Schilff, "wussten zum Teil nicht, wo im weiten Wendland die Kollegen stehen".

Die Polizeigewerkschaft macht nicht nur die Einsatzleitung für die Missstände verantwortlich. Die eigentlich Verantwortlichen, so die Polizistenvertreter, säßen in Berlin. "Die Polizei muss hier im Wendland als Prellbock einer verfehlten Politik herhalten", sagt Schilff.

Die Einsatzleitung der Polizei in Lüneburg bestätigt die Vorwürfe, dass manche Beamte bis zu 24 Stunden und mehr im Dienst waren. "Wir haben aber sichergestellt, dass die Kollegen im Einsatz frisch und ausgeruht auf die Demonstranten treffen", sagt ein Sprecher der Bundespolizei. "Es ist klar, dass wir hier nicht wie der sprichwörtliche Beamte nach acht Stunden Feierabend machen", sagt ein Hundertschaftführer, der schon seit einer Woche im Wendland stationiert ist. Allerdings müssten die Polizisten mit ihren Kräften haushalten, fügt er an. "Wenn wir keinen Schlaf bekommen, dann ist es in Extremsituationen schwieriger, immer besonnen zu reagieren. Das geht doch jedem so."


Autor: Heinrich Thies und Dirk Schmaler