Porträt

Das neue Gesicht der AfD: Wer ist eigentlich Alice Weidel?

Thomas Steiner und dpa

Von Thomas Steiner & dpa

Mo, 24. April 2017 um 11:21 Uhr

Deutschland

Sie ist die Neue an der Spitze der AfD: Alice Weidel ist eine gediegene Erscheinung, benutzt gern denunziatorisches Vokabular – gehört aber selbst einer Minderheit an.

Die AfD-Politikerin Alice Weidel hat sich bislang öffentlich noch nicht so exponiert wie ihre Parteifreundinnen Frauke Petry und Beatrix von Storch. Das wird sich nun gewiss ändern: Zusammen mit dem rechtsnationalen Parteivize Alexander Gauland soll die Wirtschaftsliberale die AfD in den Bundestagswahlkampf führen. Zugleich ist Weidel Spitzenkandidatin ihrer Partei im Südwesten.

Schon bisher hatte die Wirtschaftswissenschaftlerin im AfD-Bundesvorstand großen Einfluss. Sie ist seit 2013 in der Partei, hat das Bundesparteiprogramm und das Wahlprogramm für die Bundestagswahl mit entwickelt.

Bestimmt in ihrer Meinung und klar in ihren Begründungen

Die 38 Jahre alte Ökonomin äußert sich vorwiegend zu wirtschaftlichen Themen. So fordert sie Steuervereinfachungen, verurteilt Pläne, das Bargeld abzuschaffen, und sie will Spanien und Portugal aus der Euro-Zone entlassen. Als Eurokritikerin leitet sie den Bundesfachausschuss "Euro und Währung" ihrer Partei.

Weidel, die gerne in gut geschnittenem Hosenanzug und Hemdbluse mit hohem Kragen kommt, ist eine gediegene Erscheinung, die Anspruchsvolles ausstrahlt. Auch als Gesprächspartnerin ist die 38-jährige Weidel bestimmt in ihrer Meinung und klar in ihren Begründungen. Wenn sie zu einem Thema oder einer Person wie Björn Höcke nichts sagen will, weil es ihr Ärger einbrächte, redet sie nicht drum herum, sondern sagt es. Auch in TV-Talkshows, in denen sie öfters zu Gast ist, gibt sie sich so. Und beeindruckt Mit-Talker, die ihr politisch keineswegs nahestehen.

Beraterin für Start-up-Unternehmen

In Geschäftsverhandlungen kann man sich Weidel genauso gut vorstellen. Sie hat ein Doppelstudium der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth als Jahrgangsbeste abgeschlossen. Mit einem Stipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung verfasste sie noch eine Promotion – über das Rentensystem Chinas. Die Volksrepublik war auch eine ihrer Auslandsstationen, als sie für eine Investmentbank und einen weltweiten Vermögensverwalter arbeitete. Heute ist sie Beraterin für Start-up-Unternehmen.

Zur AfD ist Weidel wie viele Ökonomen, auch ihr Doktorvater, wegen der Kritik an der Euro-Rettungs-Politik gekommen. Sie passte gut in die Professoren-Partei, welche die AfD anfangs war. Sie ist aber nicht, wie einige Ökonomen, wieder ausgetreten, als die Partei 2015 ihren Gründer Bernd Lucke entmachtete und der wirtschaftsliberale Flügel mit ihm ging. Sie hat stattdessen den programmatischen Wandel der AfD mitgemacht. Wenn sie heute Wahlkampf macht, zeigt Weidel ein anderes Gesicht.

Die "große Völkerwanderung" habe erst angefangen

Zum Beispiel Ende März in Breisach: Weidel beginnt ihre Wahlkampfrede sogleich mit dem Thema Flüchtlinge. Sie reiht eine negative Aussage an die andere: Flüchtlinge kämen als Vorhut und zögen im Schnitt sechs Angehörige nach sich. Sie seien unterdurchschnittlich gebildet. Und überdurchschnittlich kriminell. "Das ist der Stand", behauptet sie, auch wenn zum Beispiel das Bundeskriminalamt das mit der Kriminalität anders beurteilt. Wie viele AfDler will sie ein Schreckbild malen. Die "große Völkerwanderung" habe erst angefangen. Und deshalb hat Weidel kein Verständnis für alle, die Flüchtlinge willkommen heißen: An offenen Grenzen mit Teddybären zu werfen, das sei "lächerlich und krank".

Dabei zählt Weidel politisch eher zum moderaten Flügel ihrer Partei, greift aber Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) äußerst scharf an. Sie geißelt vor allem deren Asylpolitik, die gegen internationale Abkommen verstoße. Weidel wendet sich auch gegen die Krankenversicherung für Asylbewerber, den aus ihrer Sicht "naiven Umgang" mit islamischen Hasspredigern und warnt vor überzogenen Erwartungen bei der Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt.

Als Lesbe gegen den "Genderwahnsinn"

Die bei der Altersvorsorge benachteiligten Arbeitnehmer müssten "mit ihren Steuergeldern einem Millionenheer von ungebildeten Migranten aus dem Nahen Osten und Afrika eine Rundumsorglos-Vollversorgung finanzieren", wetterte sie im vergangenen Jahr.

Des Öfteren benutzt Weidel denunziatorisches Vokabular. Was verwunderlich ist. Denn sie gehört selbst zu einer Minderheit, die vor noch nicht allzu langer Zeit Diskriminierung ausgesetzt war. Sie ist lesbisch. Mit ihrer Partnerin, einer Schweizer Film- und Fernsehproduzentin, zieht sie zwei kleine Söhne groß. Das ist wieder eine Seite. Die andere: Sie teilt voll und ganz die Polemik der AfD gegen den "Genderwahnsinn", gegen alle Bemühungen, Toleranz für sexuelle Vielfalt in der Gesellschaft zu verankern.

Andere Parteimitglieder sind mit ihrer Lebensweise nicht einverstanden. Anfang März, Landesparteitag in Sulz am Neckar: Weidel will sich zur Landesvorsitzenden wählen lassen. Eine Frau aus den Reihen der Parteimitglieder fragt – in Weidels Abwesenheit –, ob es denn kein Problem sei, wenn an der Spitze "Genderleute" stünden. Weidel unterliegt dann bei der Vorstandswahl einem Konkurrenten. Gewiss nicht nur wegen der Genderfrage. Sondern auch, weil sie bei ihrer Bewerbungsrede vor allem über ihre eigene Arbeitsleistung gesprochen hat, statt die Mitglieder anzusprechen. "Mit jeder Faser meines Körpers stehe ich", hat sie in schneidendem Ton gerufen, "zu jeder Zeit an jedem Ort meine Frau." Kein sympathischer Auftritt.

Gemeinsam mit Höcke im Wahlkampf

Und nach ihrer Wahl sagte die 38-Jährige vor den Kölner Parteitagsdelegierten: "Es muss endlich Schluss damit sein, dass diejenigen, die auf Missstände in unserem Land hinweisen, härter bekämpft werden als diese Missstände selbst." Die AfD werde im Mai in die Landtage von Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen einziehen - "und dann, liebe Freude, rocken wir Deutschland".

Dafür will sie auch zusammen mit dem umstrittenen Rechtsaußen Björn Höcke um Wählerstimmen werben. Sie werde gemeinsam mit dem thüringischen Fraktionschef, gegen den derzeit ein Parteiausschlussverfahren läuft, im Wahlkampf in Thüringen auftreten, sagte Weidel am Sonntag vor Journalisten in Köln. Sie hatte sich für das Ausschlussverfahren ausgesprochen und Höckes rechtsnationalen Kurs mehrfach stark kritisiert. Sie selbst stehe für einen "freiheitlich-konservativen Arm", betonte die 38-Jährige. Sie und Höcke seien "zwei Teile einer Partei". Im Wahlkampf werde man Seite an Seite arbeiten.

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