Parteitag

Die AfD stellt sich neu auf: "Wir sind die Pegida-Partei"

Thomas Steiner

Von Thomas Steiner

Mo, 06. Juli 2015 um 09:29 Uhr

Deutschland

Der Wirtschaftsliberale Bernd Lucke hat seine Schuldigkeit getan. Jetzt wird der AfD-Gründer Opfer eines rechten Durchmarschs. Frauke Petry ist nun die Frontfrau der Partei.

So hat Bernd Lucke sich das gewiss nicht vorgestellt. Weder, als er vor zweieinhalb Jahren zur Gründung einer neuen Partei aufrief, noch als er jetzt zum erst vierten Parteitag der Alternative für Deutschland (AfD) nach Essen kam. Niedergeschrien und ausgebuht vom eigenen Parteivolk verlässt er am Ende der Veranstaltung die Bühne. Ob er auch seiner Partei den Rücken kehrt, dazu will er im Moment der bitteren Niederlage noch nichts sagen, als ihn vor der Bühne in der Grugahalle der Journalistenpulk befragt. Er will jetzt erst einmal zu seiner Frau und seiner Familie. So endet das Drama eines Professors, der ausgezogen ist, Deutschland eines Besseren zu belehren. Und so vollendet sich der Aufstieg seiner ärgsten Widersacherin in der Partei.

Frauke Petry ist nun die Frontfrau der AfD. 60 Prozent der Stimmen bekommt sie bei der Vorsitzendenwahl von den dreieinhalbtausend Parteimitgliedern, die aus ganz Deutschland nach Essen gekommen sind. Petry wird der Partei ein neues Gesicht geben. Aus der Vereinigung von Euro- und Europakritikern wird eine Antizuwanderungspartei. Bezeichnend, dass auf dem Parteitag kaum von Griechenland und der Schuldenkrise die Rede ist, auch wenn diese just am selben Wochenende ebenfalls einen dramatischen Wendepunkt erreicht. Stattdessen geht es um Asylbewerber und Zuwanderung. Und um die Ängste davor. Oder wie der scheidende Bundessprecher Konrad Adam formuliert: "Es geht um die Frage, wie man Einwanderer von Gästen, Asylanten von Scheinasylanten, Flüchtlinge von Erpressern unterscheidet."

Es ist das Thema, mit dem Frauke Petry erfolgreich Landtagswahlkampf gemacht hat, vor einem Jahr in Sachsen. Mit den Leuten der Dresdner Pegida, der rechten Protestbewegung, hat sie gesprochen – was zu Protesten anderer Parteien führte, aber auch zum Wahlerfolg: 9,7 Prozent der Stimmen holte die AfD, zog zum ersten Mal in ein deutsches Parlament ein.

Gegründet als Partei der Eurokritiker, darunter Ökonomieprofessoren, die sich von CDU und FDP abgewandt hatten, hat die AfD auch viele Leute vom politisch rechten Rand angezogen. Petry wurde zu ihrer Identifikationsfigur. Sie knüpfte Netzwerke, reiste mit ihrem Intimus Marcus Pretzell, dem nordrhein-westfälischen Spitzenmann der AfD, durch die Landesverbände. Mit den Erfolgen auch bei den anderen ostdeutschen Landtagswahlen, wo die Themen Zuwanderung und Innere Sicherheit zogen, bekam der rechte Flügel der AfD Aufwind. Mit der "Erfurter Resolution", initiiert vom thüringischen Landessprecher Björn Höcke, gab er sich eine erste Programmschrift, die für eine "patriotische Erneuerung" und gegen die "Gesellschaftsexperimente" vergangener Jahrzehnte plädiert.

Bernd Lucke musste zur Kenntnis nehmen, dass ihm die Partei entglitt. Er versuchte es mit Autorität, schlug eine neue Satzung vor, die ihn zum alleinigen Vorsitzenden machen sollte. Sie wurde auf einem Parteitag in Bremen anfang des Jahres mit knappster Mehrheit angenommen. Damit nicht genug, versammelte er seine Gefolgschaft in dem Verein "Weckruf 2015", um Stärke zu zeigen.

Doch hat Lucke sich noch in Bremen durchsetzen können, so ist die Stimmung schon vor Essen gekippt. Aufgeheizt ist der Parteitag von Anfang an, nicht nur wegen der 27 Grad in der ehrwürdigen Grugahalle. Weckruf-Mitglieder und -Gegner haben sich ihre jeweiligen Buttons angesteckt. Aber auch ohne Erkennungszeichen ist die Lagerbildung klar erkennbar. Vom Kreisverband Freiburg etwa sind Lucke-Anhänger angereist, vom umgebenden Kreisverband Breisgau-Hochschwarzwald Petry-Anhänger.

Nach den bei der AfD üblichen quälenden Querelen um Tagesordnungspunkte und Geschäftsordnung beginnt der Schaukampf. Beifall und Buhrufe werden laut bei den Auftritten der Protagonisten. Luckes Gegner benutzen die Stimmkarten, um ihm wie auf dem Fußballplatz Rot zu zeigen. Es wird eine Verteidigungsschlacht für den Professor. Petrys Kampfgefährte Pretzell hat in seinem Grußwort an die Versammlung gesagt: "Wir hatten die Diskussion, sind wir die Euro- oder die Pegida-Partei? Wir sind beides!" Lucke pocht darauf, Pegida-Partei stehe in keinem Parteibeschluss. Hohngelächter aus dem Petry-Lager. Petry selbst polemisiert gegen muslimische Zuwanderer und unterstellt dem Islam, er transportiere "ein Staatsverständnis, das mit dem Grundgesetz nicht vereinbar ist". Lucke, dem solche Pauschalangriffe auf Religionen ein Gräuel sind, fragt zurück, was das denn heißen solle für die vielen Muslime, die die deutsche Staatsbürgerschaft haben.

Eine vergiftetet Würdigung des "lieben" Vorgängers

Doch mit Argumenten kommt er nicht weit. Als er die vielen Flüchtlinge in Nahost erwähnt, spricht er statt über Deutschland über die arabischen Staaten, denen geholfen werden müsse, Millionen Menschen zu versorgen. Doch das geht schon in Zwischenrufen und im Pfeifkonzert unter. Es sei eine sehr gute Rede gewesen, lobt zwar der Freiburger Jurastudent Julian Heidenreich, Lucke habe Probleme differenziert angesprochen – doch die Mehrheit in der Halle sieht das anders.

Frauke Petry ist eine Frau, die mit ihrer kleinen Statur nicht imposant, aber dank ihrer großen Körperspannung immer bestimmend wirkt. Sie befleißigt sich einer Rhetorik, die versöhnlich wirkt, aber inhaltlich Pflöcke einrammt. In der öffentlichen Debatte, sagt sie, würden zunehmend abweichende Meinungen als rechtsradikal oder fremdenfeindlich diffamiert. Das solle man doch bitte in der Partei nicht tun, es sei schon erstaunlich, dass einige in der AfD auf diese Falle des politischen Establishments hereinfielen. Alle wissen, dass Lucke mit seinen Angriffen auf den rechten Flügel gemeint ist. Immerhin: Wenn der wirtschaftsliberale Flügel bei der Wahl unterliege, müsse er dennoch im Bundesvorstand vertreten sein, konzediert sie. Petry, meint der Breisacher Publizist Volker Kempf über ihr Rededuell mit Lucke, habe integrativer gewirkt, "sie kann Brücken bauen".

Ob ihr das wirklich gelingen wird? Nachdem sie die Wahl angenommen hat, dankt Frauke Petry dem "lieben Bernd". Er bleibe die "Galionsfigur der Gründerzeit", sagt sie. Eine vergiftete Würdigung. Viele Lucke-Anhänger ziehen nach der Wahl aus. Nicht nur aus der Halle, sondern wohl auch aus der Partei, wie einer noch am Saalmikro ankündigt. Bei der Wahl zum Ko-Vorsitzenden setzt sich dann noch der Wunschkandidat Petrys durch, der Finanzprofessor Jörg Meuthen von der Hochschule in Kehl. Als Vertreter des wirtschaftsliberalen Flügels wollte sie ihn dabeihaben. Ob er nicht ein Feigenblatt für die konservative Vorsitzende sei, wird er nach seiner Wahl von Journalisten gefragt. Die Gefahr bestehe, sagt er.

Am Sonntag besetzt der dezimierte Parteitag die restlichen Vorstandsposten mit durchgehend rechtskonservativen Leuten, dem Brandenburger Landessprecher Alexander Gauland, der schon bei Pegida mitlief, der Europaabgeordneten Beatrix von Storch und Albrecht Glaser aus dem hessischen Landesverband. So etwas nennt man einen Durchmarsch.
Streitbare Chemikerin

Frauke Petry wird 1975 in Dresden geboren und wächst in der DDR auf. Ihr Vater ist Ingenieur, die Mutter Chemikerin. Nach dem Mauerfall siedelt die Familie nach Nordrhein-Westfalen über, wo Petry ihr Einser-Abitur macht. Noch an der Schule lernt sie auch ihren späteren Mann kennen. Er studiert Theologie, sie, der Mutter folgend, Chemie, in England und Göttingen. Auch ihr Diplom macht Petry mit einer Eins, sie wird Stipendiatin der Studienstiftung des Deutschen Volkes, promoviert. Und bekommt nebenher vier Kinder.

Als Petrys Mann eine Pfarrstelle in der sächsischen Kleinstadt Frohburg erhält, zieht sie mit ihm zurück in den Osten, lässt sich für die Gemeinde als Chorleiterin und Organistin ausbilden. Selbst singt sie einige Jahre lang im renommierten Leipziger Vocalensemble. Beruflich allerdings muss sie einen Misserfolg hinnehmen: Ein Unternehmen, mit dem sie ein Reifendichtmittel, das ihre Mutter entwickelt hatte, vermarkten wollte, geht pleite. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Insolvenzverschleppung, die Firma wird von einer größeren geschluckt.

Petry wird dann lieber Politikerin. Auch das hat sie schnell gelernt. Beim ersten Parteitag der AfD wählt man sie auf einen der drei Bundessprecherposten: Die junge Frau mache sich gut neben dem Gründungsvater Lucke und dem früheren FAZ- und Welt-Journalisten Konrad Adam, einem der vielen älteren Herren in der AfD. Als Sprecherin im Landesverband führt sie die AfD Sachsen in den Landtag.