First Lady

Ein Amt, das es nicht gibt: Ehefrau des Bundespräsidenten

Katja Bauer

Von Katja Bauer

Fr, 10. Februar 2017

Deutschland

Als Ehefrau des künftigen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier muss Elke Büdenbender ihre Rolle als First Lady finden – die Erwartungen sind groß.

Darf eine First Lady im Tornado-Kampfbomber mitfliegen? Sollte sie, wenn sie schon ein Tattoo auf der Schulter hat, dieses nicht besser mit einem Seidenfoulard bedecken? Was für eine Botschaft sendet ein Bundespräsident, der eine Frau ins Amt mitbringt, aber mit einer anderen verheiratet ist? Anders gefragt: Gehört es zu den Bürgerpflichten in dieser Republik, für jede neue First Lady ein neues No-Go zu finden, über das diskutiert werden kann?

Elke Büdenbender wird sich auf diesen Teil des öffentlichen Diskurses nicht gerade freuen – denn nur als "Gattin von" hat sich die Ehefrau Frank-Walter Steinmeiers schon in der Vergangenheit nicht zuvorderst verstanden.

"Frank macht seinen Job, ich mache meinen", so beschrieb die 55-jährige Juristin einmal ihre Sicht auf das gemeinsame Leben. Im Fall von Büdenbender war das die Arbeit als Verwaltungsrichterin am Berliner Sozialgericht. Zwei feste Verhandlungstage im Monat, dazwischen Aktenfressen zu Hause oder im Gericht. Seit 1999 lebt die Familie in Zehlendorf und versucht, einen Alltag zu leben, der so normal wie möglich ist. Dazu gehören ein Vater, der nachts von der Dienstreise nach Hause kommt und ein Ikearegal aufbaut – und eine Mutter, die die Tochter mit dem Rad von der Schule abholt.

Elke Büdenbender schweigt darüber, wie sie als First Lady agieren wird. Das liegt nicht daran, dass nicht gefragt würde: Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel wusste neulich, die Juristin habe im Freundeskreis klar gemacht, dass sie weiter als Richterin arbeiten wolle – natürlich mit einem Duktus, der die Frage aufwirft: "Geht das?"

Man könnte auch fragen: Geht diese Frage eigentlich? Der Job, der auf die Neue wartet, existiert laut Verfassung überhaupt nicht, was zumindest den Vorteil haben müsste, dass man nichts falsch machen kann. Aber wen das Schicksal ereilt, den zu lieben, der erster Mann im Staate ist (eine andere Geschlechterkombination gab es bisher nicht), für den gilt nicht einmal das. Die Nichtexistenz der Tätigkeit steht im Widerspruch zu den Erwartungen. Die heißen: bitte mitmachen, aber nach ungeschriebenen Regeln.

Aber wie? Natürlich eckt auf keinen Fall an, wer die Rolle traditionell interpretiert. Ein klassisches Beispiel ist Christiane Herzog. Als einzige Bundespräsidentengattin agierte sie nicht nur im Schloss Bellevue, sondern lebte auch dort – nicht schlossherrinnenhaft, sondern auf zugigen 90 Quadratmetern. Heute gibt es die Wohnung nicht mehr, die Residenz liegt in einer Villa in Dahlem. Die ausgebildete Hauswirtschaftslehrerin Herzog machte aus der Not eine Tugend, ließ sich in der Schlossküche blicken wie eine bodenständige Gastgeberin, gab ein Kochbuch zugunsten ihrer Stiftung für an Mukoviszidose erkrankte Kinder heraus und posierte mit ihrem gepflegten Silberhaar an den dicken blauen Hortensienbüschen im Schlossgarten. Das Engagement für Mütter und Kinder gehört ebenso zu den tradierten Tätigkeiten der Bundespräsidentengattin wie ein eigener Schwerpunkt, oft aus dem Gesundheitsbereich, im unpolitisch-karitativen Sinne.

Wie das jeweilige Paar seine gemeinsame Arbeit interpretiert hat, hing oft nur von biografischen Gegebenheiten ab. Theodor Heuss zum Beispiel, nicht Joachim Gauck, war der erste Bundespräsident mit einer Frau an der Seite, mit der ihn kein Trauschein verband. Nach dem Tod seiner Gattin Elly Heuss-Knapp 1952, zwei Jahre nach Amtsantritt, zog Hedwig Heuss in die Bonner Villa Hammerschmidt ein. Sie war die Witwe von Heuss’ verstorbenem Bruder Ludwig in Heilbronn und nahm die Aufgabe der First Lady wohl als Pflicht an – im Alter von 70 Jahren. Im Heilbronner Stadtarchiv finden sich die Aufzeichnungen von Hedwig Heuss, die zwar aus protokollarischen Gründen den Bundespräsidenten nicht auf Auslandsreisen begleitete, ihm aber jeden Tag einen frischen Anzug rauslegte und Gäste in Bonn empfing. Das offizielle Gedächtnis geht seltsam mit dieser Frau um: Hedwig Heuss kommt in der Erinnerung überhaupt nicht vor – auch nicht auf der Website des Bundespräsidialamtes

Manchmal wäre vielleicht weniger Erinnerung mehr. Bettina Wulff wird durch einige Dinge im Gedächtnis bleiben: Dazu gehört die Art und Weise, in der sie Eigenständigkeit demonstrierte – nämlich am Tage der Rücktrittserklärung ihres Mannes, als sie eine so demonstrative körperliche Distanz einnahm, dass die nahende Trennung für jeden zu spüren war. Wenig später klagte sie in einem Buch über eine fehlende Dunstabzugshaube in der Dienstvilla, das geringe Gehalt des Präsidenten und den Verlust der Eigenständigkeit an der Seite ihres Mannes. Bei Amtsantritt klang das anders. Eins jedenfalls war die PR-Fachfrau: offenherzig.

Anders Christina Rau, die schon als "Landesmutter" in Nordrhein-Westfalen erkannt hatte, dass man mit einer Sache keinen Fehler machen kann: Zurückhaltung. Die galt als ihr Markenzeichen. Interessant ist, was dahinter möglich wurde. Rau, 25 Jahre jünger als ihr Mann und Mutter von drei damals halbwüchsigen Kindern, konnte ihren Job politisieren – und zwar über ihre Aufgabe als Schirmherrin bei Unicef.

Wer die Rolle traditionell

interpretiert,eckt nicht an

Wo Vorgängerinnen sich auf unverfängliche karitative Aspekte konzentriert hatten, ging sie weiter. Sie flog in einem Tornado mit, um Mädchen Mut zu machen, Pilotin zu werden. Sie stellte sich mit einem Minensucher auf ein Feld in Kambodscha, besuchte ein Projekt gegen Kinderhandel in Benin, sprach mit Kindersoldaten in Sierra Leone. Rau redete nicht allein über die Kinder, sondern über die Kriege, die diese Kinder zu Opfern gemacht hatten, über sexuelle Ausbeutung und darüber, dass jeder fünfte Jugendliche in Südafrika keine 25 Jahre alt wird – wegen HIV.

Und weil sie so sachlich und beharrlich und firstladylike war, konnte sie zum Ende der Amtszeit eine offene Bilanz über dieses Amt ziehen, das offiziell keines ist: "Ich habe mal scherzhaft gesagt, ich könnte mir eine ,shared presidency’ (geteilte Präsidentschaft, Anmerkung der Redaktion) vorstellen. Natürlich gibt es Schwerpunkte bei der Tätigkeit der Ehefrau des Bundespräsidenten, die ähnlich wichtig sind wie das, was der Bundespräsident tut. Sie nutzt zu verschiedenen Gelegenheiten die abgeleitete Autorität. Praktisch nimmt sie mitunter auch Aufgaben für den Bundespräsidenten wahr."

Im Grunde formuliert sie den einzigen Vorteil, den man aus der wachsweichen Rollendefinition ziehen kann: Das Präsidentenpaar kann doppelte Schwerpunkte zu setzen. Daniela Schadt stellte zum Beispiel in den vergangenen fünf Jahren die Chancengerechtigkeit von Jugendlichen in den Mittelpunkt ihrer Arbeit. Elke Büdenbender wird ab Sonntag ihr Rollenverständnis definieren. Vielleicht bleibt sie Richterin, vielleicht gibt sie wie die Journalistin Daniela Schadt den Job auf, weil er sich als nicht vereinbar mit dem Amt des Partners erweist. Und irgendwann wird es vielleicht ein Mann sein, der als erster in der Rolle des First Husband zeigt, dass gar nichts so festgeschrieben ist, wie es immer schien.