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27. April 2011

Peter Schröder

Traumatisierte Flüchtlinge: Ein Arzt mit Grenzen

Peter Schröder kümmert sich um traumatisierte Flüchtlinge in Freiburg. Doch die Arbeit ist selbst für den ausgebildeten Psychotherapeuten extrem belastend.

Peter Schröder kann manchmal nur schwer über das sprechen, was seine Patienten ihm erzählen. Der Psychotherapeut holt Luft. "Stellen Sie sich eine Roma vor, die im Kosovo lebt. Sie wird dort von 50 Männern über zwei Tage hinweg vergewaltigt. Einer nach dem anderen. Ihr Kind, das bei ihr war, wird vor ihren Augen erschossen. Sie kann fliehen, ist von einem Vergewaltiger schwanger. Sie traut sich nicht, ihrem Mann etwas von der Vergewaltigung zu erzählen, da sie fürchtet, verlassen zu werden. Das Kind wird geboren, sieht jedoch anders aus als der Vater, also wird dieser skeptisch. Dann kommen die beiden in meine Praxis, der Mann weiß immer noch nichts von der Vergewaltigung." Am Ende der Erzählung schweigt der Psychotherapeut und Allgemeinmediziner, als wäre er erschöpft.

Geschichten wie diese hört Schröder öfter von Patienten. Sie sind Teil seiner Arbeit: Der 61-Jährige ist einer der wenigen Ärzte, die in Freiburg traumatisierte Flüchtlinge behandeln. Mit der Grausamkeit, die seine Patienten erleben, kann Schröder eigentlich umgehen, sagt er. Er hat lange in Afrika gearbeitet, hat viel Leid und Schrecken gesehen. Und doch tut sich der Arzt mit der Flüchtlingsarbeit zunehmend schwer. Es sind die Bedingungen seiner Arbeit, die sie mühsam und belastend machen.

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Der Mediziner versucht in den Behandlungssitzungen in seiner kleinen Praxis beim Freiburger Hauptfriedhof den Traumata mit einfühlsamen Fragen auf den Grund zu gehen. Doch meist sprechen seine Patienten kein oder nur schlecht verständliches Deutsch. Dann wird ein Übersetzer benötigt, der möglichst nicht aus derselben Familie stammen sollte. Schon gar nicht sprechen die meisten Frauen in Anwesenheit ihres Mannes über eine Vergewaltigung.

Dreiviertel seiner Flüchtlingspatienten behandelt Schröder unentgeltlich

Doch ein externer Übersetzer ist teuer. Viele nehmen 45 Euro die Stunde. Viele Kassen, sofern die Flüchtlinge überhaupt versichert sind, zahlen keine Übersetzer – auch wenn sie für die Behandlung notwendig sind. Vor einigen Jahren hat Schröder deshalb eine Spendensammlung organisiert. Doch dieses Geld ist mittlerweile aufgebraucht. Jetzt hat Schröder eine Kartei angelegt, in dem sich Adressen und Telefonnummern von Bekannten unterschiedlicher Nationalitäten befinden, die beim Übersetzen helfen können. Sie bekommen 20 oder 25 Euro, manchmal helfen sie auch umsonst.

"Von vielen anderen Ärzten werden wir belächelt." Mit "wir" meint der Arzt sich und seinen Praxispartner, Christian Schmitthenner. Der kümmert sich um Obdachlose. Mit Flüchtlingen und Obdachlosen verdienen Ärzte jedoch kein Geld. Deshalb ist Schröder auf die anderen Patienten angewiesen, die wegen Halsschmerzen oder einer Grippe in seine Praxis kommen. Die Behandlungskosten der Flüchtlinge werden nur in wenigen Fällen vom Sozialamt übernommen, oft werden sie abgelehnt oder die Anträge liegen monatelang auf den Schreibtischen der Behörden, sagt Schröder. Dreiviertel aller Patienten behandelt er darum unentgeltlich.

Schröder geht es nicht ums Geld; seine Praxis ist klein und bescheiden eingerichtet. Was den Mediziner dagegen belastet, ist das Gefühl, einen aussichtslosen Kampf für die Belange der Flüchtlinge zu führen. Fast alle seiner Patienten haben keinen gesicherten Aufenthaltsstatus und können jederzeit abgeschoben werden – in das Land, in dem sie gefoltert oder misshandelt wurden. Unter der ständigen Angst, das Land verlassen zu müssen, ist eine Therapie extrem schwierig. Oft kann Schröder nur eine stabilisierende Behandlung vornehmen, zu den alten Traumata dringt er gar nicht vor.

Bis die Patienten Peter Schröder von Folter und Vergewaltigungen erzählen, vergehen häufig Monate, in einigen Fällen Jahre – sofern sie so lange Gelegenheit dazu erhalten. Manchmal, da kommen die Patienten einfach nicht zur nächsten Behandlung. Schröder sagt deshalb oft zu seinen Patienten: "Wenn Sie abgeschoben werden, schicken Sie mir bitte eine Postkarte, damit ich wenigstens weiß, wo sie sind." Es schwingt viel Bitterkeit in seiner Stimme mit, wenn er das sagt. Mit der deutschen Asylpolitik konnte sich der Mann mit dem weißen Vollbart noch nie anfreunden. Er widerspricht den Menschen, die behaupten, Asylbewerber würden nur aus wirtschaftlichen Gründen aus ihren Ländern fliehen.

Schröder hat selbst den Anspruch, die Lügner unter den Ehrlichen zu erkennen. "Ich bilde mir ein, dass ich so viel Erfahrung habe, um zu merken, wenn mich ein Patient anlügt." Woran man das merkt, sagt er nicht. Seit Beginn seiner Tätigkeit 1993 hat er drei von rund 2000 Flüchtlingen wieder weggeschickt, weil er erkannt hatte, dass berechnende und keine traumatischen Gründe sie in seine Praxis geführt hatten.

Der Arzt kann nicht mehr in die ängstlichen Augen blicken

Es war der Idealismus, der ihn bisher immer weitermachen ließ. Doch Ende des vergangenen Jahres erreicht auch der Mediziner seine persönliche Grenze. Er setzt einen offenen Brief auf, der sich wie ein Hilferuf liest. "Ich halte es nicht mehr aus, Patienten zu betreuen, die von einer unmittelbaren Abschiebung in ihr Heimatland bedroht sind", schreibt Schröder. Er kann den Menschen nicht mehr in ihre ängstlichen Augen blicken.

Im Wissen, für viele traumatisierte Flüchtlinge in Freiburg die letzte Hoffnung zu sein, entscheidet sich Schröder schweren Herzens, einen Schlussstrich zu ziehen. Zumindest teilweise. Seit Februar nimmt der Arzt keine neuen Flüchtlinge mehr auf und behandelt nur noch die, die er schon kennt. Wer sich künftig um die anderen Flüchtlinge kümmern soll? Daran mag Schröder nicht denken.

Autor: Ines Fuchs