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13. Februar 2015

Wutrede

FDP-Parteichef Lindner stilisiert sich als mutiger Unternehmer – doch wie viel Wagnis war dabei?

Eine eher unberechtigte Wutrede: FDP-Parteichef Christian Lindner stilisiert sich im Düsseldorfer Landtag als mutiger Unternehmer. Doch wie viel Wagnis war dabei?

  1. Gab sich sauer auf einen SPD-Kollegen: Christian Lindner Foto: dpa

DÜSSELDORF. Christian Lindner macht sich gerne lustig über die politische Konkurrenz. Bei der jüngsten Ordensverleihung "Wider den tierischen Ernst" reimte der FDP-Parteivorsitzende in der Aachener Karnevalsbütt im Stile des Komikers Heinz Erhardt: "Hinter des Kanzleramtes Rinde/wohnt die Mutti mit Gesinde". Keinen Spaß versteht der 36-Jährige dagegen, wenn sich Sozialdemokraten über seine kostspielige Karriere als Start-up-Unternehmer lustig machen.

Als Gründer und Geschäftsführer der Internet-Firma Moomax hatte Lindner 2001 eine veritable Pleite hingelegt. In einer Replik auf die Regierungserklärung von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) zur rot-grünen Digitalisierungsoffensive für NRW hatte sich Lindner Ende Januar als Märtyrer dieser seiner Firmenpleite stilisiert. Gründungskultur sei "die Hefe im Teig" der Volkswirtschaft, hob der FDP-Politiker an, sie sichere individuellen Aufstieg und schaffe Arbeitsplätze.

"Damit haben Sie ja Erfahrung", rief ihm der Velberter SPD-Abgeordnete Volker Münchow zu. Lindner keilte zurück, wegen solch dämlicher Zwischenrufer gingen die Menschen heute lieber in den öffentlichen Dienst, statt ein Unternehmen zu gründen. "Wenn man nämlich Erfolg hat, gerät man in das Visier der sozialdemokratischen Umverteiler, und wenn man scheitert, ist man sich Spott und Häme sicher." Es seien meist Sozialdemokraten wie Münchow, "die das ganze Leben beim Staat gearbeitet oder vom Staat gelebt haben, die anderen unternehmerisches Engagement vorwerfen."

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Schnell machte der Auftritt Karriere in den sozialen Netzwerken. Die Bild-Zeitung kürte den Freidemokraten zum "Gewinner des Tages", die Zeit lobte ihn, selbst die linksalternative Tageszeitung war verzückt: "So macht politische Debattenkultur nicht nur ihm Spaß." Und die schon totgeglaubte FDP scheint wie reanimiert. Bei der Hamburger Bürgerschaftswahl am Sonntag haben die Liberalen laut aktuellen Umfragen Chancen, die Fünf-Prozent-Hürde zu überspringen.

Dabei war Lindners Inszenierung als Schutzherr der Gründer ebenso wenig neu wie die Inhalte der angeblichen Stegreif-Rede. Seinen Stehsatz über "Mut zur Gründung" und "die zweite Chance" hatten Reporter bereits Wochen zuvor beim FDP-Dreikönigstreffen in Stuttgart und im Hamburger Bürgerschaftswahlkampf notiert. Und nun gerät auch seine Tätigkeit als Jungunternehmer in den Fokus.

Es besteht der Verdacht, dass von dem zwei Millionen Euro hohen Gründerkapital der 2001 Pleite gegangenen Moomax GmbH ein nicht unbeträchtlicher Teil in Form von Gehältern an die Geschäftsführer des Unternehmens geflossen sein soll – darunter Lindner. Der Vorgang ist brisant, weil die Firma 1,4 Millionen Euro von der staatlichen KfW an Förderkrediten erhalten hatte. Eine detaillierte Antwort auf eine Anfrage der BZ lehnte Lindner ab. Stattdessen legte er eine Erklärung der Geschäftsführer der Enjoy Venture Management GmbH vor, die Moomax 2000 finanziert hatte. Darin wird der Verdacht zurückgewiesen.

Doch es bleiben Widersprüche. In der Vergangenheit bezifferte der frühere Moomax-Geschäftsführer die Zahl der festangestellten Mitarbeiter auf "deutlich unter zehn". Dagegen versichert Lindner bei "abgeordnetenwatch", die Förderkredite der KfW seien "überwiegend genutzt" worden, um "qualifizierte Arbeitsplätze zu schaffen". Die Frage, auf welchen Zahlen seine Aussagen basieren, ließ Lindner unbeantwortet. Stattdessen erklärte er: "Das der Gesellschaft zur Verfügung gestellte Risikokapital wurde im Wesentlichen sowohl für fest als auch branchenüblich für frei beschäftigte Mitarbeiter, für Büroinfrastruktur, für Hardware und Softwarelizenzen sowie für an Externe vergebene Software-Entwicklungsaufträge verwandt."

Wenige Wochen, bevor sich Lindner in das Unternehmer-Wagnis auf dem Neuen Markt stürzte, war er als 21-Jähriger in den Düsseldorfer Landtag eingezogen – mit einer Monatsdiät von damals 4438 Euro sowie einer Zulage von 1503 Euro. 2004 mit seiner Wahl zum hauptberuflichen Generalsekretär der NRW-FDP gab er seine berufliche Selbstständigkeit auf. Ganz gegensätzlich verlief der Lebensweg des von Lindner verhöhnten SPD-Landtagsabgeordneten Münchow. Der 55-Jährige hat sein Geld bis zum Einzug ins Landesparlament 2012 überwiegend in der Privatwirtschaft verdient – zuletzt als deutscher Vertriebsleiter einer norwegischen Firma aus der Schlossindustrie.

Artikel-Update (29. Mai 2015): Christian Lindner teilte uns zwischenzeitlich mit, dass er, aber auch die beiden anderen Geschäftsführer, insgesamt weniger als zehn Prozent von dem zwei Millionen Euro hohen Gründerkapital erhalten haben.

Autor: Johannes Nitschmann