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04. Oktober 2011 09:27 Uhr
BZ-Interview
Wie die Geothermie aus der Krise kommt könnte
Die Nutzung oberflächennaher Geothermie steckt in der Krise. Was dagegen helfen könnte, wollte Wulf Rüskamp von Thomas Kohl wissen, Professor für Geothermie am Karlsruher Institut für Technologie (KIT).
BZ: Erst Hebungen in Staufen, nun Absenkungen in Leonberg, jeweils mit großen Schäden an Häusern: Was läuft da falsch?
Kohl: Wenn ich den Vergleich ziehe zwischen Baden-Württemberg und der Schweiz, dann sehe ich große Unterschiede. In der Schweiz werden jährlich Millionen Meter sogar in größere Tiefen gebohrt, ohne dass solche Probleme auftreten. Die Bohrindustrie dort hat sehr großes Interesse an der Qualitätssicherung. Dort gibt es sowohl ein relativ hartes Gütesiegel für die Bohrfirmen als auch Normen zur Qualitätssicherung.
BZ: Woran liegt es, dass die deutsche Bohrindustrie hinterherhinkt?
Kohl: Die Bohrindustrie hat zunächst sehr abwartend reagiert, weil sie sich vielen Einschränkungen unterworfen sah. Aber eine effektive Selbstkontrolle hat sich auf vielen Feldern der deutschen Industrie bewährt – warum nicht auch in der Bohrindustrie? Wir werden am Landesforschungszentrum für Geothermie am KIT in Karlsruhe demnächst einen Workshop veranstalten, in dem wir Vorgaben und Arbeitsweisen in unterschiedlichen Ländern herausarbeiten wollen.
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BZ: An der Bohrtechnik selbst liegt es nicht? Beherrscht man die?
Kohl: Ja, aber Unfälle gibt es immer. Doch wir sind uns, seit es in Deutschland kaum mehr Kohlebergbau gibt, gar nicht bewusst, dass Gewinnung von Energie mit Risiken verbunden ist. Wenn 200 Ukrainer in einem Bergwerk sterben, dann ist das hierzulande eine schnelllebige Nachricht, weil das Geschehen sehr weit weg ist. Da machen wir uns keine Gedanken, obwohl wir die Kohle, die diese Kumpels gefördert haben, hier bei uns verheizen und verstromen. Wir müssen wieder lernen, dass es keine gefahrlose Energiegewinnung auf der Welt gibt, sei es der Betrieb eines Atomkraftwerks, der Abbau fossiler Energieträger oder sogar die Nutzung erneuerbarer Energie. Man muss deshalb vor und während dem Einbau einer Erdwärmesonde abklären, wie hoch das Gefährdungspotenzial im Untergrund ist, und entsprechend reagieren. Wir verstehen die Prozesse im Untergrund und wir können sie sehr gut analysieren. Dafür braucht es aber unabhängige Gutachter oder eine Art TÜV vor Ort, der entscheiden kann, ob eine Bohrung weitergeführt werden kann oder nicht.
BZ: Geologen sagen: Vor der Hacke ist es duster. Was so viel heißt wie: Was da unten ist, weiß man erst, wenn man es angebohrt hat ...
Kohl: Das ist nur bedingt richtig, denn es gibt immer auch Anzeichen, wann Probleme zu erwarten sind. Ein erfahrener Bohrmeister weiß genau, was passiert, wenn er beispielsweise im Muschelkalk auf sehr viel Wasser trifft. Dann muss er auch mal eine Bohrung aufgeben. Es ist wichtig, dass das Personal eine Bohrfirma entsprechend gut ausgebildet ist, um eine Bohrung so sicher wie möglich zu erstellen.
BZ: Aber Sie verstehen die Angst der Menschen vor dem Risiko?
Kohl: Wir müssen versuchen, die Vorfälle rational zu analysieren, statt das ganze System zu verdammen. Ich bin von den Vorgängen in Staufen höchst betroffen, aber wir haben hier leider eine bekannte geotechnische Problemstellung. Erdwärmesondenbohrungen haben sicherlich große Schäden verursacht – aber sie haben noch kein Leben gefährdet. Umso wichtiger ist, festzustellen, dass die Geothermienutzung sehr viele Vorteile bietet. Sie hilft zudem, Kohlendioxid in der Energiegewinnung zu vermeiden. Gut ausgeführte Bohrungen haben ein geringes Schadenspotenzial und stellen für den Bauherrn eine gute Investition dar.
BZ: Haben die Behörden in Baden-Württemberg mit ihren neuen Auflagen für Erdwärmebohrungen überreagiert?
Kohl: Zum jetzigen Zeitpunkt bestimmt nicht. Wir haben jetzt praktisch eine Zäsur, um die Qualität künftiger Bohrungen zu erhöhen und zum Beispiel Versicherungslösungen zu erarbeiten. Es kann ja nicht sein, dass der Preis das einzige Auswahlkriterium ist, wenn Aufträge an Bohrfirmen vergeben werden. Wahrscheinlich ist das sogar das schlechteste Kriterium. Denn wer das billigste Angebot abgibt, hat seine Leute womöglich nicht in große und deshalb teure Ausbildungsprogramme geschickt.
- Hintergrund: Erdwärme ist nicht kostenlos
Autor: Wulf Rüskamp
