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12. April 2017

Hauptstadt

Für mehr als 130 Millionen Euro entsteht in Berlin eine grüne Oase – mit Gartenlandschaften aus aller Welt

Ein Garten in Berlin? Das ist nicht das Erste, was einem zu der Dreieinhalb-Millionen-Stadt einfällt. Ab Donnerstag werden allerdings Naturfreunde zu Hunderttausenden die Metropole besuchen – denn zum ersten Mal findet hier die Internationale Gartenbauausstellung (IGA) statt.

  1. „Reflecting Gardens“ – reflektierende Gärten: Installation von Jeppe Hein auf dem Berliner Gartenschau-Gelände Foto: AFP

Zur Herausforderung wird dabei der Ort: Mitten im größten Neubaugebiet Deutschlands, in Marzahn-Hellersdorf im Osten, lockt auf 100 Hektar ein gigantischer urbaner Garten samt großstadtuntypischen Attraktionen. Wer will, kann Seilbahn fahren oder Kühe streicheln – und das alles nach 25 Minuten U-Bahn-Fahrt vom Alexanderplatz aus.

Die Seilbahn – nicht gebaut aus den 130 Millionen Euro öffentlichen Mitteln für die IGA, sondern von einem privaten Sponsor aus Südtirol – gilt schon jetzt als eine der Hauptattraktionen. Von der Talstation schweben die Gondeln fast lautlos in 30 Meter Höhe hinauf zum Kienberg, einer Erhebung aus Weltkriegsschutt, um die sich die Gartenschau versammelt. Rundherum umschließen Plattenbauten mit bis zu 22 Geschossen das Areal.

Wer von oben auf die Neubausiedlungen blickt, erkennt in den großen Flächen dazwischen auch, was die Planer ursprünglich im Sinn gehabt hatten: Licht und Luft für alle statt schmaler dunkler Häuserschluchten. Auf dem Kienberg wartet die Hauptattraktion Nummer zwei: Wolkenhain heißt eine weiße, hoch über einer Treppe schwebende Aussichtsplattform, von der aus man bis in die Innenstadt blicken kann.

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Zwei Millionen Besucher werden erwartet. Dass die IGA nicht auf dem Land veranstaltet wird, ist keine Seltenheit: Berlin folgt als Ausstellungsort auf Rostock, Stuttgart, München und Hamburg – und wann immer ein Unternehmen dieser Größenordnung geplant wird, geht es auch um die Frage, was am Ausstellungsort bleibt, wenn die Besucherströme abgeflaut und die Blumenbeete eingeebnet sind.

In Berlin soll das IGA-Areal als Beispiel gestalteter Stadtnatur zwischen Plattenbauten dem Erholungsbedürfnis gestresster Großstädter dienen. Wer in den übernutzten, abgelebten Parks der Berliner Innenstadt wie dem Mauerpark oder dem Görlitzer Park mit ihren Flohmärkten, Karaoke-Shows und Biergärten unterwegs ist, der weiß, wie sehr die Menschen in der Stadt nach Grün lechzen. Und jetzt, wo Berlin so dynamisch wächst wie seit einem Jahrhundert nicht, werden Flächen knapp und kostbar. Die verwilderten Stadtbrachen sind zu Filetgrundstücken geworden, Laubenpieperkolonien müssen gegen Bebauungsbegehren verteidigt werden. Gleichzeitig zeigt sich die Sehnsucht danach, mit den Händen in der Erde zu wühlen, in urbanen Orten wie dem Gemeinschaftsprojekt der Prinzessinnengärten in Kreuzberg.

Marzahn-Hellersdorf galt früher als Schmuddelviertel

Dass es bei der IGA um ein Naherholungsgebiet am Stadtrand gehen würde, war nicht der ursprüngliche Plan. Eigentlich hatte die Ausstellung an einem naheliegenderen Ort Antworten auf Fragen nach urbaner Natur finden wollen: auf der wilden Fläche des stillgelegten Flughafens Tempelhof in der Innenstadt. Der Volksentscheid einer Bürgerinitiative verhinderte das. Der Osten war der Ausweichstandort.

Dafür stellen sich hier neue Aufgaben: Marzahn-Hellersdorf leidet nach wie vor unter dem Klischee, eines der Schmuddelkinder unter den Hauptstadtbezirken zu sein – grau, arm, ein Ort, der wegen rassistisch motivierter Straftaten für viele als nicht besuchbar galt. In der DDR war der Bezirk ein Vorzeigewohnort. Wer in den 80er Jahren eine der 150 000 Wohnungen ergatterte, schätzte sich glücklich. Nach der Wende kippte die soziale Mischung. Wer konnte, zog weg. Zeitweise standen bis zu 60 Prozent der Wohnungen leer. Inzwischen sind viele Bauten saniert, Leerstand gibt es kaum noch.

Seit Ende der 90er Jahre ist in dem Gebiet auch ein Gartenprojekt entstanden, das nun das Herzstück der IGA bildet: In den "Gärten der Welt" können die Besucher durch Anlagen spazieren, die Gartenkunst aus Japan, China, Italien, Bali oder Großbritannien zeigen. Das Areal ist für die IGA verdoppelt und um Gartenformen aus aller Welt erweitert worden. Diese werden bleiben, auch wenn die IGA-Gäste nach dem 15. Oktober weg sind und alle Sommerblumenbeete wieder dem matschigen Grün der Berliner Herbstwiesen weichen. Was möglicherweise auch bleibt, ist die Seilbahn: Sie könnte eine Lücke im Netz des Nahverkehrs schließen. Die beiden Hälften des Bezirks Marzahn-Hellersdorf sind bisher schlecht miteinander verbunden. Die Gondeln könnten diesen Fehler beheben. Ob aus der U-Bahn eine Ü-Bahn wird, ist ungewiss. Lautlos durch den Himmel über Berlin zu schweben, kann aber auch ein Stück Naherholung sein.

Autor: Katja Bauer