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28. September 2012 09:19 Uhr

Sodomie

Gibt es Tierbordelle in Deutschland?

Ein Gerücht macht Karriere im Politikbetrieb: In Deutschland soll es Tierbordelle geben. Aber ist das tatsächlich so? Unsere Autorin ist der Frage nachgegangen.

  1. Ein Fall von Zoophilie? Bei Leonardo da Vinci lässt Leda Zeus in Gestalt eines Schwans an sich heran. Foto: akg-images

Vor dem Tor des entlegenen Bauernhofes leuchten rote Laternen. Im Stall wird gerade Stroh frisch aufgeschüttet, damit es die Besucher der abgeschotteten Boxen nachher recht gemütlich haben, wenn sie sich an Pferd oder Schaf zu schaffen machen. So oder ähnlich muss man sich wohl ein Szenario vorstellen, mit dem sich deutsche Politiker derzeit befassen.

In Deutschland soll es nämlich Tierbordelle geben. In denen Menschen Tiere gegen Geld mieten, um mit ihnen Sex zu haben. Das klingt schmutzig und pervers, nach skrupellosen Geschäftemachern, die mit leidenden Tieren Geld verdienen. Und es klingt so abstoßend, dass schon das bloße Gerücht den Politikbetrieb in Schwung bringen kann. Und das tut es – bis hinauf in den Bundesrat.

Die Länderkammer will, dass Sodomie in Deutschland verboten wird. Und begründet das unter anderem mit Tierbordellen. So heißt es in einer Drucksache vom Juni: "Auch die Tatsache der inzwischen wohl auch in Deutschland aufkommenden Tierbordelle unterstreicht den Regelungsbedarf." Ein vielsagender Satz. Einer, der das ganze Dilemma mit den Tierbordellen in sich trägt: Sind sie nun eine Tatsache oder doch nicht?

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Ein Landesministerium schreibt vom anderen ab
Geregelt wird jedenfalls, so oder so. Die Regierung hat bereits Zustimmung signalisiert, das Verbot der Sodomie wird wohl kommen. An diesem Freitag wird der Bundestag erstmals über die Gesetzesänderung beraten. Doch die Frage nach den Tierbordellen bleibt. Gibt es sie? Ist schon mal eines aufgeflogen? Mussten die Behörden bisher dem Treiben zusehen, ohnmächtig, weil ihnen wegen der Gesetzeslage die Hände gebunden waren? Oder treiben Tierschützer hier mit einem Gerücht Lobbyarbeit?

Nach Recht und Gesetz sind sexuelle Handlungen an Tieren in Deutschland jedenfalls nicht explizit verboten. 1969 wurde der entsprechende Passus gestrichen. Es war der berühmte "Schwulenparagraph" 175, der Unzucht zwischen Männern verbot – und in seinem weniger bekannten Absatz b auch Unzucht mit Tieren. Erlaubt ist deshalb trotzdem nicht alles. Seit 40 Jahren wacht das deutsche Tierschutzgesetz über das Tierwohl im Land. Und dort heißt es: Wer einem Wirbeltier aus Rohheit oder ohne vernünftigen Grund erhebliche Schmerzen oder Leiden zufügt, kann belangt werden.

Das lässt Spielraum. Fügt jede sexuelle Handlung mit einem Menschen einem Tier Schmerzen zu? Und wie weist man das im Nachhinein nach? Fälle von Sodomie seien bislang schwer zu ahnden, heißt es in dem Bundesratspapier. Von Bordellen, gegen die man bislang nichts tun konnte, steht allerdings nichts da.

Die Quellen sind schwamming

Kann auch gar nicht, denn der Bundesrat weiß nichts weiter über Tierbordelle. Sie solle sich an das Land wenden, das den Antrag gestellt hat, wird die Reporterin auf Anfrage beschieden. Also Rheinland-Pfalz. Der Hinweis auf die Tierbordelle stamme aus der Feder des Mainzer Umweltministeriums, bestätigt man mir dort. Auf die Frage nach Ermittlungen, Gerichtsverfahren, Ansprechpartnern kommt eine ernüchternde Antwort: Die Aussage stütze sich auf Presseberichte, so die Sprecherin. Ich bitte um die Quellen.

Gleichzeitig mache ich mich selbst auf die Suche. Wer weiß etwas über Tierbordelle? Ich stoße im Archiv auf einen Text der Deutschen Presseagentur (dpa) vom Februar 2012. In diesem fordert die hessische Tierschutzbeauftragte, Madeleine Martin, ein komplettes Verbot von Zoophilie, wie Sex mit Tieren heute meist genannt wird. "Der Missbrauch scheint rapide zu steigen", sagt Martin – das Internet biete dafür eine Verbreitungsplattform. Und: "Es gibt mittlerweile Tierbordelle in Deutschland." Das hessische Umweltministerium, für das Martin arbeitet, hat sich der Sodomie ebenfalls schon gewidmet: Auch in der Antwort auf eine Landtagsanfrage von 2010 ist von Tierbordellen die Rede, deren Angebote im Internet zu finden seien.

Sechs Millionen Sodomiten in Deutschland – kann das sein?

Das Ministerium macht sich auch über die Verbreitung von Sodomie in Deutschland Gedanken: Zahlen für Hessen gebe es zwar nicht, heißt es da. Doch andere hätten ja geforscht: Im Kinsey-Report (1948/53) hätten acht Prozent der US-Bevölkerung zoophile Kontakte bestätigt, heißt es in dem Papier. Acht Prozent? Das wären in Deutschland gut sechs Millionen. Kann das sein? Leben so viele Sodomiten unter uns? Während viele heute an den Zahlen Alfred Charles Kinseys, eines Zoologen und Sexualforschers, zweifeln – und auch er selbst bei Frauen eine niedrigere Rate annahm – findet das hessische Ministerium die Zahlen durchaus realistisch: "Bekanntgewordene Fälle und die Darstellungen und Angebote im Internet von Life-Sex-Shows mit Tieren bis hin zu Tierbordellen" ließen für Europa auf vergleichbare oder sogar höhere Fallzahlen schließen.

Doch Hessen hat den Antrag ja nicht eingebracht, das war Rheinland-Pfalz. Obgleich das nicht wirklich einen Unterschied macht, wie sich bald zeigt. Bei Zeitungen mag Abschreiben verpönt sein, bei Ministerien ist es das offensichtlich nicht: Grundlage für den Antrag seien die Informationen aus dem hessischen Landwirtschaftsministerium sowie Presseberichte, heißt es auf meine erneute Nachfrage hin aus dem Mainzer Ministerium. "Die Hinweise waren stark genug", betont die Pressesprecherin. Auch die Presseberichte schickt sie mit. Die stellen ihre Informationen nicht gerade auf eine breitere Basis: Beide Artikel beziehen sich exklusiv auf Madeleine Martin – und auf die Informationen aus dem hessischen Ministerium, in die ebenfalls von ihr erarbeitetes Material eingeflossen ist.

Die Verbreitung von Tierpornos ist in Deutschland verboten, anders als der Akt selbst

Also Hessen. Madeleine Martin ist telefonisch erst mal nicht zu erreichen. Ich erreiche jedoch den Bundesverband praktizierender Tierärzte, der seinen Sitz ebenfalls in Hessen hat. Er hat eine Petition zum Verbot von Sodomie unterstützt. Auf der Homepage der Kampagne zeigt man sich von der Existenz von Bauernhöfen in Deutschland überzeugt, auf denen Tiere für sodomitische Praktiken "bereitgehalten, abgerichtet und benutzt werden". Pressesprecherin Astrid Behr hält das nicht für ein Gerücht: "Wenn Sie sich die Foren in dem Bereich anschauen, dann ist das keine Ente." Die Abscheu ist Behr anzuhören. Sie könnte mir Fotos schicken, sagt sie – da würde mir alles vergehen. "Es ist unglaublich, was sich da abspielt." Schicken darf sie die Bilder aber nicht. Denn die Verbreitung von tierpornografischem Material ist in Deutschland verboten, anders als der Akt selbst.

Sex mit Tieren sei schon immer ein Thema gewesen, sagt die Frankfurter Tierärztin. Sie erzählt von Tieren, kleineren, die anschließend tot sind, aber auch von Hunden, die in die Pathologie eingeliefert werden. "Es ist ein Tabuthema", klagt sie. Lediglich bei Pferden werde häufiger öffentlich, wenn ein Tier auf der Koppel sadistisch misshandelt werde – wie es jüngst auch bei Freiburg mehrfach der Fall war. Ob das alles zugenommen hat, kann sie nicht sagen. Augenfälliger sei es geworden – eben durchs Internet.
So viele Zoophile? Das Internet kennt feine Unterschiede
Wer sind diese Zoophilen, die sich in so großer Zahl unter uns befinden sollen? Ein Blick in das Forum http://www.zoophiler-tierschutz.info das Behr mir genannt hat, gibt Aufschluss. Es ist ein Blog für Zoophile, die sich für den Tierschutz einsetzen. Ist das nicht ein innerer Widerspruch? Der Schmutz bleibt erst mal aus, der Blog bemüht sich um Seriosität. Das macht den Besuch erst recht irritierend. "Zoosexualität", heißt es da in der Rubrik "Begriffsdefinition", sei der Überbegriff für die auf Tiere bezogene sexuelle Orientierung. Dann wird sauber getrennt: Zoophile sind demnach die, die ein Tier als Lebensgefährten oder Sexualpartner bevorzugen, weil sie sich zu ihm hingezogen fühlen. Zwang gegenüber dem Tier lehnen sie ab. Dann gibt es die Beastys. Denen gehe es primär um den sexuellen Kick. Schließlich gibt es die Zoosadisten. Aus der Sicht der Zoophilen sind das die Bösen.

Es gibt sogar einen Verein der Zoophilen, Zeta – Zoophiles Engagement für Toleranz und Aufklärung. Auch die Zoophilen werben für ihre Anliegen. Von den Tierärzten und ihrer Kampagne hält man bei Zeta herzlich wenig. Der Verein wehrt sich öffentlich gegen die Tierarztkampagne. Sie betreibe "pauschale Verurteilung und Kriminalisierung zoophiler Kontakte", außerdem würden Mutmaßungen und Klischees verbreitet – zu denen zählt Zeta dezidiert auch die Bordellgerüchte. "Diese sind dem Bereich der Mythen und Legenden zuzuordnen."

Endlich meldet sich Madeleine Martin, Hessens Tierschutzbeauftragte. Die Initiatorin der Tierärztepetition hat ihr meine Mailanfrage weitergeleitet. Martin erzählt vom langen Kampf gegen die Sodomie, von gefesselten Hunden, Verhaltensstörungen. Was die Bordelle angeht, rudert sie erst mal zurück: Dass es die in Deutschland gibt, will sie nicht gesagt haben. Da sei sie von der dpa falsch zitiert worden. Eine Bitte um Berichtigung ging laut dpa aber nicht ein. Es ist ohnehin nur ein halber Rückzieher: Dass es die Bordelle gibt, daran hat die Tierschützerin keinen Zweifel: "Es gibt sie definitiv in Skandinavien, dazu haben wir Unterlagen. Es liegt deshalb im Bereich des Hochwahrscheinlichen und Logischen, dass wir sie auch in Deutschland haben."

Nicht alle Tierschützer befeuern das Gerücht

Auf die Frage nach ihren Belegen für Bordelle in Skandinavien schickt mir Madeleine Martin zwei Onlinelinks. Der erste Text ist 2006 auf dem Portal der Zeitung Aftenposten in Norwegen erschienen. Darin heißt es, dass dänische Tierbordelle viele Interessenten aus Norwegen anlockten. Doch die Quelle ist dubios: Es ist ein Artikel in der Zeitung 24timer, den Aftenposten lediglich zitiert. Auch Martins zweite Quelle, die Icenews, zitiert denselben Bericht.

24timer ist eine billig gemachte Gratiszeitung, die in Dänemark verteilt wird. Ein Jahr nach dem Bericht von 24timer meldete sich in Dänemark – so die Recherchen des BZ-Korrespondenten vor Ort – auch die Polizei noch mal zu Wort: Man habe nach den Bordellen gesucht und nichts gefunden. Im Jahr 2011 gab es sogar eine parlamentarische Anfrage der Rechtspopulisten an den Justizminister von Dänemark, wie viele Tierbordelle es gebe. Die Antwort: keine, die den Behörden bekannt seien.

Nicht alle Tierschützer befeuern das Gerücht. Der deutsche Tierschutzbund hat jüngst mehrfach betont, dass in Deutschland keine Tierbordelle bekannt seien. "Es ist schon auffällig, dass die Sodomiedebatte so an den Tierbordellen aufgehängt wurde", sagt Pressesprecher Marius Tünte.

Sein Pressematerial stammt offenbar noch aus der Zeit vor dieser Erkenntnis: In der Stichwortliste des Tierschutzbundes zum Thema Zoophilie heißt es, dass man in Internetforen zu "Anleitungen zu sexuellen Praktiken mit Tieren" gelange – "oder gar zu Tierbordellen".

Und vor dem Tor des Bauernhofes leuchten die roten Laternen...

Autor: Katharina Meyer