Moschee-Eröffnung

Heftige Angriffe gegen liberale Muslime

Annemarie Rösch

Von Annemarie Rösch

Sa, 01. Juli 2017

Deutschland

Nach Eröffnung der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin gibt es Drohungen von Salafisten und Rechtsradikalen.

FREIBURG. Eine kleine Moschee in Berlin empört viele konservative Muslime. Nicht nur in Deutschland. Die Al-Azhar-Universität in Kairo, die in theologischen Fragen führend in der islamischen Welt ist, verurteilte den liberalen Ansatz der Moschee, in der Imamin Seyran Ates ohne Kopftuch vorbetet – und das vor Männern und Frauen, was sonst unüblich ist. Dies sei unislamisch, ließ sie verlauten. Der Freiburger Islamwissenschaftler Abdelhakim Ourghi, Mitbegründer der Moschee, berichtet von vielen Hasskommentaren.

Die Al-Azhar-Universität ließ verlauten dass solche Projekte, sie nannte in diesem Zusammenhang die liberale Moschee "extremistisch", den islamistischen Extremismus befördern würden. 1,7 Millionen Mal wurde der arabischsprachige Bericht der Deutschen Welle über die liberale Moschee angeklickt. Viele Muslime äußerten Unverständnis. "Die kreieren eine neue Religion, das ist kein Islam", habe einer der Kommentatoren geschrieben, berichtet die Deutsche Welle. Einige der Kommentatoren mutmaßten auch, dass das Entwickeln eines liberalen Islams in Europa eine Verschwörung des Westens gegen die Muslime sei.

In türkischen Medien bekam die Kritik noch einen anderen Zungenschlag. Ates wurde beschuldigt, der Bewegung des Predigers Fethullah Gülen anzugehören. Die türkische Regierung sieht diesen als Drahtzieher des Putschs vom Juli 2016 gegen Präsident Recep Tayyip Erdogan. Solche Beschuldigungen werden derzeit gegen viele Kritiker der Regierung erhoben, egal, ob sie plausibel sind oder nicht. Selbst bekannte Gülen-Kritiker wurden in der Türkei nach derartigen Anschuldigungen ins Gefängnis geworfen.

Besonders empört viele Muslime, dass Frauen und Männer gemeinsam beten und dass eine unverhüllte Frau das Gebet anführt. Der Ton der Kommentare sei zum Teil auch sehr aggressiv gewesen, so die Deutsche Welle. Es soll sogar Morddrohungen gegeben haben. Im Islam wird die Trennung von Männern und Frauen beim Gebet damit begründet, dass vor allem die Männer durch anwesende Frauen nicht abgelenkt werden sollen.

Mouhanad Khorchide, Professor am Zentrum für Islamische Theologie in Münster, nimmt dagegen das Moschee-Projekt in Schutz. "Eine offene Moschee für alle gehört (...) zum Bild des vielfältigen Islams und ist keineswegs eine Erneuerung, sondern eine Wiederbelebung von Teilen der islamischen Tradition, mit der nicht alle einverstanden sein müssen. Aber es wird auch keiner gezwungen in dieser Moschee oder jener zu beten", schreibt er auf seiner Facebook-Seite. Im weiteren legt er dar, dass es durchaus auch hochrangige Gelehrte wie Ibn Taymiyya gegeben habe, die nichts dagegen gehabt hätten, dass eine Frau vor Männern betet. Zudem hätten schon zu Zeiten des Propheten etwa "unfreie" Frauen in der Moschee ohne Kopftuch gebetet, schreibt er weiter. Die Gründer der liberalen Moschee in Berlin wollen sich von Drohungen denn auch nicht einschüchtern lassen. Auch in Freiburg soll eine solche gegründet werden.

So viel Debatten das Projekt von Ourghi und Ates jetzt auch verursacht, es ist nicht das erste dieser Art in Deutschland. Seyran Ates ist auch nicht die erste Imamin, wie häufig behauptet wird. Auf Initiative der Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor wurde 2010 der Liberal-Islamische Bund (LIB) gegründet. Inzwischen hat er deutschlandweit 350 Mitglieder und unterhält vier Moscheen in Köln, Berlin, Hamburg und Frankfurt. Zwischen 15 und 20 Gläubige kommen regelmäßig dorthin. Auch der LIB beschäftigt eine Imamin: Rabeya Müller, die zum Islam konvertiert ist. Zudem führt ein ausgebildeter Imam, der als Flüchtling hier lebt und schwul ist, das Gebet an. "Es gab gegen uns immer wieder massive Drohungen, viele auch sehr frauenverachtend", erzählt LIB-Vorstandsmitglied Annika Mehmeti. Dahinter stecken oft Salafisten. Es gibt aber auch Drohungen aus dem rechtsextremistischen Milieu, obwohl Kaddor und ihre Mitstreiter den radikalen Islam entschieden ablehnen. Aktuell steht Kaddor wegen rechtsradikaler Drohungen unter Polizeischutz.

Gerade weil liberale Muslime so angefeindet werden, könnten Solidarität zwischen LIB und der neuen Berliner Moschee helfen. Doch dem ist nicht so. "Wir haben uns gewundert, dass in unmittelbarer Nähe unserer Moschee in Berlin eine weitere liberale eröffnet wurde, ohne sich vorher mit uns abzusprechen", sagt Annika Mehmeti. Zwischen beiden Organisationen gibt es Differenzen, etwa über das Kopftuch. Während der LIB dafür plädiert, es im Ermessen der Frauen zu belassen, ob sie ein Kopftuch tragen wollen oder nicht, spricht sich Ates klar dagegen aus. Zudem wirft der LIB Ates und ihren Mitstreitern vor, mit allzu massiver Kritik am Islam und den Verbänden den islamfeindlichen Diskursen Schützenhilfe zu leisten. Dies waren Gründe, warum der LIB 2015 die Freiburger Erklärung von Ates, Ourghi und anderen nicht unterschreiben wollte. In dieser Erklärung fordern die Autoren eine Reform des Islams und formulieren das Ziel, den Koran und andere Quellen modern auszulegen.