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25. Mai 2013

"In vielen Familien wird geschwiegen"

BZ-INTERVIEW mit Anne Kupke von der Initiative Dritte Generation Ost über DDR-Kinder und das Verhältnis zu ihren Eltern.

  1. Anne Kupke, Initiative Dritte Generation Ost Foto: Privat

Die studierte Historikerin Anne Kupke, 31, wurde in der DDR geboren und engagiert sich heute bei der Initiative Dritte Generation Ost. Das 2011 gegründete Netzwerk versteht sich als Diskussionsforum für junge Ostdeutsche. Mit Kupke sprach Dietmar Ostermann.

BZ: Frau Kupke, welche Erinnerungen haben Sie an die DDR?
Kupke: Ich wurde 1982 in Halle an der Saale geboren und hatte das Glück, in einer sehr politischen Familie aufzuwachsen. Mein Vater war in einer Oppositionsgruppe der Umweltbewegung aktiv, die unter dem Dach der Kirche einen Schutzraum gefunden hatte. Meine Mutter arbeitete bei der Kirche. Wir haben als Kinder viel von den Aktivitäten unserer Eltern mitbekommen. Meine Erinnerung an die Schulzeit ist beschränkt, ich kam 1989 in die zweite Klasse. Ich war nicht bei den Pionieren und kann mich gut an Appelle auf dem Schulhof erinnern, wo ich dann in der letzten Reihe stand.
BZ: Die Oppositionserfahrung setzt Sie ab von vielen jungen Ostdeutschen.
Kupke: Natürlich ist das keine Mehrheitsbiografie, aber ich bin wie alle in der DDR zur Schule gegangen, es gibt Schnittmengen. Die Biografien innerhalb der Initiative Dritte Generation Ost sind ganz unterschiedlich.

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BZ: Hatten Sie Probleme, mit ihren Eltern über die DDR-Zeit zu sprechen?
Kupke: Nein, mein Vater war mit der friedlichen Revolution in die Kommunalpolitik eingestiegen, da war das manchmal schon fast zu oft ein Thema. Ich merke aber hier in der Initiative, dass es vielen anders geht. Ich arbeite an einem Buchprojekt, einem Ratgeber für das Elterngespräch, um über dieses Schweigen hinwegzuhelfen. Für das Projekt haben wir Geschichten, Erfahrungen und Tipps in unserem mehrere tausend Leute umfassenden Netzwerk gesammelt. Es ist schon interessant: In vielen Familien wird geschwiegen, in anderen nicht. Was überall gleich zu sein scheint, ist, dass es für die Kinder oft ein Problem ist, an die Eltern heranzutreten und zu fragen.
BZ: Wie kommt man ins Gespräch?
Kupke: Nicht durch Vorwürfe. Einer zum Beispiel hat sich nicht getraut, die Eltern zu fragen. Bei vielen Eltern gibt es ja eine gewisse Frustration über die Zeit Anfang der 90er Jahre, viele haben den Arbeitsplatz verloren. Wir haben unsere Eltern oft nicht so selbstsicher erlebt, wie andere Heranwachsende das tun. Der Sohn ist dann bei einem gemeinsamen Museumsbesuch ins Plaudern gekommen – und die Eltern haben sich geöffnet.
BZ: Wie groß ist bei jungen Ostdeutschen das Interesse an der DDR-Zeit?
Kupke: Im Internet gibt es die Seite DDR-Kinder, die haben bei Facebook 250 000 Fans. Die posten Bilder von Pittiplatsch oder DDR-Produkten, da scheint das Interesse groß. Aber es geht eher um die DDR als ein verlorenes Land, mit dem man Erinnerungen seiner Jugend verknüpft. Das ist bei unserer Initiative anders. Wir wollen uns mit der Vergangenheit auseinandersetzen. Wir sind ein Netzwerk junger Ostdeutscher, der Generation der zwischen 1975 und 1985 Geborenen, die in der DDR einen Teil ihres Lebens gelebt haben. Unsere Transformationserfahrung ähnelt der von Westdeutschen mit Migrationshintergrund.
BZ: Wie präsent ist die DDR noch im Alltag in Ostdeutschland?
Kupke: Das ist überall noch sichtbar. In meiner Heimatstadt Halle etwa gibt es noch ein Lenin- und ein Thälmann-Denkmal. Würde man das ändern wollen, würde das die Mehrheit nicht gern hören.

Autor: dost