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24. November 2010 00:08 Uhr

Gesundheitspolitik

Interview: Minister Rösler wirbt für die Pflegeberufe

Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler will den Pflegebedarf von altersverwirrten Menschen besser berücksichtigen und pflegende Angehörige stärken. Über die geplanten Änderungen sprachen wir mit den FDP-Politiker.

  1. Pflegeheime sind besser als ihr Ruf, meint Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler.. Foto: dpa

BZ: Herr Rösler, viele Bürger fürchten, im Alter pflegebedürftig zu werden. Wie erklärt sich diese Sorge, die viele mehr bedrückt als die Furcht vor Altersarmut?

Rösler: Wenn es auch sicher noch Verbesserungen in einem Teil der Pflegeeinrichtungen bedarf, begegnen uns doch oft überholte Vorstellungen über das Leben im Heim. Das liegt wohl daran, dass Heime früher wenig ansprechend waren. Das hat sich aber in vielen Einrichtungen längst geändert. Es gibt verschiedene Formen des Miteinanderwohnens und Miteinanderlebens, die würdevolle und liebevolle Pflege möglich machen.

BZ: Das ist offenbar wenig bekannt.

Rösler: Der Wandel zum Guten, der eingetreten ist, hat sich tatsächlich noch nicht herumgesprochen. Ich ermuntere deshalb jeden, sich selbst einmal in seiner Stadt ein Bild von den Einrichtungen zu machen. Viele haben zum Beispiel ein Café, das jeder besuchen kann, oder laden zu Veranstaltungen ein. Unsere Gesellschaft tut gut daran, die Hürden zu senken und sich mit dem Thema Pflege zu beschäftigen. Dafür setze ich mich ein. Das Bundesgesundheitsministerium hat beispielsweise eine sehr gute Ausstellung über die Pflege entwickelt, die verstärkt an Orten gezeigt werden soll, wo sie die Öffentlichkeit erreicht und anspricht. Das kann Ängste vor dem Alter und einer möglichen Pflegebedürftigkeit abbauen. Einen neuen, einen unverkrampften Blick auf die Pflege zu werfen, hilft auch, mehr junge Menschen für den Pflegeberuf zu gewinnen. Das ist ein Beruf mit Zukunft und großer Erfüllung.

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BZ: Was wollen Sie tun, um den Mangel an Pflegekräften zu beheben?

Rösler: Als Erstes ist es ganz wichtig, das Ansehen und die Wertschätzung für den Pflegeberuf zu erhöhen. Wichtig ist auch zu überlegen, wie wir gerade junge Männer gezielter ansprechen und ihnen den Weg in den Beruf ebnen können. Der wegfallende Zivildienst war ja für junge Männer eine gute Gelegenheit, den Beruf kennen- und auch schätzen zu lernen.

BZ: Die Attraktivität des Berufs hängt auch an der Bezahlung. Warum hat sich die FDP so schwer getan, einen Mindestlohn zu akzeptieren?

Rösler: Ich habe in meiner Partei für den Mindestlohn geworben, den es jetzt ja auch gibt. Die Mindestlöhne sind aber nur die Grenze nach unten. Schon heute fehlen Fachkräfte. Wer gute Mitarbeiter sucht, kommt nicht weit, wenn er nur den Mindestlohn zahlt.

BZ: Viele Pflegekräfte beklagen die große Bürokratie im Pflegealltag.

Rösler: Ja, weil es sie zweifellos gibt. Vor allem aber wird noch zu häufig geprüft, ob Pflegekräfte gut dokumentieren können, also formale Vorgaben einhalten. Besser wäre es, stattdessen die Ergebnisqualität der Pflege selbst zu prüfen. Ganz wichtig ist auch, dass Pflegekräfte sich über ihre oft traurigen Erlebnisse aussprechen können. Wer im Beruf Leid, Sterben und Tod erlebt, sollte die Möglichkeit haben, diese Erlebnisse zu verarbeiten, zum Beispiel in Form von Supervisionen.

BZ: Was schwebt Ihnen vor, um pflegende Angehörige zu unterstützen?

Rösler: Natürlich gibt es schon heute Angebote, um Angehörige wenigstens ein bisschen zu entlasten. In diese Richtung muss man weiterdenken. Wenn in den kommenden Jahren die Zahl der älteren, pflegebedürftigen Menschen wächst, heißt das auch, dass wir mehr tun müssen, damit Angehörige pflegen können, ohne selbst überfordert zu sein. Nicht jeder von uns hat Kinder. Aber jeder hat Eltern. Und wer sich um seine Eltern kümmert, die Pflege brauchen, hat es verdient, dass wir sein Tun mit großer Anerkennung und konkreter Unterstützung wertschätzen.

BZ: Welche Rolle spielen künftig Pflegekräfte aus Osteuropa?

Rösler: Ab Mai 2011 wird es volle Freizügigkeit in der EU geben. Wer aber glaubt, dass damit der Fachkräftemangel behoben werden kann, der irrt. Wir müssen schon selbst unsere Hausaufgaben machen.

BZ: Die Zahl der Pflegebedürftigen wird steigen. Darunter sind auch Demenzkranke. Die sind die Stiefkinder der Pflegeversicherung, weil die Pflegekasse auf ihre Lebenslage nicht abstellt.

Rösler: So ist es. Viele Demenzkranke können sich durchaus waschen oder selbst essen, womit sie als nicht bedürftig gelten. Tatsächlich sind sie aber sehr wohl hilfebedürftig, weil ja jemand darauf achten muss, dass sie wirklich etwas essen oder sich waschen. Wir müssen den Begriff von Pflegebedürftigkeit also ändern und darauf abstellen, wie selbständig jemand wirklich noch ist.

BZ: Wie wollen Sie das alles bezahlen?

Rösler: Ein Schritt nach dem anderen. Erst einmal ist es doch notwendig, gesellschaftlich intensiv zu diskutieren, was zu tun ist – wie wir den Mangel an Pflegekräften überwinden, den Demenzkranken helfen und die pflegenden Angehörigen stärken. Wenn das klar ist, dann erst kann der nächste Schritt erfolgen.

Autor: Bernhard Walker