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06. Mai 2014 00:00 Uhr

Rechtsextremismus

Unter den Neonazis gibt es immer mehr Frauen

Die rechtsextreme Szene gilt als männerdominiert und gewalttätig. Doch Experten warnen: Weibliche Neonazis werden aktiver – und radikaler.

  1. Ein Mitglied der humanistischen Union übermalt während einer Demonstration ein Bild von Beate Zschäpe. Diese ist die wohl bekannteste weibliche Rechtsextreme. Foto: dpa

Sie inszenieren sich als Heimchen am Herd und unwissende Mitläuferin - eben nur die "Freundin von". Es gibt noch nicht einmal ein griffiges Wort für weibliche Neonazis. Doch nach Experteneinschätzung nehmen sie in der Szene eine immer aktivere und radikalere Rolle ein. Vorbei sind die Zeiten, als Rechts-Sein Glatze und Springerstiefel bedeutete. Je attraktiver und ungefährlicher rechtsextreme Frauen aussehen, desto besser. Dahinter stecke Kalkül, sagen Experten - eine Strategie, die auch beim Prozess um den "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) und die mutmaßliche Neonazi-Terroristin Beate Zschäpe deutlich wird.

Längst spielen Frauen nach einer Analyse der Amadeu Antonio Stiftung eine Schlüsselrolle in der rechtsextremen Szene. Sie agieren verdeckt in der Nachbarschaft, in Kitas und Schulen, tragen ihre Ideologie in die Mitte der Gesellschaft. Nach Einschätzung der Genderwissenschaftlerin Renate Bitzan stammt bei Wahlen mittlerweile jede dritte Stimme für die Rechten von einer Frau. Jedes fünfte Mitglied rechtsextremer Parteien ist weiblich - und mindestens zehn Prozent der rechten Gewalttaten werden von Frauen verübt.

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Trotzdem, sagt Michaela Köttig, Gründerin des Forschungsnetzwerks "Frauen und Rechtsextremismus", würden Neonazi-Frauen noch immer nicht als Aktivistinnen wahrgenommen. "Man kann sich einen solchen politischen Hintergrund einfach nicht vorstellen." Selbst nach einem Jahr vor Gericht erwarteten viele von der mutmaßlichen Terroristin Beate Zschäpe noch immer, dass sie Reue zeige. "Aber wieso sollte sie das, wenn sie überzeugt von ihrer Ideologie ist?", fragt Köttig.

Zschäpe propagiert das Klischee eines netten Mädchens, das nur als Geliebte eines Neonazis in die Szene gerutscht ist. "Doch wer 13 Jahre im Untergrund lebt, tut das nicht, weil er mit zwei Jungs ins Bett gehen will. Das macht man aus politischer Überzeugung", sagt Sozialwissenschaftlerin Köttig.

Ihr Image als "Freundin von" nutzten Frauen aus der rechten Szene im NSU-Prozess bewusst aus, behauptet auch Nebenklage-Anwältin Antonia von der Behrens. Im Zeugenstand sagten sie durchweg, nicht gewusst zu haben, was ihr Freund tue. "Und dann noch ein Tränchen abdrücken" - so einer Frau traue doch niemand zu, eine radikalisierte Rechte zu sein. Gleichzeitig zeigten die Frauen eine "Pampigkeit, die nicht mit ihrer naiven Haltung zusammenpasst" - und Zschäpe habe sogar Kosenamen für eine Waffe gehabt.

Von der Behrens ist überzeugt: Hätten die Ermittler Neonazi-Frauen nicht unterschätzt, wären die NSU-Morde früher aufgedeckt worden. "Zschäpe waren Straftaten möglich, weil man sie ihr als Frau nicht zutraute", sagt auch Ulrich Overdieck, der den NSU-Prozess als Rechtsextremismus-Experte beobachtet.

Dabei nehmen Frauen in der rechten Szene längst alle möglichen Rollen ein. Es gebe Vordenkerinnen wie Mitläuferinnen, Gewalttätige wie sozial Engagierte, Fanatikerinnen, siebenfache Mütter oder promovierte Karrierefrauen, erläutert Esther Lehnert von der Amadeu Antonio Stiftung. Der Feminismus sei selbst in der konservativ geprägten rechten Szene angekommen - in Ansätzen.

"Das Geschlechterbild ist nicht so traditionell, wie es wahrgenommen wird", sagt Lehnert. "Aber es ist trotzdem da." In einem bestimmten Alter gestatte man Frauen, sich auszutoben. "Aber die Erwartung bleibt, dass sie sich später um den völkischen Nachwuchs kümmern."

Längst haben die rechten Kameraden aber erkannt, dass mit Frauen im Wahlkampf Stimmen zu holen sind. Sie ließen die Szene weniger gewalttätig erscheinen, sagt Köttig. Frauen machen das Image der Rechten sanft, spülen es weich, lassen sie - gefährlicherweise - besser wählbar erscheinen.

Autor: dpa