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20. August 2016

Ex-Guantanamo-Häftlig

Murat Kurnaz: "Steinmeier hat mir viele Jahre meines Lebens gestohlen"

Ein Jahrzehnt nach seiner Entlassung aus Guantanamo sieht der Bremer Türke Murat Kurnaz noch immer keinen Grund zum Feiern.

  1. Der Bremer Türke Murat Kurnaz Foto: Eckhard Stengel

Jeden Morgen, wenn Murat Kurnaz aufsteht, freut er sich über eine Kleinigkeit, die er jahrelang vermissen musste: Socken anziehen. "Mann, ist das schön!", denkt er sich dann. Viereinhalb Jahre lang durfte der Bremer Türke keine Strümpfe tragen, damals, im berüchtigten US-Gefangenenlager Guantanamo Bay am Rande Kubas. Er saß dort als Häftling ohne Anklage, als Terrorverdächtiger ohne jeden Schuldbeweis, weil er 2001 kurz nach den Anschlägen vom 11. September nach Pakistan gereist war und im Verdacht stand, im benachbarten Afghanistan kämpfen zu wollen. Erst am 24. August 2006 wurde er entlassen.

Zehn Jahre in Freiheit: ein Grund zum Feiern? Nein, sagt der 34-Jährige. "Ich bin froh, dass ich raus bin. Und mir geht es gut. Aber Guantanamo existiert immer noch." Weltweit gebe es noch Geheimgefängnisse, auch amerikanische, ist er überzeugt. Solange die noch existierten, solange dort gefoltert werde, "gibt es für mich keinen Grund zu feiern". Aber sich des Lebens erfreuen, das gelingt ihm. Kurnaz träumt nicht von seiner Haft, hat keine Psychotherapie gebraucht, steht mit beiden Beinen im Leben, hat Frau und zwei Kinder. Beim Gespräch in einem türkischen Restaurant wirkt er ernst und emotionslos. Doch sein Anwalt und Freund Bernhard Docke weiß: "Er kann auch ausgelassen und witzig sein."

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Viele kennen Kurnaz noch als angeblichen "Bremer Taliban" mit wilder Mähne und Zottelbart. Inzwischen trägt er Kurzhaar und Fünf-Tage-Bart. Die Ketten Guantanamos hat er gegen Schmuckketten an Hals und Arm getauscht. Ein Kraftprotz ist er, mit Armen so dick wie manche Akademikerbeine und mit den Muskeln eines durchtrainierten Kampfsportlers. Denn neben Motorrädern und röhrenden Autos liebt er Judo und Karate. Sein Hobby konnte er zum Beruf machen: Er trainiert Flüchtlinge in Heimen und in Schul-AGs, befristet angestellt bei einem Jugendfreizeitverein. Wie praktisch, dass er sechs Sprachen spricht, sogar Farsi und Usbekisch. "Wenn ich mich nicht irre, ist das die fünfte Stelle in zehn Jahren", erzählt er zwischen Suppe und türkischer Pizza.

Ein dauerhafter Job? Nichts zu machen. Nach seiner Einschätzung liegt das an Vorbehalten gegen ihn, obwohl doch alle Terrorermittlungen längst eingestellt sind. "Das verdanke ich Herrn Steinmeier, der es geschafft hat, mich als gefährlich hinzustellen." Sozialdemokrat Frank-Walter Steinmeier, heute Außenminister, war Chef des Bundeskanzleramts, als die USA 2002 signalisierten, dass sie Kurnaz nach wenigen Monaten Lagerhaft als unschuldig entlassen könnten. Doch die rot-grüne Bundesregierung wollte ihn nicht haben – wer weiß, ob der strenggläubige Moslem nicht doch Böses im Schilde führte, dachten Steinmeier & Co wohl.

So schmorte der Mann jahrelang im rechtsstaatsfreien Raum, bis er 2006 auf Betreiben der neuen Kanzlerin Angela Merkel freikam. Ihr ist er dankbar. Mit Steinmeier hingegen hadert er: "Er hat mir viele Jahre meines Lebens gestohlen." Keine Entschädigung, keine Entschuldigung – nichts kam aus Berlin. Aus Washington auch nicht. Eigentlich sollte man meinen, dass Kurnaz nach den Torturen Hass auf die USA empfindet. Nein, wehrt er ab, "dann wäre ich ja wie die Menschen, die mich gefoltert haben". Der ewige Rachekreislauf, in dem auch die islamistischen Terroristen steckten, muss unterbrochen werden. Was kann man denn tun, um anfällige Jugendliche vorm Abgleiten in den Terrorismus zu schützen? "Arbeitsstellen und gute Ausbildungsmöglichkeiten schaffen", fällt dem Gastarbeitersohn ein. "Und dass sie mit den richtigen Leuten reden können. Man muss wissen, wie sie ticken."

Ein weiteres Stichwort: Diskriminierung. "Viele leben in der dritten Generation in Deutschland und haben immer noch das Gefühl, dass sie hier nicht willkommen sind. Dann suchen sie nach Gemeinschaften, wo sie akzeptiert werden." Und das seien dann oft radikale Islamisten. Burkas verbieten, die doppelte Staatsbürgerschaft abschaffen: "Das würde die Radikalisierung vielleicht noch mehr anfeuern", warnt Kurnaz. "Deutschland hat mit seinen Nicht-Verboten bisher ganz gut gelebt. Das muss man wertschätzen, das sollte so bleiben." Da spricht er wie ein deutscher Verfassungspatriot. Dabei ist er noch immer türkischer Staatsbürger, obwohl in Bremen geboren. "Ein Pass ist nur ein Stück Papier, das unwichtig ist", findet er. Erstaunlich unklar bleibt seine Haltung zum türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan: "Ich kann dazu nichts sagen. Ich interessiere mich nicht für Politik."

Seit den Jahren im Käfig weiß Kurnaz nicht nur seine Socken, sondern auch die größeren Dinge im Leben zu schätzen: Respekt, Liebe, Gerechtigkeit. Für die Menschenrechte ist er um die halbe Welt gereist, bis nach Japan, wo er auf Veranstaltungen von Amnesty International auftrat. Er zählt nicht mehr mit, wie oft er als Menschenrechtsbotschafter im Einsatz war – mal hier ein Schulbesuch, mal dort eine Uni-Diskussion und immer wieder Auftritte in Kinos, wenn dort Filme gezeigt werden, die seinen Leidensweg zeigen. Einmal durfte er bei einem Konzert der Rocksängerin Patti Smith mit auf die Bühne; sie hat ihm einen Song gewidmet: "Without Chains" (Ohne Ketten). Sein Buch "Fünf Jahre meines Lebens – Ein Bericht aus Guantanamo" verkauft sich dagegen nicht so gut. "Das ist kein Topseller geworden", sagt er.

In letzter Zeit tritt er nur noch selten als Anti-Folter-Aktivist auf – sein Vollzeitjob und die Familie lassen ihm zu wenig Zeit. Aber seinem Glauben, der ihm half, die Jahre im Lager zu überstehen, bleibt er treu. Er sieht sich als Beweis dafür, "dass man ein guter Muslim sein kann, ohne Gewalt anzuwenden". Es ist kaum zu glauben, aber Kurnaz hat auch gute Erinnerungen an Guantanamo: "Man wurde ja nicht 24 Stunden nur gefoltert. Es gab auch schöne Gespräche mit anderen Häftlingen. Und einmalig waren die Sonnenaufgänge und -untergänge."

Autor: Eckhard Stengel