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10. Januar 2017 00:01 Uhr

Personalstrategie

Nachwuchssorgen: Neue Zielgruppen für die Bundeswehr

Während die Aufgaben der Bundeswehr immer größer werden, klagt die Truppe über massiven Personalmangel. Mit einem ehrgeizigen Plan will Verteidigungsministerin von der Leyen die Probleme nun angehen.

  1. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen will die Bundeswehr zu einem attraktiven Arbeitgeber machen. Foto: dpa

Nachdem die Bundeswehr wegen der entspannten Sicherheitslage nach dem Ende des Kalten Krieges in den vergangenen Jahrzehnten von Sparprogramm zu Sparprogramm immer kleiner wurde – der Tiefstand war im Sommer 2016 mit 166 000 Soldaten erreicht – muss die Truppe nun angesichts der Herausforderungen durch Putins aggressive Außenpolitik und wegen der Bedrohungen durch den internationalen Terrorismus wieder wachsen. Doch es fehlt an geeignetem Nachwuchs. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hat bei der Ankündigung ihrer neuen Personalstrategie vor kurzem "eine erste Trendumkehr" verkündet. Aber eigentlich hat sie kaum mehr als stabile Bewerberzahlen vorzuweisen: Aus 44 349 Bewerbungen für den militärischen Bereich in den ersten neuneinhalb Monaten 2015 wurden 2016 im gleichen Zeitraum 44 561 Interessenten für den Dienst an der Waffe.

Dabei zeichnet sich möglicherweise eine weitere Belastung für die Bundeswehr ab. Äußerungen des zukünftigen US-Präsidenten Donald Trump lassen drauf schließen, dass dieser seine Soldaten künftig weit weniger für den Schutz europäischer Sicherheitsinteressen einsetzen will, als dies unter seinen Vorgängern der Fall war. Das Risiko, dass bei der Bundeswehr die Schere zwischen Personalbedarf und realer Truppenstärke noch weiter aufgeht, ist damit noch größer geworden.

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Offizielle Papiere beschreiben die Bundeswehr als attraktiven und wettbewerbsfähigen Arbeitgeber, dessen Ziel es sei, "die klügsten Köpfe und die geschicktesten Hände" für den Dienst bei der Truppe zu gewinnen. Dagegen offenbart das vertrauliche "Strategieprogramm 2025", das dieser Zeitung vorliegt, dass die Verteidigungsministerin dabei offenbar auch auf einige fast verzweifelt wirkende Maßnahmen zurückgreifen muss. "Es ist zu erwarten, dass bisherige Ansätze zur Personalgewinnung und- bindung künftig nicht ausreichend sein werden, um diese Herausforderungen sowohl für den militärischen als auch für den zivilen Personalkörper erfolgreich bewältigen zu können", heißt es in dem Papier. Im Klartext: So wie bisher geht’s nicht weiter.

Deshalb setzt von der Leyen darauf, der Truppe neue Zielgruppen zu erschließen. Seit Beginn ihrer Amtszeit wirbt die Ministerin beispielsweise konsequent um Frauen als neues Personalreservoir. Bereits bekannt wurde, dass künftig auch EU-Ausländer in Deutschland Soldat werden können sollen. Jedenfalls will von der Leyen dies prüfen lassen. Darüber hinaus soll die Altersgrenze von dreißig Jahren für Interessenten an einer militärischen Laufbahn fallen. Auch beim Qualifikationsniveau will von der Leyen Abstriche machen und den Soldatenberuf für Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss öffnen.

Die Inklusion von Behinderten steht auch auf der Agenda

Offenbar betrachtet die Ministerin auch Behinderte und Schwerbehinderte als personelle Reserve für die Bundeswehr. Unter dem Stichwort Entwicklungsmöglichkeiten/Karriereperspektiven wird jedenfalls eine "bessere Potenzialausschöpfung von behinderten und schwerbehinderten Menschen" angestrebt. Dabei soll "die chancengerechte Teilhabe an Karriere und Funktionen für jede und jeden Bundeswehrangehörigen unabhängig von Geschlecht, ethnischer Herkunft, Religion, Weltanschauung, Behinderung, Alter oder sexueller Identität und Orientierung" sichergestellt sein. Die Inklusion von Behinderten in den Streitkräften setzt die Ministerin dezidiert auf die Agenda.

Aktive Soldaten müssen sich außerdem darauf einstellen, länger dienen zu müssen. Weil der Nachwuchs attraktive Berufsperspektiven auch in der florierenden Wirtschaft findet, will von der Leyen von den in der Vergangenheit üblichen kurzen Verpflichtungszeiten mit hohem Regenerationsbedarf bei der Truppe wegkommen. Stattdessen sollen sich die Soldaten darauf einstellen, dass die Dienstzeiten generell länger werden. Die Personalplaner sollen die Laufbahnen so gestalten, dass Berufssoldaten bis zur allgemeinen Altersgrenze von 62 Jahren (bei Generalen sind es laut Soldatengesetz 65 Jahre) sinnvoll eingesetzt werden können. Dass Soldaten "mit Rollator in den Kampf oder im Rollstuhl zum Wachbataillon" geschickt werden, wie ein Scherzkeks hinter vorgehaltener Hand spottet, ist wohl nicht zu erwarten. "Bis 2023 sollen die Soldaten schrittweise zur Allgemeinen Altersgrenze geführt werden." Das sind für die meisten Betroffenen 62 Jahre. Bisher gelten häufig je nach Dienstgrad abgestufte besondere Altersgrenzen zwischen 61 und 41 Jahren. Mit Anfang vierzig wurden bisher allerdings lediglich Kampfpiloten ausgemustert.

Autor: Bärbel Kraus