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13. November 2010 00:08 Uhr
Nürnberger Prozesse
Nürnberg: Gerichtssaal der Geschichte wird zum Museum
In den Nürnberger Prozessen rechnete die Welt vor 65 Jahren mit den deutschen Kriegsverbrechern ab. Nun bekommt der erste Völkerrechtsprozess eine Gedenkstätte.
Die Geschichte des Gerichtssaals 600 ist auch die Geschichte einer kleinen Schreinerei in Nürnberg. Im September 1945 bekam der 39 Jahre alte Handwerksmeister Wilhelm Herbert einen lukrativen Auftrag der amerikanischen Militärverwaltung im Justizgebäude in der Fürther Straße. Dort sollte den Hauptkriegsverbrechern des Dritten Reiches der Prozess gemacht werden. Göring, Ribbentropp und 21 andere NS-Größen mussten sich vor einem alliierten Militärtribunal in Nürnberg verantworten. Der Grund für die Ortswahl: In der Frankenstadt hatten das Gefängnis und das benachbarte Justizgebäude unzerstört den Krieg überstanden und zugleich wichtige Stellen der Alliierten ihren Sitz.
Wilhelm Herbert war für den Umbau des Gerichtssaales zuständig. In nur wenigen Wochen zimmerte er mit seinen Leuten die Anklagebänke und Richtertische, sorgte dafür, dass die Rückwand herausgebrochen wurde und zwei Tribünen für die Presse und Prozessbeobachter installiert wurden.
Dass der Prozess am 20. Oktober 1945 pünktlich eröffnet werden konnte, war auch dem Schreiner Herbert zu verdanken: In der Nazizeit war er nach Amerika geflohen und mit perfekten Englischkenntnissen zurückgekehrt. Mister William C. Herbert wurde zum gefragtesten Mann auf einer Großbaustelle der Geschichte.
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15 Jahre später sägte Wilhelm Herbert wieder am Gerichtssaal 600. Diesmal waren es nicht die Amerikaner, die ihn gerufen hatten. Anfang 1960 hatte die alliierte Militärverwaltung den Raum an die bayerische Justiz zurückgegeben. Und die war nun peinlich darauf bedacht, die Spuren der Nürnberger Prozesse zu beseitigen.
lange unerwünscht.
"Zerstörung eines welthistorischen Objekts", nennt der Nürnberger Historiker Alexander Schmidt den Rückbau des Gerichtssaals 600. Die Filmaufnahmen der Hauptkriegsverbrecherprozesse hatten den Raum weltberühmt gemacht, die Bilder der Angeklagten mit den Sonnenbrillen und der Richter vor der verdunkelten Fensterwand sind bis heute auf den Fernsehschirmen präsent. Als am 13. Juni 1960 der erste deutsche Strafprozess im Saal 600 stattfand, sah es dort noch genauso aus wie am Ende der Kriegsverbrecherprozesse 1949. Ein Bild aus den "Nürnberger Nachrichten" macht deutlich, wie wenig die Amerikaner in der Folge verändert hatten. Es ist das letzte fotografische Zeugnis der fahrlässig entsorgten Einrichtung.
"Platzbedarf", so lautete die offizielle Begründung der bayerischen Justiz für die radikale Umgestaltung des historischen Raumes. Doch es ging auch darum, die Erinnerungen an die Zeit des Nationalsozialismus und die Justiz der Alliierten auszulöschen. "Der Schwurgerichtssaal soll wieder eine würdige Gerichtsstätte werden und kein Sensationsanziehungspunkt für Ausländer sein", verleiht ein lokaler Berichterstatter im Frühjahr 1961 dem Zeitgeist Ausdruck.
Seit dem Ende der Nürnberger Prozesse waren amerikanische Touristen in Scharen zum Gerichtsgebäude gepilgert. Schreinermeister von Gemünden hat erlebt, wie sie 1960 mitten in der Baustelle standen und Fragen stellten. Die Handwerker antworteten nicht, das bayerische Landbauamt hatte ihnen einen Maulkorb verpasst.
Das Schweigegebot galt bis in die späten 60er Jahre. Klaus Kastner, heute 74 und von 1968 bis 1973 persönlicher Referent des Landgerichtspräsidenten, kann sich noch gut erinnern, wie sein Vorgesetzter die Bitte einer japanischen Professorengruppe nach einer Führung durch den Saal der Nürnberger Prozesse brüsk zurückwies. "Man soll das Thema endlich ruhen lassen", bemerkte er knapp. Kastner führte die Delegation schließlich selbst durch den Raum und sorgte in den folgenden Jahren dafür, dass die starre Verweigerungshaltung allmählich aufbrach.
Da sah der Saal 600 schon wieder aus wie in den goldenen Zeiten des Kaiserreiches. Mit größtmöglicher Akribie hatte die Firma Herbert die fehlenden Wandvertäfelungen nachmodelliert, die Deckenlampen durch Kronleuchter ersetzt und die Richterbank an die Stirnseite des Raumes zurückverlegt. Nur das mannshohe Kruzifix über dem Richtertisch war neu; fast schien es wie ein Zeichen dafür, dass man mit Gottes Hilfe die Nazizeit überwunden hatte.
Es war unmöglich in Nürnberg, das Erbe Hitlers ganz los zu werden. Vor den Toren der Altstadt verrotteten die monumentalen Reste des Reichsparteitagsgeländes, und als man sich 1985 endlich dazu entschloss, dort eine erste Ausstellung zu eröffnen, nahm auch das Interesse an den Nürnberger Prozessen wieder zu. Ständig klopften neue Besuchergruppen an die Tür, mal waren es Juristen, mal Menschenrechtler; sie kamen aus Israel, Kanada, Osteuropa.
Längst hatte Klaus Kastner, inzwischen Präsident des Landgerichts, einen kleinen Stab von Richterkollegen und höheren Beamten zusammengestellt, der die Gäste führen konnte. Sie taten ihr Möglichstes und stießen doch an ihre Grenzen, wenn internationale Gruppen historischen Sachverstand verlangten. Mehr als einmal musste sich Kastner bitterböse Kritik und hämische Kommentare in den Nürnberger Nachrichten gefallen lassen. Tenor: "Die Justiz erweist Nürnberg in seinen Bemühungen um die Vergangenheitsbewältigung einen schlechten Dienst."
Deutlich zu erkennen, waren diese Versuche der Vergangenheitsbewältigung in den neunziger Jahren. Bund, Stadt und Land beschlossen die Eröffnung des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände, ein internationaler Menschenrechtspreis wurde am 60. Jahrestag der Nürnberger Rassengesetze erstmals verliehen. Im Flur des Justizgebäudes war eine kleine Fotoausstellung angebracht und ein Faltblatt ausgelegt worden.
Seit der Eröffnung des Main-Donau-Kanals hatte der Besucherdruck noch einmal kräftig zugenommen. Nürnberg war jetzt ein Hafen für Flusskreuzfahrer und die meisten Kreuzfahrer kamen aus den USA. Ihr wichtigstes Ziel: Der Gerichtssaal 600. Keine "World War II Memorial Tour" ohne den Ort, an dem Amerika der Welt gezeigt hatte, was internationales Völkerrecht ist.
Im Frühjahr 2000 wurde der Gerichtssaal an Wochenenden endlich für reguläre Führungen freigegeben. Professionelle Guides der städtischen Museen übernahmen die Regie und schleusten 20 000 Menschen im Jahr durch den Saal. Zusammen mit den Führungen der Justiz waren es nun mehr als 50 000 Menschen, die jährlich den historischen Ort der Prozesse besuchten. "Es hätten auch doppelt so viele sein können," sagt die Historikerin Henrike Zentgraf, die beim Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände inzwischen ausschließlich für den Bereich der Nürnberger Prozesse zuständig ist.
Sie sehnt den 21. November genauso herbei wie die meisten ihrer Kollegen. Dann wird fast auf den Tag genau 65 Jahre nach Beginn des Hauptkriegsverbrecherprozesses endlich ein Museum im Justizgebäude eröffnet. Es trägt den Titel Memorium und beleuchtet den Verlauf der Prozesse ebenso wie ihre Bedeutung für das spätere Völkerrecht: Erstmals war in Nürnberg eine höhere Moral, ein allgemeines Menschenrecht über eine nationale Gesetzgebung gestellt worden. Für die Eröffnung der Gedenkstätte haben sich deshalb sowohl der russische als auch der deutsche Außenminister Guido Westerwelle angekündigt. Zum Erstaunen vieler wird der Saal 600 weiter Gerichtssaal bleiben. Die Museumsräume befinden sich ein Halbgeschoss darüber, etwa da, wo sich einst die Pressetribüne der Nürnberger Prozesse befand. Der Saal ist von oben einzusehen und an verhandlungsfreien Tagen jederzeit zugänglich. Man könne, so eine Justizsprecherin, auf ihn nicht ganz verzichten, weil er noch immer der größte Gerichtssaal im Hause sei.
Sein Wiedererkennungswert ist trotz der komplett ausgetauschten Inneneinrichtung erstaunlich hoch. Von der sind doch einige wenige Dinge erhalten geblieben. Irgendwo im Keller war ein Teil der Anklagebank aufgetaucht, die versehentlich nicht auf den Sperrmüll geworfen wurde. Sie stammt natürlich auch aus der Schreinerei Herbert. Wilhelm Herbert ist 1987 gestorben. "Zu seinen Lebzeiten," sagt sein Sohn Matthias, "hat von ihm keiner etwas über die Nürnberger Prozesse wissen wollen."
http://www.memorium-nuernberg.de
Autor: Andreas Steidel


