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03. August 2009

Schnipsel für Schnipsel

Fünf Monate nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs ruht die Bergung, doch die Rettung der Archivalien steht erst am Anfang

  1. Die Unglücksstelle heute, fünf Monate nach dem Einsturz. Foto: Daniel Etter

  2. Im Rennen gegen Schimmel und Verfall: ein Helfer reinigt Akten aus dem eingestürzten Stadtarchiv Foto: Etter

  3. Wettlauf gegen Schimmel und Verfall: Ein Helfer reinigt Akten aus dem eingestürzten Stadtarchiv. Foto: Etter

  4. Die Unglücksstelle fünf Monate nach dem Einsturz. Foto: Daniel Etter

Am Tag, als das Kölner Stadtarchiv in der Erde verschwand, hat Andrea Wendenburg dort gearbeitet. Wie viele ihrer Kollegen entkam sie nur in allerletzter Sekunde. Wenn sie sich daran erinnert, kommt ihr dieses Bild in den Kopf, wie das Gebäude langsam in sich zusammenfällt. Nur das Bild. "Keine Geräusche, keine andere Erinnerung", sagt sie.

Als das Archiv noch stand, war Wendenburg für alles Großformatige zuständig – Baupläne, Stadtansichten. "Wunderbare Sachen", schwärmt sie. Man sieht ihr an, dass die vergangenen Wochen anstrengend waren, dass das Bild noch nachwirkt. Seit dem Einsturz hat sie durchgearbeitet, versucht zu erhalten, was irgendwie zu erhalten ist. Zeit, ihre Gefühle aufzuarbeiten, blieb da nicht. "Es hilft zu sehen, dass die Sachen da rauskommen", sagt sie. Schnipsel für Schnipsel geht es vorwärts.

Die meisten Trümmer sind inzwischen weggeschafft. Nur eine einsame Wand steht noch. Bagger reißen sie gerade ein. Daneben klafft ein riesiges, trichterförmiges Loch. Aus dessen schlammigen Grund haben sie bis vor wenigen Tagen Dokumente geschaufelt. Bis zu zehn Meter unter der Oberfläche werden noch immer Archivalien vermutet. Doch momentan ist es zu gefährlich, weiter zu baggern. Sand und Kies drohen nachzurutschen.

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Was der Auslöser der Katastrophe war, wird auch dem Laien sofort bewusst, wenn er sich die Unglücksstelle anschaut. Direkt daneben, nur getrennt von einer etwa einen halben Meter breiten und zehn Meter hohen Betonwand, öffnet sich die Baustelle der neuen Kölner U-Bahn-Verbindung. 28 Meter geht sie unter die Erde. Aus den Tiefen hört man Wasser plätschern. Die Röhren wurden teilweise nur einen Meter unter den Kellern durch die Innenstadt getrieben.

Am 3. März rutschte der Boden unter dem Stadtarchiv in die Baugrube – bis das Stadtarchiv selbst in der Erde verschwand und zwei junge Menschen mit sich nahm. An sie erinnern handgeschriebene Plakate an einer Hauswand nahe der Unglücksstelle. Langsam bleichen sie aus. Vermutlich noch auf Monate sucht die Staatsanwaltschaft in einem undurchsichtigen Netz von Kompetenzen zwischen Stadtverwaltung, Kölner Verkehrsbetrieben und den Baufirmen nach Schuld und Schuldigen.

Die Restauratoren, Archivare und freiwilligen Helfer haben andere Sorgen. Auf dem Hof des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums, das direkt neben der Grube liegt, sortieren sie Papierschnipsel aus Kisten mit Geröll, waschen den gröbsten Dreck aus Aktenordnern, verpacken Papierstapel, um sie zur nächsten Station in der Rettungskette zu schicken. Es ist ein Wettlauf gegen Schimmel und Verfall.

Karoline Meyntz koordiniert die Arbeiten auf dem Schulhof, wacht über 50 Freiwillige. Sie war nicht im Stadtarchiv, als ihr Arbeitsplatz in der Erde verschwand, sondern auf Dienstreise. Während der Mittagspause hatte sie ihr Handy aus. Als sie es gegen 14 Uhr wieder anschaltete, zeigte es 40 unbeantwortete Anrufe. Zehn Minuten und viele Telefonate später wusste sie, dass alle ihre Kollegen überlebt hatten. Noch am Abend ist sie zur Unglücksstelle gefahren. Wirklich verstanden, was passiert ist, hat sie damals nicht. Erst nach einigen Tagen wurde ihr das Ausmaß bewusst. "Wenn man bedenkt, wie viel Jahrzehnte, Jahrhunderte an Arbeit darin stecken. Das ist furchtbar."

Beim Blick in den Krater verwundert es, dass fast 90 Prozent der Archivalien an die Oberfläche geschafft worden sind. Vieles war nur in Fetzen, in einer breiigen Masse aus Papier und Schutt, zu bergen. Bis jetzt hat die Bergung schon mehr als sechs Millionen Euro gekostet. Doch das war erst der Anfang. Vermutlich werden Archivare und Restauratoren noch Jahrzehnte, vielleicht sogar über Generationen mit den Folgen des Einsturzes beschäftigt sein. Es gibt Berechnungen, nach denen 30 Menschen bis zu 800 Jahre brauchen würden, um die Schnipsel zusammenzupuzzeln.

Ob Meyntz manchmal denkt, dass ihre Arbeit aussichtslos sei, dass die Fetzen nie wieder zusammengesetzt werden können? Ohne zu zögern sagt sie "Nö" und lacht. Es ist eine Antwort, die sie selbst wohl für zu optimistisch hält. Sie fügt relativierend hinzu: "Das ist viel und das ist schwer, aber wir stemmen das schon."

Die Hoffnungen der Archivare und Restauratoren ruhen auf einem Computerprogramm, an dem das Fraunhofer-Institut in Berlin momentan arbeitet. Es soll helfen, die Schnipsel zu sortieren. Ein ähnliches Programm wurde schon erfolgreich bei der Wiederherstellung von geschredderten Stasi-Akten eingesetzt. Außerdem sind viele Archivalien auch nach fast fünf Monaten im Schlamm unter den Trümmern noch einigermaßen intakt. Wahrscheinlich liegt es daran, dass sie von der Luft abgeschlossen waren. Wenn Meyntz gerade nichts anderes zu tun hat, spült sie mit den Freiwilligen den gröbsten Dreck von Akten, Büchern oder Bauplänen. Sie steht dann gebückt über den sensiblen Archivalien. Immer konzentriert, dass sie das durchweichte Papier nicht zerreißt. Schon nach einer Stunde fange der Rücken an zu schmerzen, sagt sie. Deshalb seien die Schichten nur sieben Stunden lang.

Die Puzzlearbeiten

könnten 800 Jahre dauern.

An einem anderen Tisch auf dem Schulhof schlagen Helfer die gereinigten Archivalien in Folie. Dann werden sie in ein Kühlhaus transportiert, wo sie gefriergetrocknet werden. Das ist der einzige Weg sie zu trocknen, ohne dass sie verkleben.
Im sogenannten Erstversorgungszentrum beaufsichtigt Archivarin Wendenburg die Arbeiten. Einen Freiwilligen, der keine Atemschutzmaske trägt und verbotenerweise seine Trinkflasche am Arbeitsplatz stehen hatte, weist sie freundlich, aber bestimmt zu Recht. Gesundheitsschutzauflagen, seien das – Staub und Schimmel liegen in der schwülen Luft. Der Ort soll geheim bleiben. Die Versicherung will es so. An der Türe wachen Sicherheitsleute; die Helfer müssen eine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben. In den provisorisch eingerichteten Räumen des Erstversorgungszentrums ist es an diesem Tag ruhig. Die meisten Freiwilligen arbeiten direkt an der Unglücksstelle. Unter ihnen sind Kölner Bürger, die etwas für ihre Stadt tun wollen, Mitarbeiter von Archiven und Bibliotheken aus der ganzen Welt, die von ihren Arbeitgebern nach Köln versetzt wurden – nicht nur aus altruistischen Motiven, sondern auch weil es kostenlose Weiterbildung sei, erzählt eine Bibliothekarin aus Schweden.

Gelagert werden die Archivalien nicht im Erstversorgungszentrum, sondern in Archiven in ganz Deutschland. Asylarchive, nennt Andrea Wendenburg sie. Momentan bietet das Landesarchiv Schleswig-Holstein Asyl. In weißen Pappkartons werden Papierfetzen, Disketten, Fotos, alles, was gerettet werden konnte, verschickt. Sortiert wird nicht danach, was zusammengehört, sondern was zusammengefunden wurde. Für Puzzlearbeit ist jetzt noch keine Zeit.

Am 10. August entscheidet die Stadt, ob die Bergungsarbeiten an der Unglücksstelle fortgesetzt werden oder ob die restlichen Dokumente für immer unter der Erde bleiben. Wendenburg hofft, dass die Stadt möglichst schnell ein neues Archiv baut. Bis zu den Oberbürgermeister-Wahlen am 30. August wird allerdings nichts entschieden werden, vermutet sie.

Wenn wieder ein neues Archiv steht, kann es jeder ungehindert nutzen. "Wir heben auf, um zu zeigen, nicht um zu verschließen", meint sie. Dann kann man sich vielleicht auch wieder die Abiturzeugnisse von Konrad Adenauer oder Heinrich Böll anschauen. Letzterer sei kein besonders guter Schüler gewesen, sagt Wendenburg. Sie weiß das aus eigener Anschauung.

Eine Fotogalerie gibt es auf      www.badische-zeitung.de

Autor: Daniel Etter