Deutschland

Studie soll zeigen, wie man Ungleichheit bekämpft

Nadine Zeller

Von Nadine Zeller

Mo, 02. Mai 2016

Deutschland

Lernen Kinder ihren Mitmenschen zu vertrauen, steigern sie ihre Chancen im Leben / Studie soll zeigen, wie man Ungleichheit bekämpft.

Obwohl es Deutschland wirtschaftlich gut geht, wird die Kluft zwischen Arm und Reich nicht kleiner. Um die Ungleichheit zu verkleinern, kann die Regierung an verschiedenen Stellschrauben drehen: Steuerpolitik, Sozialversicherungsbeiträge, Eigentumsrecht, Qualifizierung der Arbeitnehmer. Welches das Mittel der Wahl ist, darüber streiten sich Wirtschaftswissenschaftler.

Doch wo liegen die verborgenen Faktoren der Ungleichheit? Die Bonner Ökonomen Armin Falk und Fabian Kosse sind in einem Großversuch mit 700 Familien dieser Frage nachgegangen. Ihre Annahme: Nicht nur Bildung entscheidet über den beruflichen Erfolg, sondern auch soziale Fähigkeiten spielen eine Rolle.

Die ungewöhnliche Studie für das Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) zeigt: Fördert man benachteiligte Kinder frühzeitig, verbessern sich ihre sozialen Fähigkeiten schon innerhalb eines Jahres. Und damit verbessern sie ihre Chancen im Leben. Wer seinen Arbeitskollegen vertraut, mit ihnen zusammenarbeitet und seine Interessen diplomatisch durchsetzt, ist im Berufsleben besser dran. Kinder aus Familien mit geringem Einkommen und niedrigem Bildungsstand bringen diese Persönlichkeitsmerkmale im Schnitt seltener und weniger stark ausgeprägt mit. Sie verhalten sich im Schnitt weniger empathisch, sind schneller frustriert und haben größere Schwierigkeiten zu vertrauen, als Kinder aus Familien mit hohem sozioökonomischen Status.

Deswegen teilten die Forscher des Instituts für Mikroökonomik in Bonn die sozial-benachteiligten Familien in zwei Gruppen auf. Die eine Hälfte bekam ein Jahr lang Mentoren zur Seite gestellt, die andere nicht. Als sozial-benachteiligt galten Familien, auf die eine der folgenden drei Aussagen zutraf: ein Familienbruttoeinkommen unter 1200 Euro, Elternteil alleinerziehend, Eltern ohne einen Schulabschluss, der ein Studium ermöglicht. In die Familien der Mentorengruppe schickten die Wissenschaftler über ein Jahr lang einmal die Woche einen Studenten, der Zeit mit den acht- und neunjährigen Kindern verbrachte. Die Gruppe ohne Mentoren diente als Kontrollgruppe. Zudem bildeten die Forscher eine dritte Gruppe. Diese bestand aus Kindern, die aus Familien mit hohem sozioökonomischen Status kamen.

Die Studenten gingen mit den Kindern in den Zoo, spielten Tischtennis, kochten und bastelten gemeinsam – je nachdem, welche Interessen das Kind hatte. Einzige Bedingung: Es sollte sich dabei nicht um passives Konsumverhalten wie Fernsehschauen oder Playstation spielen handeln. Die menschliche Interaktion stand im Vordergrund. Die Mentoren schrieben Tagebuch und notierten ihre Beobachtungen. Diese Mitschriften ließen sie in regelmäßigen Abständen von Projektkoordinatoren lesen, allesamt Personen mit einem psychologischen oder sozialpädagogischen Hintergrund.

Kinder können soziale Fähigkeiten erlernen

Nach einem Jahr riefen die Forscher die Kinder zu verschiedenen Tests zusammen. Durchgeführt wurden diese von Psychologen, die nichts über das Ziel und den Aufbau der Studie wussten. So sollte sichergestellt werden, dass die Tests unvoreingenommen abliefen.

Das Ergebnis: Die Kinder sozial benachteiligter Familien waren nach einem Jahr Mentorenprogramm eher bereit zu teilen, sich nach Rückschlägen wieder aufzurappeln und anderen Menschen zu vertrauen, als zu Beginn der Studie. Sie waren fast auf demselben Stand wie Kinder aus Familien mit hohem sozioökonomischen Status. Dieser Effekt hielt auch noch drei Jahre später an.

Einer der Sozialtests, die dies zeigten, war beispielsweise das sogenannte Diktatorspiel: Dabei darf das Kind entscheiden, wie es Spielzeug zwischen sich und einem Gleichaltrigen aufteilt, zum Beispiel einem Kind aus der Nachbarstadt oder einem armen Kind in Afrika. Der Versuch war so authentisch angelegt, dass das Spielzeug tatsächlich ins SOS-Kinderdorf nach Togo geschickt wurde, wenn die Kinder sich entschieden zu teilen. "Es ist wichtig bei solchen Tests nicht zu lügen", sagt Verhaltensökonom Fabian Kosse, "viele Kinder kommen später und wollen wissen, ob das andere Kind wirklich das Spielzeug erhalten hat."

Die Wissenschaftler sind überzeugt von ihrem Ansatz der Chancengerechtigkeit. "Unsere Ergebnisse bestätigen das enorme Potenzial frühkindlicher Förderung für mehr Chancengerechtigkeit", sagt der Verhaltensökonom Armin Falk.

Er leitet ein Institut, das sich mit Verhaltensökonomie und Ungleichheit beschäftigt (Behavior and Inequality Research Institute). Seine Studien und Untersuchungen zum menschlichen Verhalten rütteln immer wieder am Bild des nur am Eigennutz orientierten und berechnenden Menschen. Die moralischen Fragen, die seine Forschung aufwirft, finden auch international Beachtung. Falk lehrte unter anderem an der amerikanischen Eliteuniversität Harvard in Cambridge, Massachusetts.