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13. März 2012 16:27 Uhr

Statistik

Verbraucher vergeuden Lebensmittel – vor allem Obst und Gemüse

Dieser Trend ist teuer, ethisch fragwürdig, schadet der Umwelt und vernichtet Ressourcen: Deutsche Verbraucher vergeuden jährlich zentnerweise Lebensmittel. Zwei Drittel davon wären noch genießbar.

  1. Nicht mehr ganz taufrisch – aber deshalb schon ein Fall für den Mülleimer? Foto: dpa

Alle drei Sekunden verhungert ein Mensch auf der Welt. 900 Millionen haben nicht genug zu essen. Dabei mangelt es weltweit keineswegs an Lebensmitteln. Allein in Deutschland werden jedes Jahr elf Millionen Tonnen weggeworfen. Das ist eine unvorstellbare Masse. Sie würde 275.000 Lastzüge füllen: eine Kolonne, die – Stoßstange an Stoßstange hintereinander aufgereiht – von Berlin bis in die russische Stadt Nowosibirsk jenseits des Urals reichen würde.

"Es ist Zeit für einen Bewusstseinswandel." Ilse Aigner
Die Menge der nutzlos in den Abfall beförderten Lebensmittel haben Wissenschaftler der Universität Stuttgart jetzt für das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz erhoben. Anlass dafür ist die Vorgabe der EU-Kommission, die Lebensmittelverschwendung bis 2020 zu halbieren. "Es ist Zeit für einen Bewusstseinswandel", sagt die zuständige Ministerin Ilse Aigner (CSU). "Jeder von uns kann einen Beitrag leisten, die Verschwendung wertvoller Ressourcen zu stoppen."

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Durchschnittlich 940 Euro vergeudetes Haushaltsgeld

Vor allem die Konsumenten sind da gefragt. Mehr als 60 Prozent der unnütz vernichteten Lebensmittel landen bei den Küchenabfällen. Fast 82 Kilogramm welken Salats, schrumpeliger Äpfel, trockenen Brots oder abgelaufenen Joghurts wirft ein Deutscher durchschnittlich im Jahr weg. Für eine vierköpfige Familie summiert sich das auf dieses Weise vergeudete Haushaltsgeld auf 940 Euro jährlich. Auf sämtliche Verbraucher hochgerechnet sind das knapp 22 Milliarden Euro. Ein Großteil dieser Verschwendung wäre vermeidbar.

Wie es dazu kommt, verdeutlicht eine Umfrage im Auftrag des Ministeriums, die bereits vor einem Jahr durchgeführt wurde. Demnach neigen vor allem jüngere Menschen sowie Verbraucher der höchsten Einkommensklasse zum Wegwerfen. Während 17 Prozent der Konsumenten unter 30 Jahren einräumen, sie würden mehrmals in der Woche Lebensmittel in den Mülleimer entsorgen, sagen zwei Drittel der Rentner, das komme bei ihnen so gut wie nie vor.

Der Anteil derer, die mehrmals in der Woche Essbares zum Abfall werfen, ist in Haushalten mit weniger als 1500 Euro Monatseinkommen nur halb so groß wie bei Leuten, die das doppelte Budget zur Verfügung haben. Die meisten begründen ihre Wegwerfneigung mit abgelaufenen Haltbarkeitsdaten. Ein Drittel der Gutverdiener gibt aber zu, gelegentlich schlichtweg zu viel einzukaufen. Viele Ärmere beklagen, dass die Packungsgrößen im Supermarkt unangemessen seien.

Vor allem Obst und Gemüse landen im Müll

"In Deutschland wird viel zu viel weggeworfen, wertlos gemacht, vernichtet", bemängelt Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner. Oft liegt das auch an mangelnder Aufklärung. So führe das auf Lebensmittelpackungen aufgedruckte Mindesthaltbarkeitsdatum oft zu Missverständnissen. Auch wenn das Datum abgelaufen ist, sind die etikettierten Waren oft noch lange genießbar. Lediglich leicht verderbliche Lebensmittel wie zum Beispiel Hackfleisch müssen mit einem Verfallsdatum ausgezeichnet werden, das ausweist, wann sie nicht mehr verzehrt werden sollten.

Aigner plant nun gemeinsam mit dem Lebensmittelhandel eine Aufklärungsaktion zum Mindesthaltbarkeitsdatum. Sie hält diese Information der Hersteller für sinnvoll. Sie werde nur vielfach "falsch interpretiert". Das missverstandene Mindesthaltbarkeitsdatum ist auch nicht das Hauptproblem. Am häufigsten landen nämlich Obst und Gemüse im Müll. Grünzeug, das durchaus noch verwertbar wäre, macht fast die Hälfte der vermeidbaren Lebensmittelabfälle aus.

In Profi-Küchen werden 17 Prozent der Lebensmittel vergeudet

Der Handel und die Großverbraucher wie Kantinen, Gaststätten oder Hotels gehen mit Lebensmittel übrigens sorgsamer um als gewöhnliche Konsumenten. Das lassen zumindest Zahlen der Universität Stuttgart vermuten. Nach deren Hochrechnungen werden in Supermärkten und Läden jährlich 550.000 Tonnen Lebensmittel vernichtet. Das entspreche lediglich einem Prozent der umgeschlagenen Menge. In professionellen Küchen werden 17 Prozent der eingekauften Lebensmittel vergeudet. Das sind 1,9 Millionen Tonnen jedes Jahr.

Bei sich selbst vermag Ministerin Aigner keine ausgeprägte Wegwerfmentalität erkennen. "Bei meiner Arbeitsweise ist der Kühlschrank eher übersichtlich gefüllt", sagt die CSU-Frau aus Oberbayern. Zudem versuche sie, möglichst alles zu verwerten. Eines ihrer Lieblingsgerichte sei Semmelschmarrn – ein bajuwarisches Resteessen.

Die politische Konkurrenz hält Aigner jedoch keineswegs für vorbildlich. Statt aktiv zu werden, nutze die Ministerin das Thema Lebensmittelverschwendung zur "medialen Selbstdarstellung", rügt die Sozialdemokratin Elvira Drobinski-Weiss, Bundestagsabgeordnete aus Offenburg. Die Grüne Nicole Maisch kritisiert: "Sie schiebt alle Verantwortung und Schuld den Verbrauchern zu." Diese würden, so die Linke Karin Binder aus Stuttgart, "gezielt zu unnötigen Käufen verleitet".

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Autor: Armin Käfer