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07. April 2016

Fall Burak Bektas

Zwei Morde, viele Fragen

Vor vier Jahren wurde in Berlin Burak Bektas erschossen, ein zweiter Mord weist Parallelen auf – gab es rassistische Motive?.

Es sind nur zwei halb leere Wasserflaschen, blaues Etikett, dünnes Plastik. Aber Melek Bektas kann sie nicht wegwerfen. Seit vier Jahren stehen sie hier im Dachzimmer, ganz rechts auf der mattweißen Kommode. Direkt neben dem Bett, in das Burak am Abend des 4. April 2012 nicht zurückgekommen ist, weil er auf offener Straße in Neukölln erschossen wurde. "Seitdem sterbe ich jeden Tag", sagt seine Mutter.

Alles hier in Buraks Zimmer ist unverändert. Ein blasses Plakat für ein Kampfsportevent hängt an der Kleiderschranktür – zärtlich streicht Melek Bektas über den unteren Rand. Dort, im Papier, sieht man eine Fingerspur ihres ältesten Sohnes. Die Tesafilmrolle war leer, da hat Burak ein bisschen Klebstoff an die Schranktür geschmiert und das Plakat festgedrückt. Ein welliges, vom Kleber dunkler gewordenes Oval, ein Abdruck, mehr nicht.

Rita Holland sitzt an diesem Frühlingsmorgen zehn Kilometer Luftlinie entfernt vom Häuschen der Familie Bektas im Saal 500 des Kriminalgerichts Moabit. Vor ihr liegt, sorgfältig laminiert, ein Farbfoto ihres Sohnes Luke Holland, der am 20. September 2015 auf offener Straße erschossen wurde. Seit März verhandelt die Schwurgerichtskammer den Mordfall. Die Hollands kommen zu jedem Verhandlungstag aus Manchester nach Berlin. Sie wollen wissen, was geschehen ist in jener Nacht. Und warum es geschehen ist. Manchmal trägt Rita Holland ein Halstuch. Melek Bektas hat ihr das Tuch gegeben. Das hilft hier: "Wenn sie es trägt, dann kann ich sehen, dass Burak auch dabei ist." Melek Bektas sitzt auch an diesem Morgen wieder im Zuschauerraum. Es ist schwer, herzukommen. Aber zu Hause bleiben kann sie nicht. "Ich denke ohnehin an nichts anderes."

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Über den beiden Frauen schwebt an der hohen Stuckdecke des wilhelminischen Saales wie ein Racheengel eine weiße Justitia. Es ist nicht nur die grausame Parallelität der Taten, die die beiden Familien hier zusammenführt. Es gibt Spuren, die die Morde miteinander in Verbindung bringen könnten. Und es gibt eine Frage, die sich in beiden Fällen stellt: Mussten Burak und Luke sterben, weil jemand einen Hass auf Ausländer hegt?

Zu den Verbindungen gehört neben der Ausführung der Tat und den im selben Stadtteil liegenden Tatorten vor allem der mutmaßliche Mörder von Luke Holland. Rolf Z., 63 Jahre, sitzt an diesem Morgen mit gesenktem Blick auf der mit Sicherheitsgittern und Glas umbauten Anklagebank, ein hagerer Mann mit auffälligen weißen, langen Haaren und Bart. Z. soll ein Waffennarr sein, in seiner Wohnung fanden die Ermittler eine Schrotflinte mit seiner DNA, an seiner Hand kurz nach der Tat Schmauchspuren. In einem Raum der Wohnung, den ein Zeuge das "Herrenzimmer" nennt, hatte Rolf Z. Militaria, Stahlhelme, eine Hitlerbüste.

Rolf Z. taucht auch in den Ermittlungsakten von Burak Bektas auf, aber diese Erkenntnis ist eines der losen Enden in dieser Ermittlung. Der Verdacht eines rassistischen Hintergrundes kam zum ersten Mal schon kurz nach dem Mord an Burak auf. Kurze Zeit zuvor war die Terrorzelle des NSU aufgeflogen.

In den Tagen vor dem Mord hatten muslimische und jüdische Gemeinden in Berlin Drohbriefe einer Gruppe erhalten, die sich "Reichsbewegung" nannte. Ausländer wurden aufgefordert, bis zum 1. April das Land zu verlassen, andernfalls würden sie mit dem Tode bedroht, auch durch Erschießen. Am Zaun der Neuköllner Sehitlik-Moschee klebte ein Bild. "Frohe Ostern" stand darauf, darunter war ein blutiges Schwein zu sehen. In der muslimischen Community ging die Angst um. Auch die Handschrift der Tat vom 5. April 2012 erinnerte an die Morde des NSU.

Burak, 22 Jahre, angehender Kaufmann, war eigentlich schon zu Hause, traf sich aber in der Nähe des Elternhauses nach dem Abendessen noch mit seinen Freunden Ömer und Seltunc, zufällig stießen die beiden auf zwei lose Bekannte, Alex und Jamal. Die Gegend, in der Buraks Familie wohnte, ist ein beschauliches Wohnviertel im Neuköllner Süden. Die Gruppe war zufällig zusammengewürfelt und stand – ebenfalls zufällig – an einer Parkbank, trank und redete. Etliche Zeugen nahmen die Gruppe wahr und berichteten von friedlich plaudernden jungen Menschen. Gegen 1.15 Uhr kommt ein Mann mit dunkler Kapuze auf die Gruppe zu, zieht wortlos und unvermittelt eine kurze Waffe und feuert auf die jungen Männer. Drei gehen zu Boden. Zeugen schildern, der Täter, ein älterer Mann, habe noch kurz dagestanden und sei dann langsam, seelenruhig davongegangen. Alex und Jamal, die beiden flüchtigen Bekannten Buraks, werden schwer verletzt, ringen mit dem Tod. Burak stirbt wenig später an einem Lungendurchschuss im Krankenhaus.

Erst schockierte die Rohheit der Tat die Hauptstadt. Aber es gab keine heiße Spur. Eine Hypothese nach der anderen schlossen die Ermittler als Motiv aus: Streit, eine Fehde, kriminelle Hintergründe fielen weg. Derzeit ist klar, dass die Opfer nicht als Individuen ausgewählt wurden – was bleibt, ist eine einzige Gemeinsamkeit: die Freunde konnten akustisch und optisch als Menschen mit ausländischen Wurzeln identifiziert werden.

Schon lange gibt es eine private Initiative, die für die Aufklärung des Mordes an Burak streitet und demonstriert und außerdem die Ermittlungen kritisiert.

Aber mehr als Spekulationen für einen rechten Tathintergrund finden sich nicht: Dazu gehört die Tatsache, dass es eine Neonaziszene im Süden Neuköllns gibt und dass das Datum der Tat mit dem Todestag eines Neonazis zusammenfällt, der vor Jahren von türkischen Antifaschisten erstochen wurde.

Doch dann geschieht der Mord an Luke Holland. Dreieinhalb Jahre später besucht der 31 Jahre alte britische Anwalt, der ein Jahr zuvor nach Berlin gezogen ist, in der Nacht die Bar "Del Rex", ein Lokal für junge Leute aus aller Welt, das nicht lange zuvor noch eine Art Rockerkneipe gewesen war. Holland verlässt gegen Viertel nach fünf die Bar. Die Gäste hören wenig später einen lauten Knall, kurz darauf findet ihn ein Mann blutend auf dem Trottoir liegen. Er sieht einen Mann mit einer Schrotflinte, der Täter wirkt älter, hat weißes, langes Haar und entfernt sich wortlos, in aller Seelenruhe. Luke stirbt kurze Zeit später.

Rolf Z. wird binnen 24 Stunden festgenommen – er wohnt um die Ecke. Mehrfach war er Gast im "Del Rex", auch in der Tatnacht, so der Wirt. Der ältere Gast soll sich beschwert haben, dass in dem Lokal nur noch Englisch und Spanisch gesprochen werde. Rolf Z. habe in der Nacht wortlos und wütend das Lokal verlassen. Ob er der Mörder von Luke Holland ist, wird das Gericht entscheiden. Ob er etwas mit dem Mord an Burak Bektas zu tun hat, wird derzeit nicht ermittelt. Dabei taucht der Mann auch in dessen Ermittlungsakten auf. Im Dezember 2013 soll sich der Betreiber eines Pornokinos, bei dem Z. Stammgast war, bei der Polizei gemeldet haben. Denn der weißhaarige Gast brachte eine scharfe Waffe ins Kino mit und berichtete, dass er in der Nähe mit seinem Bruder das Schießen übe. Da erinnerte sich der Kinobetreiber an den Mord an Burak und ging zur Polizei. Was diese damals aus den Angaben folgerte, ist unklar. Die Anwälte Mehmet Daimagüler und Onur Özata wollen diesen Kinobetreiber nun vor Gericht hören.

Man mag sich nicht ausmalen, welche Gedanken die Eltern der Opfer quälen. Melek Bektas sagt, dass sie seit vier Jahren nicht mehr richtig schläft. Sie geht nicht auf die Straße, ohne zu denken, dass sie vielleicht dem Mörder begegnet. Ohne zu denken, dass vielleicht auch ihre beiden anderen Kinder in Gefahr sind. "Ich werde nicht mehr glücklich werden in meinem Leben", sagt Melek Bektas. "Aber den Mörder zu kennen, das würde mir vielleicht ein kleines Stück Ruhe geben."

Autor: Katja Bauer