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05. Februar 2010
Die Aufrichtigkeit des Interpreten
Der Freiburger Pianist Tilman Krämer und seine Annäherung an Brahms’ frühe Klaviermusik
Es ist schon richtig: Man sollte vom jungen Brahms als Pianist tunlichst die Finger lassen, wenn man neben dem dringend notwendigen Handwerk nicht über die entsprechende Energetik und Hochspannung – vulgo: Pranke – im Spiel verfügt. Attribute, die Tilman Krämer zweifelsfrei sein eigen nennen darf. Aber das allein würde sicher nicht den Reiz der aktuellen – nunmehr bereits zweiten – Brahms-CD des Mittdreißigers ausmachen, der seit 2007 auch an der Freiburger Musikhochschule lehrt
Je öfter man ihr lauscht, in Krämers Annäherung an Brahmsens pianistisches Frühwerk hineinhört, desto "ohrenfälliger" wird seine hohe Musikalität, wie sie sich in den Mittelsätzen äußert, zumal in den Andantes der Sonaten op.1 und op. 2. Womit Krämer im übrigen auch ganz nah am hochromantischen Nervzentrum von Brahms’ Musik liegt – wie etwa bei Opus 1 mit seinem stilisierten Minneliedcharakter. "Verstohlen geht der Mond auf" lautet der Brahms’sche Anfangsvers, und als ob Klavierspiel auch eine Kunst der Synästhesie sei, entwirft Krämer das Szenario eines hochromantischen Gemäldes. Bemerkenswert in Phrasierung und Ausdruck, in nobler, äußerst feinsinniger piano-Kultur. Und mit perfektem Gespür für die Agogik der Variationen des Themas, also die Glaubwürdigkeit und Logik ihrer Temposchwankungen. Ein Höhepunkt dieser CD, aber nicht der einzige. Was Krämers Brahms-Interpretation so sympathisch macht, ist ihre uneigennützige Ernsthaftigkeit. Wer als Pianist schnell Furore machen will, wird sein Heil sicher nicht in dieser manchmal spröd bis sperrig wirkenden Musik suchen, deren Transparenz auch bei den verschrobensten rhythmischen Gebilden keine Mogelpackungen oder gar Fehlgriffe zulässt.
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Vielleicht kann man Krämer mitunter den leisen Vorwurf nicht ersparen, dass er gerade die expressiven Momente, wie im Schlusssatz von Opus 1 oder dem Scherzo es-Moll op. 4, nicht über alle Maßen waghalsig, exaltiert oder furios anpackt. Auf einen Rest von doppeltem Boden verzichtet der Künstler nie, andererseits tut das aber nicht zuletzt der Durchschaubarkeit der Musik sehr gut. Die wohltuend sachliche – ehrliche – Aufnahmetechnik des mitproduzierenden Bayerischen Rundfunks unterstreicht im übrigen diesen Ansatz. Die Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit des Künstlers trifft hier auf die rechten Mitstreiter, und so hat man seine Freude an Momenten wie der sinnierenden Einleitung zum Schlusssatz von Opus 2, in der Krämer eine schier orchestrale Spannung vor dem pianistischen Feuerwerk aufbaut, das er daraufhin folgen lässt. Kein Wunder, dass die CD gegenwärtig viel Lob einheimst. Lieben Sie Brahms? Tilman Krämer lässt einen das Ja mit Begeisterung ausrufen.
– Johannes Brahms: Sonaten Nr. 1 und 2, Scherzo es-Moll op. 4. Tilman Krämer. Coviello COV 50913
– Klavierabend am 22. April, Birklehof, Hinterzarten.
Autor: Alexander Dick
