Lesestoff

Die BZ-Redaktion empfiehlt neun Romane für die Bescherung

BZ-Redaktion

Von BZ-Redaktion

Mo, 10. Dezember 2018 um 14:19 Uhr

Liebe & Familie

Phantastisch, kleinbürgerlich oder geheimnisvoll: Die BZ-Redaktion empfiehlt neun Romane für den weihnachtlichen Gabentisch.

Nach allen Regeln einer alten Kunst

Susanne Röckel stand mit diesem Roman auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2018. Eigentlich erstaunlich, denn "Der Vogelgott" ist phantastische Literatur. Ein Genre, das hierzulande wenig geachtet wird. Röckel erzählt nach allen Regeln dieser alten Kunst von drei Geschwistern: einem gescheiterten Medizinstudenten, der in einem Entwicklungsland einem archaischen Kult begegnet, einer Kunsthistorikern, die auf einem übermalten mittelalterlichen Bild schlimme Dinge sieht, einem Journalisten, der entdeckt, dass es in einer Klinik nicht mit rechten Dingen zugeht. Und immer tauchen bedrohliche Vogelwesen auf. Realität oder Einbildung? Phantastisch eben.
Susanne Rückel: Der Vogelgott. Roman. Jung und Jung, Salzburg und Wien 2018. 268 Seiten, 22 Euro.



Eine kleine Enzyklopädie des Verschwindens

Judith Schalansky ist eine Sammlerin. Und sie gestaltet gern. Beim Matthes & Seitz Verlag verantwortet sie die Reihe "Naturkunden". Ihr neues Buch ist in einem anderen Verlag erschienen, obwohl es optisch besser zu den "Naturkunden" gepasst hätte. Schalansky ist eine Grenzgängerin zwischen den Genres. Das zeigt sich auch im "Verzeichnis einiger Verluste". Was die zwölf Erzählungen in diesem Band zusammenhält, ihulthess im Valle Onsernone, geographische Orte wie die Südseeinsel Tuanaki. Schalansky greift zu unterschiedlichen literarischen Formen, um das Verlorene wundersam zu bergen: ein originelles, ein ungemein anregendes Buch voller Entdeckungen – mit ungewöhnlicher Gestaltung. Schwarz ist die Farbe des Verlusts.
Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste.
Suhrkamp, Berlin 2018. 252 Seiten, 24 Euro.



Miteinander in der Bungalowhölle

Die Sommerkamps, Reichmanns und Wellhausens treffen sich sonntags gerne mal nach dem Gottesdienst. Dann stehen sie in irgendeinem Garten ihrer Bungalowsiedlung, nippen am Weißweinglas, essen Käsewürfel und reden über dies und das. Es ist Sommer 1985. Helmut Kohl ist Kanzler, Boris Becker gewinnt Wimbledon, und im Londoner Wembley-Stadion singen Stars gegen den Hunger in Afrika. Doch hinter der Fassade glattgebügelter Blusen und selbstgetöpferten Geschirrs tobt Krieg. Es wird getrunken, geschlagen, manipuliert, vor allem aber getrauert, die selbst errichteten Mauern von so viel Kleinbürgerlichkeit nicht mehr überwinden zu können.
Alexa Hennig von Lange: Kampfsterne. Roman. DuMont, Köln 2018. 224 Seiten, 20 Euro.



Eine große Erzählkünstlerin

Jennifer Egan gilt als Avantgarde der amerikanischen Literatur. 2011 wurde ihr für "Der Größere Teil der Welt" der Pulitzer-Preis verliehen, darin das berühmte Kapitel, das Egan als Power-Point-Präsentation erzählt. Mit ihrem neuen Roman kehrt die Autorin zu einem konventionellerem Erzählen zurück. "Manhattan Beach" spielt vor der Kulisse der Großen Depression und des Zweiten Weltkriegs in New York und handelt von drei miteinander verwobenen Schicksalen. Ein Mann muss seine Familie verlassen, um sein eigenes Leben zu retten. Eine Tochter macht sich auf die Suche nach ihrem Vater. Ein Mafiaboss gerät zwischen die Fronten. "Manhattan Beach" ist ein großer amerikanischer Roman mit dem Charme alter Schwarz-Weiß-Filme. Und er ist der Beweis, dass Egan eine begnadete Erzählerin ist – in welcher Form auch immer sie sich versucht.
Jennifer Egan: Manhattan Beach. Roman. Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2018. 496 Seiten, 22 Euro.



Viele Wege zum gelingenden Leben

Der Titel klingt wie der eines Sachbuchs – aber nein, die US-Amerikanerin Meg Wolitzer hat einen schwergewichtigen Roman geschrieben: "Das weibliche Prinzip". Darin schildert sie in der ihr eigenen klaren, unaufgeregten Sprache die Lebensentwürfe mehrerer Frauen und eines Mannes. Greer Kadetsky begegnet auf dem College der charismatischen Feministin Faith Frank. Die schüchterne Greer schafft es, bei der selbstbewussten Faith zu arbeiten – und lernt, dass es das eine ist, sich für eine gute Sache einzusetzen, eine andere aber, dabei immer eine saubere Weste zu behalten. Auch Greers Freund Cory zeigt, dass es viele Wege in ein gelingendes Leben gibt – und dass Rollenzuschreibungen dazu da sind, aufgebrochen zu werden.
Meg Wolitzer: Das weibliche Prinzip. Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens. DuMont, Köln 2018. 496 Seiten, 24 Euro.



Lauter kleine Gesellschaftsromane

Jeffrey Eugenides ist der legitime Nachfolger von John Updike: Kein anderer US-Autor schreibt so subtil, ironisch und menschenfreundlich verzeihend über das Liebesleben gebildeter weißer Männer, Frauen oder auch Transsexueller ("Middlesex"). Seit "Die Liebeshandlung" (2010) hat er keinen Roman mehr geschrieben, aber seine erzählerische Klasse zeigt sich auch in den zehn Stories aus der Zeit zwischen 1988 und 2017. Der Backpacker, der auf einer thailändischen Insel noch seinen Dünnschiss zum spirituellen Erlebnis verklärt, die fast schon demente alte Frau, die zusammen mit ihrer Freundin noch einmal ausbricht, der Sexualwissenschaftler, der bei der Feldforschung im Busch am "Orakel der Vulva" scheitert: lauter kleine Gesellschaftsromane, unterhaltsam und leicht zu lesen, aber nie seicht.
Jeffrey Eugenides: Das große Experiment. Erzählungen. Aus dem Englischen von Gregor Hens. Rowohlt, Reinbek 2018. 336 Seiten, 22 Euro.



Ein Roman wie ein langer Song

Tish ist 19, Fonny 22, sie ist schwanger. Es hätte eine einfache Liebesgeschichte sein können. Aber Tish und Fonny sind schwarz. Die Love-Story wird zum "Beale Street Blues". Nach den Morden an Malcolm X und Martin Luther King brauchte Baldwin Distanz zum Kampf gegen Rassismus in den USA und schrieb seinen vorletzten Roman im französischen Exil. Dort war er Anlaufpunkt für Nina Simone, Josephine Baker, Miles Davis, Harry Belafonte, Ella Fitzgerald und Ray Charles. Der Einfluss so vieler grandioser Musikerinnen durchzieht den Roman, macht ihn zu einem langen Song im speziellen Sound der Schwarzenviertel, macht ihn zu großer Literatur.
James Baldwin: Beale Street Blues. Aus dem Amerikanischen von Miriam Mandelkow. dtv, München 2018. 221 Seiten, 20 Euro.



Geheimnis, Schuld, Verrat

"Er hieß Brand und konnte alles reparieren": Das hat ihn, den grünäugigen lettischen Juden, im Zweiten Weltkrieg die russischen und deutschen Lager überleben lassen. Anders als seine Frau, die, wie so viele, erschossen und verscharrt im Krähenwald von Riga liegt. Zwei Jahre später kutschiert Brand unter dem Decknamen Jossi amerikanische Touristen durch Jerusalem, arbeitet für die Untergrundorganisation Hagana gegen die britische Mandatsregierung und hofft auf eine Zukunft mit der Spionin Eva. Doch die hat wichtigere Ziele im Blick. Ein Roman um Geheimnisse, Schuld und Verrat in einer Zeit, in der das Private hinter dem Politischen zurückstehen muss. Folgenschwer wie eine Urteilsverkündung führt Stewart O’Nan vor Augen, in welch hohem Maß das, was geschehen ist, mitwirkt an dem, was sein wird: als hätte man nicht wirklich eine Wahl.



Ein ganz eigener Ton

Der Guggolz Verlag ediert vergessene Autoren; deshalb auch Andor Endre Gelléri, der 1906 in einer ungarischen jüdischen Arbeiterfamilie geboren wurde: ein doppelt ungünstiges Schicksal. Schriftsteller wurden zu Hause schief angesehen. Der Vater, ein Schlosser, verstand nichts von seinem Sohn, dessen erste Novelle veröffentlicht wurde, als er noch auf der Schule war. Dass Gelléri seinen Unterhalt als Lohnarbeiter verdienen musste, ist in seine Erzählungen eingegangen, die zwischen Robert Walser und Franz Kafka einen eigenen Ton finden. "Entsetzlich war es, entsetzlich" – so die letzten Worte von "Einsamkeit". Hier ist ein großer Autor zu entdecken. Am 3. Mai 1945 starb Gelléri nach der Haft im KZ Mauthausen.
Andor Endre Gelléri: Stromern. Aus dem Ungarischen von Timea Tanko. Guggolz Verlag, Berlin 2018. 252 Seiten, 24 Euro.