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15. August 2012

Kommentar

Die Eurokrise - eine unsichtbare Bestie

Euroland plagt eine Rezession, aber vielen Deutschen geht es so gut wie lange nicht. Die deutsche Wirtschaft ist stark - und das liegt nach wie vor auch am Euro. Eine Einordnung von Ronny Gert Bürckholdt.

Politiker, Banker, Analysten, Journalisten reden und schreiben ständig von Krise, Krise, Krise, doch für fast alle anderen Leute hierzulande ist die Bestie unsichtbar geblieben. Kaum einer muss mit weniger Lohn leben wegen ihr, ist arbeitslos geworden wegen ihr, muss sich wegen ihr sorgen um die ökonomische Existenz. Doch man muss nicht weit reisen, um ein anderes Europa zu sehen.

Fast 25 Prozent der arbeitsfähigen Spanier finden keine Arbeit, hierzulande sind es der internationalen Statistik zufolge gerade noch fünfeinhalb Prozent. Viele Griechen verarmen, die Deutschen kaufen aber so viel wie lange nicht. Das liegt sicher auch daran, dass die Sparzinsen nun so niedrig sind, aber die Deutschen haben auch noch viel zu sparen – oder auszugeben. Die Volkswirtschaften Griechenlands, Spaniens, Italiens schrumpfen, die französische stagniert, die deutsche aber wächst wie in normalen Jahren. Der Gesamtwert aller Waren und Dienstleistungen, die in der Bundesrepublik hergestellt beziehungsweise angeboten wurden, lag zwischen April und Ende Juni um 0,3 Prozent höher als im Quartal davor. Das ist ein gutes Ergebnis, vor allem, wenn man bedenkt, was um Deutschland herum los ist. An dem Urteil änderte sich nichts, falls die Wirtschaft im nächsten Quartal mal leicht schrumpfen sollte.

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In vielen Krisenländern stürzt die Wirtschaft ab. Im schlimmen Fall wird sie kaputtgespart, dann folgt einer Ausgabenkürzung ein noch tieferer Wirtschaftsabschwung. Aber um das zu beurteilen, ist es zu früh. Und trotz aller Probleme – alle Krisenstaaten haben mit ernstzunehmenden Strukturreformen begonnen. Sie könnten die Basis für einen neuen Aufschwung legen.

Vielleicht läuft es schlicht zu gut?

In Deutschland wird heute weder im Staatsbudget gespart noch nennenswert reformiert. Vielleicht läuft es schlicht zu gut. Ein Grund: Die Risiken für die deutsche Wirtschaft sind heute breiter gestreut. Die Exporteure schicken ihre Maschinen und Autos vermehrt nach China, Indien, Brasilien. Auch die Betriebe im Schwarzwald und in der Ortenau profitieren von der wachsenden Mittelschicht dort. Die Eurozone bleibt wichtiger Absatzmarkt, aber Deutschland hat sich ein Stück emanzipiert von ihr. Wäre das anders, wäre die Krise schon hier.

Das deutsche Wirtschaftswachstum beruhte lange in ungesund großer Dosis auf dem Export. Inzwischen hat der Binnenmarkt an Bedeutung gewonnen. Firmen haben daheim viel investiert, in Werkshallen und Fertigungslinien. Auch der private Konsum hat sich erfreulich entwickelt. Der Rückgang der Arbeitslosigkeit und gestiegene Tariflöhne in einigen Branchen sind der Grund. Deutschland hat schon vor Jahren seinen Arbeitsmarkt reformiert, sich bei den Löhnen zurückgehalten. Vor einem Jahrzehnt noch als kranker Mann Europas verspottet, ist Deutschland ein gutes Beispiel dafür, dass es lohnen kann, hartnäckig zu reformieren und dabei auch Konflikte nicht zu scheuen.

Für deutsche Überheblichkeit gibt es keinen Grund

Die Deutschen haben aber keinen Grund, überheblich zu werden. Sie bekommen reichlich Hilfe. Die Zinsen sind seit Ausbruch der Finanzkrise 2007/2008 historisch niedrig; heute aus deutscher Sicht sehr, sehr niedrig. Das befeuert die wettbewerbsfähige Wirtschaft zusätzlich. In Euroland gibt es nur einen Leitzins – für die gut laufende deutsche Volkswirtschaft wie für die abschmierende griechische. Auch gibt es nur einen Wechselkurs der Währung. Der Euro hat zuletzt an Wert gegenüber dem Dollar verloren. Das macht deutsche Autos und Maschinen im Ausland preiswerter, kurbelt deren Absatz weiter an. Der Euro verschaffte den Deutschen aber auch schon vorher einen vorteilhaften Wechselkurs, was viele Erfolge der heimischen Betriebe miterklärt. Das sollte auch jetzt in Krisenzeiten hierzulande niemand vergessen.

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Autor: Ronny Gert Bürckholdt