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22. Mai 2014

Freiburger Musik-Triumph in München: Die Oper "Das geopferte Leben"

Freiburger Uraufführung bei der Münchener Biennale: Hèctor Parras Oper "Das geopferte Leben".

  1. Szene aus der neuen Oper „Das geopferte Leben“: Der Tod (Lini Gong, links) „spielt“ mit dem Mann (Alejandro Lárraga Schleske), die Mutter (Sigrun Schell) hält sich die Ohren zu. Foto: Adrienne Meister

Er steht plötzlich im Raum, der Mann, der keinen Namen hat. Einfach so. "Erkennt ihr mich? Wisst ihr, wer ich bin?", fragt er die beiden Frauen, die das Libretto als seine Mutter und seine Frau, exakter müsste es heißen: seine Witwe, ausweist. Er ist zurückgekehrt aus dem Jenseits, und wie jener Jesus von Nazareth, der es ihm gleich getan haben soll, sagt er: "Also fürchtet mich nicht." Und wie reagiert die Mutter darauf? "Was tust du hier? Was hast du mit deinem Tod gemacht?" Glück fühlt sich anders an.

Eine groteske Situation, die Ausgangslage von Hèctor Parras Kammeroper "Das geopferte Leben". Der Mann hier steigt nicht hinab in die Unterwelt wie Orpheus. Er selbst kehrt von dort zurück – eine Art Auferstehungsgeschichte. Doch nicht er spricht die Jesus-Worte "Noli me tangere – Du sollst mich nicht berühren" aus, die Frauen sind es, die unberührt wirken, die mit der Situation des unglaublichen Wiedersehens so gar nicht umgehen können. Vielleicht hat Intendant Peter Ruzicka diesen Stoff und dieses Werk ganz bewusst an das Ende dieser Münchener Musiktheater-Biennale gesetzt, die ja auch seinen Abschied von diesem Festival nach 18 Jahren bedeutet. Ende und Anfang berühren sich in ebenso magischer wie profaner Weise. Denn die Mutter handelt mit dem Tod und opfert sich für den Sohn, nicht aus Liebe, "sondern weil ich dich nicht genug geliebt habe".

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Es ist ein großer ästhetischer Entwurf, den der katalanische Komponist und die französische Schriftstellerin Marie NDiaye da hingelegt haben. Eine Oper, die bewusst Oper sein will und nicht einfach Musiktheater. Eine Oper der klassischen Stoffe, die Kulinarik nicht meidet, sondern stattdessen bewusst nach neuen ästhetischen Utopien sucht. Dass gleich drei Freiburger Ensembles Geburtshelfer dabei sein dürfen, ist von wirklich herausragender Bedeutung. Denn das Zusammenwirken von Theater Freiburg, Ensemble Recherche und Freiburger Barockorchester ist für die Uraufführung im Carl-Orff-Saal des Münchner Gasteig sozusagen Grundbedingung. Parras Partitur schöpft ihre Kraft aus der Verbindung barocker Aufführungspraxis mit den Topoi zeitgenössischer Musiksprache. Das klingt viel theoretischer, als es ist, und genau das macht die Kraft dieses Werks aus. Wenn man nicht wüsste, dass die Ensembles in zwei, um einen Halbton differierenden Stimmungen spielen, man würde dessen nicht bewusst gewahr. Nichts an dieser linearen, sinnlichen Musik wirkt (de-)konstruiert, theoretisch; und wenn Parra mit Zitaten aus Werken des Barock, von Monteverdi über Händel bis Vivaldi und Bach, arbeitet, so hat man nie das Gefühl, dass hier einfach nur musikalisches Material herangezogen wird. Zum einen sind die Zitate kunstvoll in die eigenen Klänge hineingewoben, so eng mit ihnen verstrickt, dass das einen symbiotischen Zustand schafft; zum anderen stiftet ihre Verwendung inhaltliche Struktur. Das "Es ist vollbracht"-Lamento aus Bachs Matthäuspassion etwa am Ende der knapp anderthalbstündigen Kammeroper auf den – eben nicht von Liebe getragenen – Opfergang der Mutter wirkt in dieser verfremdeten Umgebung wie eine Utopie, die vor allem eines zeitigt: Fassungslosigkeit.
Ein Triumph für
Freiburgs Kulturszene

Parra verleiht seiner Musik auch stark an der Tradition orientierte formale Strukturen; da ist zum Beispiel eine Chaconne, eine großangelegte Ostinato-Form, die die Klage der Mutter darüber, dass sie ihren Sohn über dessen verschiedene Lebensabschnitte immer wieder von Neuem verloren habe, mit großem musikalischen Gewicht begleitet. Und auch die vokale Sprache beschwört historische Assoziationen herauf; die artifiziellen Koloraturen des Todes suggerieren besonders stark barocke Klanglandschaften, ohne diese einfach zu imitieren. Im Übrigen komponiert Parra am aus dem Französischen ins Deutsche übertragenen Text mit großer Lust am Sprachexperiment, am Verfremden von Rhythmus und Metrum. All das findet seine geradezu aufwühlende Realisation durch die im Orchestergraben auch räumlich miteinander verzahnten beiden Freiburger Ensembles. Peter Tilling leitet mit großer Übersicht, Sinn fürs Detail und Leidenschaft am Klang. Die Musikerinnen und Musiker setzen das so perfekt um, dass ihre aus dem Disparaten entstehende Einheit ein aufs andere Mal verblüfft. Und das Schwärmen geht weiter bei den Vokalsolisten. Man sollte sich hüten, nur den artistischen Aspekt an den Koloraturen zu bestaunen, die Lini Gong in der Rolle des Todes hinzaubert. Aber die Klarheit ihrer Diktion, ihre Intonationsschärfe und ihr expressiver Ausdruck sind einfach unglaublich. Alejandro Lárraga Schleske verleiht der Figur des Mannes vielschichtige Präsenz; sein lyrischer Bariton fokussiert ihr Hin- und Hergeworfensein mit warmem – menschlichem – Timbre äußerst glaubwürdig. Das gilt auch für Sally Wilsons Gestaltung der Partie der Ehefrau; gerade bei den beiden Schlussmonologen berührt ihr schlanker, leuchtender Sopran ungemein. Und Sigrun Schell schafft es, die Ambivalenzen der zwischen höchstem dramatischen Ausdruck und lyrischer Verinnerlichung angelegten Mutterpartie sensibel herauszuarbeiten; dieses Gebrochensein macht sie zur spannendsten Figur im Stück.

In der Inszenierung Vera Nemirovas kommt das eher durch Äußerlichkeiten zum Ausdruck, die manchmal ans Holzschnittartige, Karikaturhafte reichen – etwa wenn sich die Mutter mit den Ingredienzien bürgerlicher Sterbekultur verabschiedet. Die Regisseurin spielt mit der Konfrontation von Stilebenen. Während die Mutter dem Tod gegenüber die selbstgefällig-brav-bedächtige Liebe ihrer Schwiegertochter anprangert, vollzieht das junge Paar noch einmal die Hochzeitsnacht. Solche ironischen Momente wirken indes seltsam verloren vor dem Hintergrund eines sich drehenden, den Kreislauf der Natur symbolisierenden Kulissenmodells als Tor ins Jenseits (Ausstattung: Stefan Heyne). Gut möglich, dass die Inszenierung in der Freiburger Theaterhalle durch die größere Nähe zum Publikum unmittelbarer wirkt. In München aber ist es ein Triumph der Musik. Man könnte auch sagen – einer für Freiburgs Kulturszene.
– Aufführungen: 22./23. Mai (München); 27./31. Mai, 1. Juni (Freiburg). Karten für Freiburg: Tel. 0761/4968888.

Autor: Alexander Dick