"Die Neue Musik aus der Nische geholt"

Georg Rudiger

Von Georg Rudiger

Di, 12. Juni 2018

Klassik

BZ-INTERVIEW mit dem Vorsitzenden Bernhard Wulff zum zehnjährigen Bestehen des Vereins "Mehrklang Freiburg".

Der Verein "Mehrklang Freiburg" vernetzt die Akteure der Neue-Musik-Szene miteinander. Zum zehnten Geburtstag sprach Georg Rudiger mit dem Vorsitzenden, dem emeritierten Schlagzeugprofessor Bernhard Wulff (70), über musikalische Schrebergärten, Geschmacksakkorde und ausgefallene Konzerträume.

BZ: Zu Beginn des Jahres hat der Freiburger Mehrklang den "Tusch der Woche" eingeführt, um auf das zehnjährige Bestehen des Vereins aufmerksam zu machen. Jeden Mittwoch um 11 Uhr wird vom Balkon des Wentzingerhauses am Münsterplatz ein rund dreiminütiger musikalischer Beitrag gespielt. Wie kommt das an bei der Bevölkerung?
Wulff: Der "Tusch der Woche" sorgt für eine Zufallsbekanntschaft mit Neuer Musik. Marktbesucher werden überrascht von diesem Geschenk. Es findet statt, leuchtet für einen Moment auf – und wer dabei ist, hat etwas zu erzählen.
BZ: Vor zehn Jahren wurde "Mehrklang Freiburg" durch eine Initiative der Bundeskulturstiftung im Rahmen des "Netzwerks Neue Musik" gegründet, die für den Zeitraum von 2008–2011 insgesamt 450 000 Euro zur Verfügung stellte. Die Stadt Freiburg gab in diesen vier Anfangsjahren noch 255 500 Euro hinzu. Seit 2012 liegt die städtische Förderung bei jährlich rund 40 000 Euro. Ziel war es, Vermittlungsprojekte anzubieten und die Akteure der zeitgenössischen Musik in der Stadt besser miteinander zu vernetzen. Wie fällt Ihr Fazit aus?
Wulff: Aus meiner Sicht ist der Freiburger Mehrklang eine Erfolgsgeschichte. Es gibt in Freiburg zwar viele Akteure, aber vieles passiert nebeneinander wie in einem Schrebergarten. Der eine baut Tomaten an, der andere mag Sonnenblumen. Bis zur Vereinsgründung gab es keine Netzwerk-Aktivitäten. Das hat sich stark verändert. Wir haben Formate entwickelt, bei denen sich unsere Mitglieder – das sind Ensembles und Einzelpersonen, aber auch das Theater und das SWR-Experimentalstudio – mit einbringen können. Und wir entdecken neue Räume. Zu unserem Klangparcours am Waldsee vor zwei Jahren kamen 2000 Besucher. "Blind date" ist ein kleines Format mit 20 bis 30 Zuhörern. Dabei findet ein Konzert in einem privaten Wohnzimmer statt. Diese Veranstaltungsreihe hat mittlerweile Kultcharakter und ist immer sofort ausverkauft.
BZ: Gab es Berührungsängste?
Wulff: Man hat sich schon kritisch beäugt – im Sinne von "Meine Tomate ist schöner als deine Sonnenblume". Freiburg ist musikalisch eben keine Parklandschaft.
BZ: Was war noch schwierig?
Wulff: Das erste große Konzert im Konzerthaus, bei dem wir alle Ensembles einbinden und ein Schaufenster Neue Musik zeigen wollten, hat nicht richtig funktioniert. Dann fingen wir an, Themen zu setzen und haben auf diese Weise die Neue Musik aus der Nische geholt. Beim Thema "Geschmacksakkorde" baten wir Komponisten, kurze Stücke zu schreiben, die dem Geschmackserlebnis eines Weingenusses entsprechen – die Säureattacke eines Rieslings lag in der Oboe, die Schokoladentöne des Spätburgunders landeten in der Bassklarinette. So entstanden zehn Minikompositionen, die sich auf verschiedene Weine bezogen, die die Zuhörer beim Konzert auch degustieren konnten. Das Konzept haben wir auch auf ein Essen übertragen – dafür wurde sogar eine Nudelkantate komponiert.
BZ: Haben Sie so neue Hörer gewonnen?
Wulff: Auf jeden Fall. Wir haben auch dreimal die Keller der Brauerei Ganter musikalisiert. Das Konzert wurde zum echten Erlebnisraum. Musik braucht nicht nur offene Ohren, sondern auch den Nachvollzug, der bei Neuer Musik nicht so einfach ist. Deshalb bieten wir mit besonderen Räumen ein Zusatzgeschenk für den Hörer und schaffen so Entertainment im positiven Sinne. Man kann sich dann mehr einlassen auf das Neue.
BZ: Das Jubiläumskonzert findet in der Archäologischen Sammlung der Universität im Herderbau statt. Auch ein besonderer Raum?
Wulff: Natürlich. Wir haben Komponisten gebeten, zu den einzelnen Skulpturen der Sammlung Stücke zu schreiben. Das Konzert findet in zwei Durchläufen an drei verschiedenen Orten des Gebäudes statt. Der Glas-Innenhof beispielsweise besitzt eine hervorragende Akustik und lässt den Chor der Musikhochschule Freiburg mit Werken von Paul Hindemith, Olivier Messiaen und Knut Nystedt in einem besonderen Rahmen erklingen.
BZ: Und welche Pläne hat der Verein für die nächsten zehn Jahre?
Wulff: In vielen Städten gibt es Stadtschreiber, die sich durch Texte mit einer Stadt auseinandersetzen. Ich fände einen Stadtmusikus eine ausgezeichnete Einrichtung. Ein spannendes Musikfestival könnte Freiburg auch gut gebrauchen. Das würden wir gern unterstützen.

Jubiläumskonzert: Samstag, 16. Juni, 19 und 21 Uhr, Herderbau, Habsburgerstraße 114, Freiburg. http://www.mehrklang-freiburg.de