Die rituelle Bitte um Wasser

Dietrich Roeschmann

Von Dietrich Roeschmann

Do, 11. Januar 2018

Ausstellungen

Eine Ausstellung im Zürcher Museum Rietberg widmet sich dem Rätsel der Nasca-Linien in Peru.

Natürlich könnte man es ein Geheimnis nennen, was die Nasca der Nachwelt hinterließen, als sie sich um 650 n. Chr. aus der trockenen Hochebene im heutigen Peru in fruchtbarere Gegenden zurückzogen und dort mit anderen Kulturen vermischten. Andererseits: Versteckt haben sie ihr Geheimnis nie – nur war es zu groß, zu sperrig, zu unüberschaubar, als dass die Nachwelt es hätte bemerken können. Auf einer Fläche von 450 Quadratkilometern scharrten die Nasca in ihrer knapp 700-jährigen Geschichte über 1000 Bilder in den kargen Wüstenboden: Kolibris, Hunde, Orkawale, Affen, bis zu 300 Meter groß, dazu unzählige Linien – einige bis zu zehn Kilometer lang –, die schnurgerade durch die Landschaft führten, flankiert von riesigen Spiralen, Labyrinthen oder Trapezformen.

Archäologen fanden auf dem Terrain schon im 19. Jahrhundert Keramiken mit Darstellungen des sogenannten Anthropomorphen Mythischen Wesens mit tellergroßen Augen, Katzenschnurrhaaren, freundlichem Blick – und oft auch mit einem abgeschnittenen Menschenkopf im Arm. Die 1500 Jahre alten Bodenzeichnungen der Nasca wurden vereinzelt jedoch erst Ende der 20er Jahre entdeckt und in ihrer ganzen Fülle 1939 bei einem Erkundungsflug des US-amerikanischen Historikers Paul Kosok. Weltberühmt wurden die Geoglyphen der Nasca schließlich durch die Luftbilder der in Deutschland geborenen Mathematikerin Maria Reiche, die sich für ihre Forschungsaufnahmen an die Kufen eines Hubschraubers binden ließ. Ihre Bilder lieferten ungewollt eine Steilvorlage für die Hypothesen des Schweizer Ufo-Kryptologen Erich von Däniken, der 1969 in seinem Bestseller "Zurück zu den Sternen" behauptete, die Linien markierten "unzweifelhaft eine Flugplatzanlage" für Außerirdische, welche in prähistorischer Zeit regelmäßig auf der Erde gelandet seien, um die Menschenaffen zu Menschen zu veredeln.

Eine absurde, aber äußerst erfolgreiche These. Von Dänikens Buch verkaufte sich millionenfach und machte die Nasca zu Statisten eines bizarren Sci-Fi-Märchens. Doch wozu hatten sie ihre Zeichnungen tatsächlich angefertigt? Was stellten sie dar? Eine Himmelskarte? Einen astronomischen Kalender? Einen Bewässerungsplan für die kargen Täler der Region? Eine wahrscheinlichere, durch aktuelle archäologische Forschungen gestützte Antwort gibt jetzt die sehenswerte Ausstellung "Nasca. Peru – Auf Spurensuche in der Wüste", die derzeit im Zürcher Museum Rietberg zu sehen ist. Ausgehend von poetischen Landschaftsfotografien der Künstler Thomas Struth und Billy Hare sowie von zwei spektakulär animierten Geländemodellen erzählt die Schau in unzähligen Keramiken, Textilarbeiten, Grabbeigaben und Musikinstrumenten vom Ursprung der Linien im religiösen Ritual. Auf der einen Seite die Berge im Blick, in denen die Leben spendenden Flüsse entsprangen, auf der anderen Seite den Pazifik, baten die Nasca-Priester ihre Götter dabei vermutlich um Wasser. Als eine Art Zwischenzone zwischen dem Leben und dem Göttlichen sei die trockene Hochebene "ein idealer Ort für die Kontaktaufnahme mit dem Übernatürlichen" gewesen, sagt Peter Fux, der die Ausstellung zusammen mit Cecilia Pardo vom Museo de Arte de Lima kuratierte. "Wir wissen heute, dass die Bodenzeichnungen nicht zum Anschauen, sondern zum Ablaufen gemacht worden sind." Messungen der Bodendichte deuten auf Massenprozessionen hin, ebenso die zahlreichen Funde von Tonscherben entlang der Linienpfade.

Im Museum Rietberg reihen sich die vollständigen Objekte dutzendfach in den Vitrinen aneinander. Von tönernen Panflöten über Figurengefäße in Form Koka kauender Männer bis hin zu einer einem Peyote-Kaktus nachempfundenen Henkelflasche geben sie Einblick in die originelle, ausgesprochen farbenfrohe Keramikkultur der Nasca, deren Bildsprache mit metaphorischen Anspielungen auf die Einnahme und die Wirkung psychoaktiver Substanzen während der rituellen Handlungen nicht geizte. Ähnlich zeigen auch ihre leuchtenden Stickereien und Textilarbeiten oft Darstellungen von tanzenden oder fliegenden Menschen in Trance.

Übrigens: Die Nasca selbst nannten sich nicht Nasca. Archäologen haben ihnen den Namen gegeben, nach dem Städtchen unweit der Südküste Perus, das 1996 von einem Erdbeben völlig zerstört und wieder aufgebaut wurde und heute – seit ein kanadisches Goldminenunternehmen die Bodenrechte aufkaufte und die indigene Bevölkerung umsiedelte – nahezu ausschließlich vom Archäologie-Tourismus lebt.

Museum Rietberg, Gablerstr. 15, Zürich. Bis 15. April, Di bis So 10–17, Mi 10–20 Uhr.