Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

05. Mai 2012

Die Schattenbibliothek

Fast ein Lexikon der Weltliteratur: Werner Fulds Universalgeschichte der verbotenen Bücher.

  1. Salman Rushdie Foto: Verwendung weltweit, usage worldwide

Werner Fuld, bekannt geworden als Biograph Wilhelm Raabes und Walter Benjamins, Verfasser zweier ergiebiger Lexika zur "Geschichte der Fälschungen" und der "Letzten Worte", legt jetzt eine Geschichte der verbotenen Bücher vor. Es ist die Geschichte von Büchern, über welche Machthaber jeder Provenienz mit Zensur und Verbrennung ihre letzten Worte gesprochen zu haben glaubten und doch erleben mussten, dass gerade das dem Vergessen überantwortete Leben lebendiger als das vieler anderer weiterging.

Als "Universalgeschichte des Verfolgten und Verfemten von der Antike bis heute" ist dieses Buch vielleicht etwas zu vollmundig annonciert. Aber es verdient dieses Prädikat. Der Autor ist ein enzyklopädischer Geist. Sein Buch der Bücher wird über weite Strecken zu einem Lexikon der Weltliteratur. Alberto Manguel, Autor einer lesenswerten "Geschichte des Lesens", spricht zu Recht davon, dass "hinter jeder Bibliothek eine Art Schattenbibliothek steht, eine Bibliothek voller verbotener, verdammter, verbrannter, zerstörter und fast vergessener Bücher." Fuld macht diese "Schattenbibliothek" sichtbar, lesbar. Das außergewöhnlich gelehrte Buch ist überdies gründlich recherchiert, erfreut aber auch durch einen Schreibstil, der die Aufmerksamkeit des Lesers dank einer Fülle sarkastischer Aperçus bis zum Ende rege erhält.

Werbung


Der historische Bogen wird von der römischen Antike über das alte und das aktuelle China, die islamische Welt, das nur bedingt bücherfreundliche christliche Abendland, in dem der römisch-katholische "Index der verbotenen Bücher" über vier Jahrhunderte (bis 1966!) herrscht, die NS-Diktatur, die stalinistische Zensur, den Mc Carthyismus, die DDR-Geschichte bis zur gegenwärtigen Rechtsprechung der Bundesrepublik Deutschland gespannt, die im Zweifelsfall dem Persönlichkeitsschutz vor dem Kunstprivileg und der grundgesetzlich garantierten Meinungsfreiheit so den Vorzug gibt, dass wieder eine Verbotsgeschichte daraus wird. Fuld bezieht allerdings jene Fälle mit ein, in denen die Autoren selber mit dem Publikationsverbot und dem Autodafé ihrer eigenen Bücher (Goethe, Kafka, Nabokov) ihre Selbstauslöschung betreiben wollten. Im Mittelpunkt steht aber das Wüten der Macht gegen die Freiheit des Geistes und der Literatur. "Eine Zensur findet statt", lautet das grundrechtswidrige Motto. In wünschenswerter Klarheit schreibt der österreichische Publizist Friedrich Torberg 1961 im von der CIA finanzierten "Monat", die Meinungs- und Kunstfreiheit gehöre zu "den schlechthin selbstmörderischen Defekten der demokratischen Grundordnung."

Was wird generell verfolgt in der Zensurgeschichte der verbotenen Bücher? Die Freigeisterei, das Oppositionelle, Revolutionäre, Zersetzende, Glaubensfeindliche, Ketzerische, vor allem aber immer wieder das "Unsittliche". Der obligate Pornographievorwurf ist das probateste Mittel, die Kunstfreiheit missliebiger Literatur zu unterbinden. Die großen literarischen Prozesse um Flaubert, Baudelaire, Nabokov, D.H.Lawrence, Joyce werden von Fuld detailliert rekonstruiert. Die Fatwa gegen Salman Rushdie bietet das markanteste neuere Beispiel dafür, wie Weltliteratur im Schatten religiöser fundamentalistischer Macht steht. Mit der nie aufgehobenen, allerdings bisher auch nicht realisierten Morddrohung bietet der Fall Rushdie zugleich das eklatanteste Beispiel für die Logik einer Bücherverfolgung, die nach Heinrich Heines auf die katholische Inquisition gemünztem Satz aus dem Schauspiel "Almansor" verfährt: "Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen." Ja, die Hinrichtung missliebiger Bücher auf dem Scheiterhaufen kann in die Exekution der Autoren übergehen.
Das brutalste Beispiel liefert Fuld mit der Geschichte des böhmischen Sektierers Nicolaus Drabitius, Autor der Schrift "Lux in tenebris", "Licht in der Dunkelheit". Weil er sich an Kaiser und Gott (in dieser Reihenfolge!) versündigt haben soll, wird er dem Scharfrichter überantwortet, der dem dreiundachtzigjährigen Delinquenten zunächst seine gotteslästerliche rechte Schreibhand, dann den Kopf abschlägt und, humanerweise erst danach, seine gotteslästerliche Zunge herausreißt und an den Schandpfahl nagelt. Fürwahr ein Horrorszenario, aber alles andere als ein Einzelbeispiel.

Trotzdem hält Fuld an einer letzten Endes positiven Deutung der Wirkungsgeschichte der verbotenen Bücher und ihrer Autoren fest. Sie wird für ihn, erstaunlich genug, zu einer "Chronik der Siege des Worts über die Macht": rätselhaft, geradezu dumm der unbelehrbare Glaube der Macht, unbequeme Wahrheiten dauerhaft unterdrücken zu können: "Kein verbotenes Manuskript blieb ungelesen; kein beschlagnahmtes Buch konnte nicht irgendwo anders erworben werden. Jeder Versuch, heute Internet-Seiten mit unbequemen Inhalten innerhalb der eigenen Landesgrenzen zu sperren, ist ohnehin zum Scheitern verurteilt. Die Geschichte der Verbote ist also vor allem eine Geschichte vom Überleben des in Büchern gespeicherten Gedächtnisses der Menschheit."

Das wäre freilich eine erfreuliche Perspektive auf die Geschichte der verbotenen Bücher und ihrer malträtierten Autoren, nicht zuletzt der Leser. Für die Internet-Zeiten mag das Bild sogar stimmen. Und gewiss war und ist für manches verbotene Buch das Verbot die beste Reklame. Aufs Ganze gesehen aber fällt diese Bilanz mit ihrem Glauben an die List der Vernunft auch in der Büchergeschichte allzu positiv aus. Sie vernachlässigt, wie teuer der "Sieg des Wortes über die Macht" erkauft ist. Hier fällt Werner Fulds Deutung hinter die grausame Geschichte, die er eindrücklich dokumentiert, zurück. Von den Büchern und Autoren, die so effektiv von der Macht verfolgt wurden, dass uns nicht einmal mehr eine Flaschenpost von ihnen erreicht, kann diese ohnmächtige "Sieges"-Lyrik auch nicht andeutungsweise sprechen. Allenfalls sind Leerstellen, das Grab des unbekannten Autors, ihre Spur. Das "Gedächtnis der Namenlosen" (Walter Benjamin) aber kann man nicht feiern.

– Werner Fuld: Das Buch der verbotenen Bücher. Universalgeschichte des Verbotenen und Verfemten von der Antike bis heute. Galiani Verlag, Berlin 2012. 352 Seiten, 22,99 Euro.

Autor: Ludger Lütkehaus