Die Vergangenheit ist nicht tot

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Fr, 09. März 2018

Literatur & Vorträge

Wolfgang Schorlau ermittelt in seinem Krimi "Der große Plan" auch im gebeutelten EU-Land Griechenland / Lesung in Freiburg.

Ist das tatsächlich noch ein Krimi? Oder-nicht eher ein zeithistorischer Roman und zugleich eine aufklärerische Studie über die sogenannte Griechenlandkrise in der EU? Eins steht zweifellos fest: "Der große Plan. Denglers neunter Fall" ist das bisher mit Abstand ambitionierteste literarische Projekt des akribischen Rechercheurs Wolfgang Schorlau. Und natürlich bleibt der in Stuttgart lebende Autor dabei "seinem" Genre treu: Es gibt perfide ausgetüftelte, erschreckend brutale Morde – in Serie. Es gibt atemberaubende Verfolgungsszenen, bei denen Schorlaus Protagonist, der Detektiv Georg Dengler, nicht nur physisch aufs Äußerste gefordert wird, sondern auch in allerhöchste Gefahr gerät. Es gibt eine aufwändige Ermittlungsarbeit, für die sich Dengler und seine auf IT spezialisierte Gefährtin Olga eine dritte Kraft ins Boot holen: die junge und selbstredend hochattraktive Petra Wolff, ein Organisations- und Finanztalent von bodenständiger Güte. Und es gibt die Grundlage für alles weitere: die so geräuschlose wie rätselhafte Entführung einer jungen Frau mitten aus dem Berliner Botschaftsviertel.

Das alles gibt es – und doch wäre dieser Roman nicht für einen Krimi recht stattliche 430 Seiten stark, wenn es Wolfgang Schorlaus Mission nicht wäre, seinem Lesepublikum mit den Mitteln der Fiktion und unter Einbeziehung aller ihm verfügbarer Fakten mitzuteilen, wer die eigentliche Verantwortung für die griechische Schuldenkrise trägt und, vor allem, wer von den sogenannten Rettungsschirmen allein profitiert hat. Im Nachwort gesteht der Autor ein, dass es sein Buch schwer haben wird gegen die ubiquitär herrschende, von den Medien – keineswegs nur von der Bild-Zeitung – unisono verbreitete Meinung, die Griechen hätten sich erstens den Zugang zur EU erschlichen, seien zweitens faule Südländer und drittens korrupt bis ins Mark: Und "wir" Deutschen zahlten für ihre Unfähigkeit, ihre sozialen Systeme zu erneuern und Privilegien abzubauen. Einen Versuch ist es dem unermüdlichen Aufklärer trotzdem wert: Und man muss Wolfgang Schorlau wieder einmal größten Respekt zollen für sein nicht nachlassendes Bemühen, das populäre Genre zur Offenlegung von macht- und finanzpolitischen Interessenlagen zu nutzen.

Bei Denglers neuntem Fall gewinnt dieser kritische Blick eine schmerzhafte historische Tiefenschärfe. Bei den mörderischen Verbrechen der NS-Organe im Zweiten Weltkrieg liegt der Fokus der Wahrnehmung hauptsächlich im Osten Europas. Was aber auch Griechenland unter der deutschen Besatzung zu leiden hatte, wie das Land ausgeplündert und ausgehungert wurde, wie ganze Dörfer in vermeintlichen Racheaktionen gegen Partisanen dem Erdboden gleich gemacht und ihre Bewohner hingemetzelt wurden: Das ruft der Text mit brutaler Direktheit in Erinnerung. Lange weiß man nicht, wie die schreckliche Geschichte der Kriegskameraden Gero von Mahnke und Otto Hartmann mit dem aktuellen Romangeschehen, der spurlosen Entführung von Otto Hartmanns Enkelin Anna, zusammenhängt. Dem Autor ist es dabei auch angelegen, das historische Kurzzeitgedächtnis der Deutschen aufzufrischen. Für die immensen Kriegsschäden, die Deutschland dem Geburtsland der abendländischen Demokratie zugefügt hat, ist bis heute außer einer Opferentschädigung in Höhe von 115 Millionen Mark kein Cent geflossen. Der Roman erinnert daran, welche Rolle der Bankier Hermann Josef Abs bei der Abwehr von Reparationsansprüchen spielte. Wie lautet das von William Faulkner stammende Motto des Romans? "Die Vergangenheit ist nicht tot. Sie ist noch nicht einmal vergangen".

Der ökonomische Laie

kann einiges lernen

Vor diesem Hintergrund nimmt sich der hartleibige Finanzkurs der deutschen Bundesregierung gegenüber Griechenland besonders bitter aus und bringt das Wohlstandswunderland zudem in eine moralische Schieflage. Geradezu schulbuchmäßig – und leider auch in ziemlich lehrbuchhaften Dialogen – dröselt der Autor die Hintergründe der EU-Finanzpolitik auf. Am großartigsten ist die grafische Darstellung des Umfangs des Derivate-Handels geraten: seitenweise weißumrandete schwarze Kästchen, denen gegenüber sich das Bargeldvermögen in der Welt nachgerade verschwindend gering ausnimmt.

Ja, der ökonomische Laie kann einiges lernen in diesem exzellent recherchierten Buch. Da das auf unterhaltsame Weise geschieht, nimmt er die wirtschaftspolitischen Nachhilfestunden gern hin – auch wenn der nicht ganz so unbedarfte Zeitgenosse es womöglich doch schon wusste: Der Rettungsschirm hat nicht die Griechen vor der Pleite, sondern allein die Banken vor Verlusten geschützt. Eine bittere Erkenntnis angesichts der großen Armut, die die Austeritätspolitik der EU über das Land gebracht hat. Dass Schorlaus abwesende Heldin Anna Hartmann sich von der Saula – einer knallharten Beraterin der Troika – zur empathischen Paula wandelt, die die nur vermeintlich europafreundliche, in Wirklichkeit großdeutsch patriotische Stiftung ihres NS-Großvaters in einen Solidarpakt zwischen den reichen und den armen Ländern Europas umwidmen will, mag zwar ziemlich holzschnitthaft daherkommen: Doch wird diese moralische Wende gestützt vom Empörungspotenzial, das "Der große Plan" freisetzt und das auch über manche sprachliche Holprigkeit mühelos hinweghilft. "Der große Plan" ist ein schönes – hoffentlich wirksames – Gegengift gegen politische Resignation.

Wolfgang Schorlau: Der große Plan. Denglers neunter Fall. Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018. 430 Seiten, 14,99 Euro.
Lesung: Der Autor stellt sein Buch am
13. März um 20 Uhr im E-Werk Freiburg vor.