Berufswelt

Müllergeselle Stefan Anderegg ist schon seit viereinhalb Jahren auf Wanderschaft

Sabine Naiemi

Von Sabine Naiemi

Mo, 30. Januar 2017

Donaueschingen

Stefan Anderegg hat einen weiten Weg hinter sich: „Etwa 4500 bis 5000 Kilometer habe ich bis jetzt zurückgelegt“, erzählt der Müllergeselle, der seit vier Jahren, sieben Monaten und sieben Tagen unterwegs ist – zu Fuß wohlgemerkt. Anderegg ist seit 80 Jahren erste wandernde Müllergeselle Deutschlands und auch weltweit ist er der Einzige.

In schwarzer Jacke, heller Cordhose und Cordweste, den Wanderstock in der Hand und ein Bündel über den Schultern, steht er vor dem Donaueschinger Rathaus, wo er sich gerade das Stadtsiegel als Nachweis für seinen Aufenthalt geholt hat. Was er besitzt, trägt er bei sich. Im Schlafsack ist eine Arbeitskluft eingerollt, sein Wanderbuch steckt in der mehrere Kilogramm schweren dicken Jacke, zusammen mit Briefpapier und den restlichen Habseligkeiten. Ein Mobiltelefon hat er nicht, das ist nicht erlaubt.

Er ist auf dem Weg in die Schweiz, um von dort aus nach Salzburg zu gelangen, wo er in der Stiftsmühle, einer Klostermühle, um Arbeit fragen will. Obwohl er aus der Schweiz stammt, wird er seiner Familie keinen Besuch abstatten, denn das ist dem Wandergesellen ebenfalls verboten. Für die Zeit der Wanderschaft wird außerdem der Name geändert. Während der Wanderschaft heißt er "Stefan Frd. Müller VLE". Das "Frd." steht für Freund, Müller ist seine Berufsbezeichnung und "VLE" ist die Abkürzung der Bruderschaft, zu der er gehört.

Warum so eine lange Wanderschaft? "Weil es Spaß macht. Man lernt so unglaublich viel", lautet die Antwort des strahlenden Müllers. Die Laune ist gut, obwohl er unzählige Male frierend im Freien genächtigt und sich an Bächen oder Dorfbrunnen gewaschen hat, wenn keine andere Lösung zur Verfügung stand. Ein Jahr Erfahrung und Lernen auf Wanderschaft sei vergleichbar mit zehn Jahren normales Leben. Obwohl dieses Leben von Minimalismus geprägt ist, habe er noch nicht genug, wisse noch nicht wann er mit der Wanderei aufhört. Um diese Tradition zu pflegen, habe er sogar zusammen mit 13 anderen Handwerkern (Bierbrauern, Bäckern und Konditoren) die neue Bruderschaft "Vereinigte Löwen Europas" (VLE) gegründet.

Seit mehr als viereinhalb Jahren ist er nun unterwegs und überschreitet damit bewusst die sonst übliche Zeit von drei Jahren und einen Tag schon lange. Sein Weg führte von dem Flumser Alpen, den Rhein entlang, bis nach Holland, durch Frankreich, nach Hannover, Hamburg und Bremen, nach Berlin, Tschechien und Polen. Trampen sei zwar erlaubt, aber das nehme er so wenig wie möglich in Anspruch auf seinem ganz persönlichen Jakobsweg.

Wenn der 29-Jährige von sich erzählt, fällt einem unwillkürlich das Volkslied "Das Wandern ist des Müllers Lust" ein, dessen Entstehung auf genau dieser Tradition beruht. Der Brauch, auf Wanderschaft – auch Walz oder Tippelei genannt – zu gehen, ist seit dem Spätmittelalter verbreitet. Die Gesellen sollen neue Arbeitspraktiken erlernen, andere Orte kennenlernen und Lebenserfahrung sammeln. War die Wanderschaft früher Voraussetzung zur Zulassung zur Meisterprüfung, verlor sie mit zunehmender Industrialisierung an Bedeutung.

Früher arbeiteten Wandergesellen für Kost und Unterkunft. Heute werde wegen der Sozialversicherungsbeiträge ein ortsübliches Gehalt bezahlt, erklärt der Wandergeselle. Ob er in Salzburg eine Anstellung erhält, wisse er noch nicht. Falls nicht, ist es jedoch Brauch, für eine Nacht beherbergt zu werden, und dann ziehe er eben weiter. Mit einem "Fix und vielmals bedankt und fixe Faxen wünsche ich dir", bedankt er sich mit einem Gedicht für die Einladung zum Kaffee, zieht den Hut und wendet sich zum Gehen.

Übrigens: Der Brauch der Gesellenwanderjahre existiert seit dem Spätmittelalter. Am 16. März 2015 erfolgte zur Erhaltung die Eintragung der Kulturform der Handwerksgesellenwanderschaft Walz als immaterielles Kulturerbe der Unesco.