Die Sirene im Kühlschrank

Martin Halter

Von Martin Halter

Mo, 05. Februar 2018

Theater

Im Topfpflanzendschungel: Anna-Elisabeth Frick inszeniert E. T. A Hoffmanns Märchen "Der goldne Topf" am Theater Freiburg.

Die Schwelle zwischen Zauberwelt und Alltag, Traum und Realität ist eher niedrig in E. T. A. Hoffmanns "Goldnem Topf", einem der populärsten Kunstmärchen der Romantik (und Abitur-Sternchenthema). Die Geschichte ist exakt verortet in Zeit und Raum, aber das Tor zur anderen Welt steht jederzeit und überall offen; man muss nur Fantasie und Mut haben. Der Student Anselmus will sich just am Himmelfahrtstag einen schönen Tag im Lincke’schen Bad machen, einem Vergnügungsrestaurant vor den Toren Dresdens. Von hier und jetzt ins sagenhafte Atlantis sind es nur ein paar Schritte. Lustige Hüpfer und Tanzschritte wohlgemerkt, denn die junge Regisseurin Anna-Elisabeth Frick inszeniert E. T. A. Hoffmanns "Märchen aus neuen Zeiten" spartenübergreifend als Gesamtkunstwerk aus Schauspiel, Gesang, Tanz und Performance. Frick ist erst 28 Jahre alt, hat aber schon viel Lob und Preise für ihre Inszenierungen, Ausstellungen und Filme bekommen.

Diesseits der Grenze also leben die Philister, jene fantasielosen Spießer und Muggel, die nichts von der Magie der Poesie wissen. Der Tänzer Graham Smith gibt Registrator Heerbrand als fröhlich verklemmten Pedanten. Er schämt sich fast, wenn er in einem Anfall von Übermut einen Kopfstand macht, aber auch Spießer stehen manchmal Kopf und haben noch Träume. Zum Beispiel Veronika (Stefanie Mrachacz), ein Backfisch mit sonnigem Gemüt, körperbetontem Kleid und starkem Ehrgeiz. Mit sechzehn hat man auch im Biedermeier noch Träume: Eines Tages Frau Hofrätin in einer Villa in Herdern sein, in schönen Kleidern die Honneurs machen und abends fein essen in der Wolfshöhle.

Auf der anderen Seite lockt und droht das Reich der Drachen, Hexen und Erdgeister. Lindhorst (Victor Calero), der Archivarius mit der Laborbrille des schrulligen Alchemisten, ist in Wahrheit ein aus Atlantis verbannter Salamander, die Schlange im Gebüsch sein schönes Töchterlein. Zwischen beiden Welten, buchstäblich hin und her gerissen zwischen der realen Veronika und dem bezaubernden Trugbild Serpentina, steht Anselmus (Martin Hohner), der Schönschreiber in Lindhorsts Diensten. Bei Hoffmann trug er einen "aus dem Gebiet aller Mode liegenden" hechtgrauen Frack; in Freiburg trägt der sympathische Tollpatsch das Jux-T-Shirt des Australientouristen.

Dieser Trottel ist kein sonderlich romantischer Taugenichts, aber der Traum ist ja eh interessanter als der Träumer. Jede "Topf"-Inszenierung steht und fällt daher mit Serpentina. Für E. T. A. Hoffmann ist sie das Sinnbild reiner Sehnsucht: Die blaue Blume der Romantik ist ein grünes Schlänglein, das entzückend und berückend aus dem Holunderbaum heraus singt.

Als Sebastian Baumgarten 2010 in Dresden einen fulminanten "Goldnen Topf" als Gründungsmythos der Stadt inszenierte (und Atlantis im Bombenhagel von 1945 untergehen ließ), trat Serpentina als leibhaftige Schlange im Paradies auf. Im Karlsruher Staatstheater war Serpentina kürzlich in Juliane Kanns Inzenierung ein unsichtbares Phantom. Das war romantisch gedacht, aber in ein Gespinst aus Luftballons, Papierschlangen und Klamauk verliebt sich nicht mal ein begriffsstutziger Bummelstudent.

In Dresden wurde Hoffmanns Märchen als surrealistischer Horrortrip durch die Geschichte interpretiert, in Karlsruhe als alberner Hokuspokus: "Veronika, der Tee ist da". Die Freiburger Inszenierung hält dagegen eine schöne Mitte zwischen romantischer Ironie und Realismus. Frick gibt Hoffmanns manchmal zerfaserndem Bilderreigen Struktur und einen Spannungsbogen und Serpentina ein Gesicht und eine Stimme: Die Sirene im giftgrünen Schlangenkostüm ist die Sopranistin Katharina Ruckgaber; die Zweitbesetzung ist übrigens Samantha Gaul, die Olympia aus "Hoffmanns Erzählungen". Die gute Serpentina und das böse Apfelweib, das Anselmus den "Fall ins Kristall" prophezeit und selber hexenhafte Liebestränke braut, werden in Freiburg zu einer Figur zusammen gezogen. So bekommt die Unschuld dunkle Abgründe und die liebliche Fee scharfe Konturen und Zähne wie eine Femme fatale.

Die lokalen Bezüge sind oberflächlich, die Musik kommt selten über eingängige Musicalphrasen hinaus. Damit das Zauberspiel nicht ganz ins Harmlose und Süßliche abgleitet, hat Frick es immer wieder mit schwarzen Schatten, Phosphorus-Blendgranaten und Kälte-Metaphern aufzurauen versucht. Das fängt schon beim Bühnenbild von Martha-Marie Pinsker an: Der Archivar und sein Töchterlein leben in einer kalten Welt aus neun Kühlschränken. Serpentina wohnt in einem Kühltruhen-Gewächshaus voller Zimmerpflanzen, im Coca-Cola-Kabuff nebenan gibt es Popcorn und Rock ’n’ Roll. Ein Kühlschrank ist das Tor nach Atlantis, einer Fahrstuhl in die Unterwelt, einer Telefonzelle für Anrufe aus dem Jenseits. Allerliebst ist auch die Idee mit dem Nummernboy, der die einzelnen "Vigilien" (Nachtwachen oder Stundengebete) ansagt. Am Anfang erzählt das holde Knäblein im lockigen Haar mit unschuldigem Lächeln eine grausige Episode aus den napoleonischen Kriegen; im Laufe des Abends bekommt es dann immer mehr blaue Flecken, blutige Knie und offene Wunden ab, ohne dass es sein unergründliches Lächeln verlöre.

Man muss dabei nicht gleich, wie Frick, David Lynch als Inspirationsquell zitieren. Man kann auch mit schlichteren Mitteln sanften Grusel verbreiten: Walt-Disney-Kostüme, Lurchi-Figürchen, Bärenmasken. Am Ende verlassen Serpentina und Anselm den Illusionsraum Theater und treten im Video in die andere Welt ein. Hand in Hand steht das Traumpaar auf dem Geländer der Blauen Brücke und schaut zu den Sternen: Atlantis entpuppt sich als überhöhte Wirklichkeit. So schön kann Freiburg bei Nacht sein, jedenfalls in dieser heimlich unheimlichen, artig unartigen Bühnenfassung eines zauberhaften Märchens.

Weitere Aufführungen: 6., 8., 25. Februar, 6., 7. und 23. März. BZ-Kartenservice Tel. 0761/4968888 sowie unter bz-ticket.de

Weitere Infos unter http://www.theater.freiburg.de